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Die Welt als Auffahrunfall und Vorstellung

„Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darnach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht.“ (Augustinus, „Bekenntnisse“, XI. Buch, 14. Kap.)

Auf meinem Schreibtisch in München liegt eine Postkarte mit einer Freiburger Ansicht. Im Vordergrund das Schwabentor, vom Schloßberg aus, im Mittelgrund und in der Bildmitte das Martinstor, daneben der Uniturm. Auf der Uhr des Schwabentors ist es zwanzig nach acht am Morgen. Daß es morgens ist, sieht man am Licht.
Man weiß nicht, ob die Uhr läuft, ob sie stehengeblieben ist, ob sie kaputt ist oder ob sie überhaupt genau geht. Zwanzig nach acht in dem Moment, da das Bild gemacht wurde, na das wird schon stimmen. Gleichzeitig aber steht die Frage da, warum es in diesem Moment zwanzig nach acht gewesen sein soll, wie wir dazu kommen, dem Moment diese Bezeichnung zuzuordnen: JETZT ist es zwanzig nach acht. Zehn Minuten später heißt es: JETZT ist es halb neun. Undsoweiter. Zwei verschiedene JETZT, nur weil man sie verschieden benennt? Wenn wir 12 oder 24 Stunden später wieder sagen, JETZT ist es zwanzig nach acht, ist der Moment zurückgekehrt, in sich selbst gelaufen?

Mir kommt das Bild eines Auffahrunfalls. Der entsteht, wenn ein Auto unvorhergesehen heftig bremst, und sein Nachfolger ihm in den Kofferraum fährt. Motorhaube und Kofferraum berühren sich. Sie gehören zwei getrennten (nunmehr sich berührend vereinten) Autos an, quasi zwei Momenten. Soll jetzt ein Moment in sich selbst zurücklaufen können, wäre das so, als würde ein einziges Auto auf der Straße wenden und sich dabei so stark krümmen, daß es einen Auffahrunfall mit sich selbst produzierte, daß Motorhaube und Kofferraum DESSELBEN Autos sich berührten.

Kann es sein, daß genau das geschieht, wenn wir einen Auffahrunfall beobachten? Daß ein einziges Auto mit sich selbst zusammenstößt, wir aber den Vorgang beobachtend auflösen und als zeitlich und räumlich getrennt INTERPRETIEREN? Daß die Welt – wie auch Hawking und andere Physiker annehmen – schleifenartig in sich selbst zurückläuft, quasi als Kugel der Gleichzeitigkeit verpackt, die wir entrollen und deren einziges Ereignis, das sich nicht ereignet, als gequantelt, als „nacheinanderige“ scheinbar getrennte Ereignishäppchen – „happenings“ – wahrnehmen? (An diesem Punkt kommt mir wieder der Darm mit seinen Knäueln und Windungen in den Sinn. Göttliches Organ!)

In jedem noch so knackigen frischen Apfel ist bereits der faulige, braune verschrumpelte enthalten. Man muß sich seine Stadien nicht als sich verändernde runde Gestalt denken, sondern als ein in der Zeit, man denke sich diese Dimension einmal als grafisch dargestellte Länge, ausgestrecktes längliches Objekt, das am linken Ende grün ist und allmählich gegen das andere Ende hin dunkler wird, faltiger, kleiner, schließlich übergeht in krümelige Erde, jedes Krümel für die Zeitdauer seiner Existenz langgezogen wie ein Gebirge.

Umgekehrt ist ein Würfel nichts anderes als ein vierdimensionaler Punkt. Ein in einer komplexen Schleife gekrümmter Punkt, der „gleichzeitig“ an mehreren Stellen im Raum sich befindet, der unendlich oft in sich selbst zurückläuft, der  einen Auffahrunfall nach dem anderen mit sich selbst produziert, in einer derart hohen Frequenz, daß der eine Punkt den Eindruck eines festen, undurchdringlichen materiellen Gegenstandes hervorruft.
So wie auch das Fernsehbild, das mit einer (mittlerweile veralteten – schade eigentlich um so ein schönes gleichnishaftes Sinn-Bild) Elektronenröhre erzeugt wird, sich nicht aus Millionen von Elektronenstrahlen zusammensetzt, sondern aus einem einzigen, der überall gleichzeitig zu sein SCHEINT.

Stell dir vor, die Dimensionen von Raum und Zeit wären vertauscht, und du hättest das Apfel-Objekt, welches an einem Ende grün ist und am anderen braun und schrumpelig (es wäre kein losgelöstes Objekt, sondern seine vorherigen Inkarnationen als Blüte, als ihn befruchtende Biene usw. wären als endlose Metamorphose in diesem Objekt am linken Ende vorhanden, am rechten die Stadien als Erde usw.), und du würdest dieses Objekt anfassen und mit der Hand nach links streichen, in Richtung Blüte – deine Hand würde sich in dem Maße verjüngen, wie du der Jugend des Apfels entgegenstreichst, und umgekehrt altern, wenn du in Richtung Verschrumpelung dich bewegtest. Nur wären Jugend und Alter des Apfels „gleichzeitig“ im Raum präsent, man könnte nicht vom „Vergehen der Zeit“ sprechen, genauso wie man jetzt, in unserer alltäglichen Wahrnehmung, nicht vom „Vergehen des Raumes“ spricht, denn links und rechts sind nicht zeitlich angeordnet, nicht kommt „links“ immer vor „rechts“ (außer manchmal im Straßenverkehr, aber dann kommt es zu Auffahrunfällen).

Im Extremfall wäre das gesamte materielle Universum zu denken als ein einziges Elementarteilchen, das mit solch infinitesimal großer Geschwindigkeit – Lichtgeschwindigkeit hoch unendlich – im leeren Raum schwingt und durch sein „Gleichzeitig-überall-Sein“ den Eindruck von Materie und Zeit erzeugt.

Das Universum als Atomuhr?

Tatsache ist, daß nicht die Dinge sich bewegen, weil Zeit vorhanden ist, sondern umgekehrt – der Eindruck von Zeit entsteht in Abhängigkeit von Bewegung. Zeit „vergeht“, indem etwas im Raum sich „bewegt“. Zeit ist eine Funktion des Raumes. Je größer der Raum, desto mehr Zeit hat in ihm Platz. Darum sprechen wir von Lichtjahren, Flugstunden, Gehminuten. Einheiten, die sich auf beide Größen, den Raum und die Zeit, letzteres als abhängige Größe, beziehen.
Der Raum – das Universum – ist ebenso alt wie groß: dreizehn Milliarden Lichtjahre. Die Zeit müßte, der obigen Annahme entsprechend, dort enden, wo der Raum verschwindet, wo er so klein geworden ist, daß keine Bewegung mehr in ihm möglich ist. Unendlich kleiner Raum aber ist überall, du kannst an jedem Punkt der Materie dein geistiges Mikroskop tiefer und tiefer in den Mittelpunkt des Etwas treiben, bis du aufs Nichts stößt.

Um noch einmal auf das Apfel-Objekt zurückzukommen, anhand dessen ich die Möglichkeit angedeutet habe, mit der einen Hand das Vergangene, mit der anderen das Kommende – beides im Raum präsent – zu berühren:
Warum scheint es nicht ohne weiteres möglich, aus der Zeit herauszutreten (außer durch das Portal des Nichtdenkens)?

Da wir als Form unlösbar in das unendlich im Zeit-Raum sich erstreckende Objekt eingewoben sind. Wir sind Teil des kosmischen Auffahrunfalls, Zeugen einer seltsamen Schleife (möglicherweise hat sie die Form einer Brezel oder einer liegenden Acht [Acht ist die Zahl der Welt], wie das Unendlichkeits-Symbol), auch Schöpfung genannt. Daß die Schöpfung kein Anfang und kein Ende hat, versteht sich von selbst – das Universum bietet sich dar als in sich gekrümmte Schlange, die an einem „Ende“ in einer Singularität beginnt, dann etwas dicker wird und wieder in sich selbst zurückläuft, eine Singularität, die im Raum auseinandergezogen ist: „Du siehst, mein Freund, zum Raum wird hier die Zeit“ (Wagner, Parsifal). In diesem Ring – oder Schlange, und nicht umsonst steht in vielen Kulturen das Bild der Schlange für den Kosmos, für Schöpfung etc. – ist alles mit allem verbunden, die Zustände eines beliebigen Abschnittes repräsentieren sein Vorher und Nachher. Dem denkenden Verstand bleibt nichts anderes übrig, als das Gleichzeitige in Sukzessivität aufzulösen, das Unendliche, als Präsenz aller Zahlen, kann er, der Zählende, nicht denken.

Und um zum letzten – oder ersten Mal – noch einmal auf das Apfel-Objekt zurückzukommen, anhand dessen ich die Möglichkeit angedeutet habe, mit der einen Hand das Vergangene, mit der anderen das Kommende – beides im Raum präsent – zu berühren: ein ähnliches Bild findet sich in der Apokalypse:

„Und der Engel, den ich sah stehen auf dem Meer und der Erde, hob seine Hand gen Himmel
und schwur bei dem Lebendigen von Ewigkeit zu Ewigkeit, der den Himmel geschaffen hat und was darin ist, und die Erde und was darin ist, und das Meer und was darin ist, daß hinfort keine Zeit mehr sein soll;“ (Offb 10, 5-6)

Der Engel als räumliche Präsenz, die Vergangenheit (das Meer, in dem alles versinkt) und Zukunft (das Land, das wir noch nicht kennen) verbindet. Überhaupt scheint mir, daß, wann immer in religiösen Texten von „Engeln“ die Rede ist, damit auf Konzepte von ewiger Gegenwart gezielt wird. Die „Engel Gottes“ als quasi-zeitliche Vertreter des Unzeitlichen. Boten, die dem menschlichen Verstand das Nichtsein der Zeit verkünden.