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Yakushimi – Die Sprache des Wassers

Von Sven Hinz

Ein dunkler Kirchenraum. Stille. Ein dröhnendes Rauschen. Dann wieder Stille. Wassermassen  tosen von links und rechts, verebben fast ganz. Ein leises Rieseln bleibt übrig.

„Wasser, wohin gehst du?“ fragt eine Leuchtschrift an der Wand.

Die Klanginstallation von Mesias Maiguashca hüllt nicht ein, beruhigt nicht, oder zumindest niemals lange. Oft unvermittelt setzt das Tosen ein, das schreckt auf. Dann aber wieder versöhnliches Murmeln: Wasser, wie man es kennt und am liebsten hat. Es gluckert und plätschert weit hinten im Raum oder so dicht neben den Füßen, dass man sich unwillkürlich nach dem tropfenden Rinnsal, dem rauschenden Regenrohr, dem trauten Waldbächlein umschaut. Die Sinne sind verwirrt: Hier in der Kirche? Das Visuelle folgt dem Hören, der Klang evoziert die Vorstellung.

Mesias Maiguashca hat, solange er an der Freiburger Musikhochschule elektroakustische Musik unterrichtete, seine Studierenden immer wieder darauf hingewiesen, dass im sogenannten „Weißen Rauschen“ die Summe aller möglichen Klänge enthalten ist. Ein einziger Moment Meeresrauschen enthält die Neunte Symphonie von Beethoven und alle ungeschriebenen Symphonien noch dazu. Nur ungeformt, chaotisch. Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.

Bei der Eröffnungsvorstellung in der Friedrichshafener Nikolauskirche erklingt Musik von Messiaen. Behutsam wird die Klangsprache des Wassers hineingeblendet: eine berückende Symbiose. Wie sehr der Orgelton dem Wasser gleicht, wird hier offenbar. Schwebungen an der Oberfläche der Töne, die gleichzeitig unflexibel sind wie ein kalter Strahl.

Der Raum ist dunkel: das Auge sei der Feind des Ohrs, wie es Maiguashca in seiner einführenden Rede ausdrückt. Er lädt ein zum Lauschen in meditativer Haltung, passiv, wie ein Kind im Mutterleib vielleicht dem Rauschen der diffusen Außenwelt lauscht, umhüllt vom Wasser des Lebens. Und er lädt ein, zu wandern, dem Wasser zu folgen, es wie ein Objekt im Raum zu betrachten. Rauschen und Wandern: zwei romantische Motive im neuen Gewande. Ich musste auch hinunter, wie es in Schuberts „Schöner Müllerin“ heißt.

Durch das Wandern im Raum verändert sich das Rauschen. Wer sich den Klang-Quellen nähert und von ihnen entfernt, nimmt wahr, wie sich Lautstärke und Raumrichtung ändern. Das „Mischpult zwischen den Ohren“, so nennt Maiguashca das.

Das Wasser redet unaufhörlich und wiederholt sich niemals

Erstaunlich, dass bei soviel Gerede trotzdem Stille möglich ist. Lauschen macht still. Man kennt es vom Spaziergang im Wald, am Bach, am See: das Stehenbleiben, Stillwerden, Lauschen. Pausen sind hineinkomponiert, in regelmäßigen Abständen, so dass man sich auf sie einstellen kann. Klang-Inseln umfließen Stille-Inseln. Ruhende Steine inmitten von quasselndem, quirligem, geschwätzigem Gefließ. Die Pausen rhythmisieren das Unaufhörliche, sie geben der ungrammatischen Wassersprache eine Syntax. Einen Punkt. Das Wasser spricht fließend. Aber was?

Müßig, aus dem Gerausche des Wassers so etwas wie einen Sprachlaut heraushören zu wollen. Aber umgekehrt gelingt es: soviel „fff“ und „schsch“ in unserer Sprache, in fast jeder Sprache der Welt. Alle Augenblicke rauschts und zischts in unseren Mündern, und diese Geräusche haben, scheint‘s, immense Bedeutung. Die Sprache des Wassers hat keine Bedeutung, sie erlaubt es uns, freizuwerden von der Mühe des Deutens und Verstehens. Das ist erholsam. Ist deshalb der Ozean so anziehend? Das Geräusch der Brandung gibt uns nichts zu denken. Das Meer spricht: Ereignis folgt auf Ereignis folgt auf Ereignis. Jedes ist einmalig, keines von besonderer Wichtigkeit.

Wasser, Stein, Wind

Dann: das Licht. Punktstrahler leuchten vom Boden aus die Wand hinauf. Kleine statische Lichtspringbrunnen, in Blau natürlich, der Farbe des Wassers. Oder des Himmels, vom Wasser reflektiert. Dort wo das Licht ist, kommt auch der Klang her: Neben jedem Scheinwerfer steht ein winziger Lautsprecher.

Lichtbuchstaben erscheinen an den Wänden, verschwinden wieder. Menetekel vom Wasser, Sprüche und Zitate. Faktisches folgt auf Poetisches, fließen ineinander. Thales von Milet ist dabei, der davon ausging, dass im Wasser alles Leben beginnt und endet, biologische Fakten ebenso wie aktuelle Zahlen über Wasserverschmutzung und Trinkwasserversorgung.

Der Zuschauer wandert im Raum und an der Grenze zwischen Realität und Rausch, hört und hört auf. Das Wasser höhlt den Stein, der Wind zerstiebt das Wasser, der Stein beruhigt den Wind. Wasser, Wind, Stein.

„Yakushimi“ ist die logische Fortsetzung von Maiguashcas großdimensionierten „Lied von der Erde“ (La Canción de la Tierra), 2013 zu Ehren der Sonne im ecuadorianischen Quito uraufgeführt. Aus Gesang wird Sprache, aus der Erde quillt Wasser. Die „Canción“ ist statisch, verwurzelt mit dem Ort und der Zeit der Sonnenwende am Äquator. „Yakushimi“ dagegen ist beweglich, ist im Vergleich zum Riesenapparat der „Canción“ relativ leicht zu realisieren. Sie kann in alle Räume fließen, die offen sind.

Mit „Yakushimi“ kehrt nicht nur Maiguashca zurück zu seinen Quellen – der indianische Titel verweist auf seine indigene Herkunft – sondern er nimmt uns, den Hörer, dorthin mit. Erinnere dich, spricht das Wasser, erinnere dich an mich und an das Leben, an die Natur. Klingt das romantisch? Wenn ja, dann ist es die Essenz der Romantik, reduziert auf ihr Notwendigstes.

Wasser, wem gehörst du? fragt eine Schrift an der Wand. Keine Antwort.

Der Rest ist Rauschen.

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