Archiv der Kategorie: Schauspiele

Schauspiele

Drei Szenen
Spielanweisungen für vier Personen
2005

zusammen oder getrennt
für zwei Männer zwischen zwanzig und vierzig
2006-11

Der Elefantenfluch
Text für ein Puppenspiel
2007

Shakespeare probt ein neues Stück oder:
Der Geist weht, wo er will
2007

Nach dem Erwachen
Aus dem „Tagebuch eines Erleuchteten“
2008

Die Nonne und der Kerkermeister
(w.i.p.)

Familienbeschimpfung
für mehrere Sprecher
2010

Ich sterbe gerade
Stück für drei
2010

Quartett

Vier Personen (A, B, C, D)

Die Personen sitzen an einem quer zum Publikum aufgestellten rechteckigen Tisch: A und D sitzen sich an den Kopfenden gegenüber, B und C nebeneinander an einer langen Seite (Gesicht zum Publikum). Jeder hat ein aufgefächertes Kartenspiel mit jeweils vier Blatt in den Händen. Sie halten die Karten mit beiden Händen übertrieben dicht vors Gesicht, wie eine Maske (Rückseite nach vorn). A dreht einmal sein Gesicht mitsamt den Karten zum Publikum, beugt dabei den Oberkörper vor, und wieder zurück.

Danach beginnt das Spiel: In jeder Runde legt einer nach dem anderen (aber niemals der Sitzreihenfolge gemäß und jedesmal in einer anderen Reihenfolge) ein Blatt ab, tut dies aber von Runde zu Runde in unter­schiedlicher Weise. Die Geschwindigkeit der Bewegung kann ebenso variiert werden wie die Lautstärke, mit der das Blatt abgelegt wird (immer mit der Bildseite nach oben), auch der Charakter kann sich verän­dern: herausfordernd, triumphierend, verzagt, gleichgültig. Während des Ablegens bewegen sich jeweils nur rechter Arm und rechte Hand. Die Pausen zwischen dem Ablegen sollten unterschiedlich lang sein.

Am Ende jeder Runde – d.h. wenn in beliebiger Reihenfolge jeder eine Karte ausgespielt hat – schau­en gleichzeitig alle vier mit langsamen, übertrieben „heimlichen“ Bewegungen dem Sitznachbar in die Kar­ten, und zwar wie folgt:

A schaut bei B, B bei C, C bei B und D bei C.

Dabei bewegen sich nur die Köpfe, die Position der Karten wird nicht verändert. Die Köpfe kommen hinter den Karten zum Vorschein, verharren etwa zwei Sekunden und kehren in die Ausgangsposition zurück, worauf die nächste Runde beginnt. Diese „Spickbewegung“ wird immer mit derselben Geschwindigkeit ausgeführt.

Die Spickbewegung am Ende der ersten Runde ist lautlos.

Am Ende der zweiten Runde wird sie begleitet von einem fragenden murmelnden Laut (langgezogenes, aufwärts glissandierendes Mmh?)

Am Ende der dritten Runde (wenn jeder nur noch ein Blatt mit beiden Händen hält), gibt jeder ein abwärts glissandierendes Mmh! von sich, in der Art einer gewonnenen Erkenntnis.

In der vierten Runde spielt jeder sein letztes Blatt aus, nimmt aber mit der ausspielenden rechten Hand wie zuvor die ursprüngliche Position ein, als hielte er weiterhin Karten. Der Blick ist durchgehend ausdruckslos auf die nichtvorhandenen Karten fixiert. Wie zuvor bewegen alle ihre Köpfe in der angegebenen Weise und beginnen dabei, zunächst äußerst leise, dann zunehmend stärker, zu zischeln. Jeder nähert sein Gesicht äu­ßerst nahe der Hand, die er betrachtet, als sei er kurzsichtig. Zunehmend der Ausdruck größeren Erstau­nens.

Nach etwa fünf Sekunden regungslosen Betrachtens und lauten Zischelns wenden alle gleichzeitig den Blick auf die eigenen Hände, stehen langsam auf, währenddessen das Zischeln leiser wird, und gehen, den Blick starr auf die unveränderten Hände gerichtet, nach verschiedenen Richtungen ab.

Licht aus.

zusammen oder getrennt

für zwei Männer zwischen zwanzig und vierzig

Lediglich die erste und letzte Szene sind verbindlich. Die Reihenfolge der übrigen Szenen ist vom Regisseur bzw. den Darstellern festzulegen. Es können Szenen weggelassen werden.

Innenraum.

Rechts: ein sehr bequemer Sessel mit Kissen, und ein hölzerner Hocker ohne Kissen, und ein rundes Beistelltischchen mit Spitzendeckchen. Darauf ein Fleischermesser wie aus einem Horrorfilm.
Links: zwei hölzerne Stühle ohne Kissen. Wenn A und B darauf sich gegenübersitzen, sind ihre Profile dem Publikum zugewandt.
Hinten: Genau in der Mitte eine Tür mit zwei aus- und einwärts schwingenden Türflügeln.

Weitere Requisiten wie angegeben.

Gewöhnliches Licht.

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A und B sitzen sich gegenüber und starren sich in die Augen. Zwischen ihnen: das Beistelltischchen mit Fleischermesser.
B          Du hast geblinzelt.
A          Hab ich nicht.
B          Doch. Pause. Schon wieder.
A          Das kommt von meinen Kontaktlinsen, die stören mich. – Jetzt hast du.
B          Ich hab gar keine Kontaktlinsen drin.
A          Trotzdem hast du geblinzelt.
B          Ich sehe dich nur verschwommen.
A          Wie kannst du dann sehen, ob ich geblinzelt habe?
B          Blinzeln zählt nicht: Wer zuerst wegguckt.
A          Na schön. Sie starren. Wieviel Uhr ist es?
B          Du weißt es ganz genau.
A          Ich wollte mich vergewissern. Du hast eh keine Uhr um.
B          Ich brauch auch keine. Sie starren.
A          Da klettert was an dir hoch.
B          Meinst du, ich fall drauf rein?
A          Eine Spinne oder so.
B          Wisch sie doch weg.
A          Keine Lust. Ich will, daß sie in deinen Ausschnitt krabbelt.
B          leicht panisch: Dann verlierst du.
A          Macht nichts. Sie starren.
A          vergnügt: Ich werde gleich Spaß haben.

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A          Unsere kleinen Iche können das Problem nicht lösen. Sie sind das Problem.
B          Gott, ich kanns nicht mehr hören. Ständig diese Ichscheiße.
A          Genau das habe ich gemeint.

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A          Du hast bisher nichts geschaffen oder geleistet, obwohl ein starkes Feuer in dir brennt. Wenn es erloschen ist, wirst du etwas schaffen wollen und nicht mehr können. Dann werde ich dich abwechselnd demütigen und wieder aufrichten, das wird uns beiden eine Freude sein, das erste für mich, das zweite für dich.
B          Wir werden nie gemeinsam Freude haben.
A          Aber sie wird gerecht geteilt: Erst ich, dann du.
B          Wo bleibt die Liebe?
A          sehr zärtlich: Ich schau mal nach. Er geht in die Küche, kommt zurück. Sie hat sich etwas verspätet.
B          Aber jetzt ist sie da?
A          Sie wartet draußen.
B          Dann hol sie doch mal rein.
A geht in die Küche. B spielt mit dem Fleischermesser, kühlt sich die Stirn, tut, als rasiere er sich die Wangen und setzt dann die Spitze an seinem Handgelenk an. A kommt und schlägt die Tür zu.
B          Paß auf! Beinahe hätte ich mich umgebracht wegen dir.
A          nimmt ihm das Messer ab. Ich auch.
B          Warum tust dus nicht?
A          Zuviel Angst vor den Schmerzen.
B          Ach, das bißchen. Mann, bist du feige.
A          Ich hab mich schon als Kind nie umbringen können.
B          Ging mir genauso. Er haucht auf die Schneide und poliert sie am Ärmel.
Wollen wir uns gegenseitig…
A          Ach, lieber nicht. Ich finde, so was muß man selber machen. So eine intime Sache. Und wenn auch noch jemand zuguckt, gehts gleich garnicht.
B          Wie beim Pinkeln am öffentlichen Urinal. Es klemmt bei Millionen, und keiner spricht davon.
A          Dabei kann man sich drauf verlassen, daß der Nebenpinkler garantiert nicht mal schielen wird. Könnte ja für schwul gehalten werden.
B          Eben. Du pißt dir selbst das nächste.
A          Ich sage mir immer: Intimität fließt an den Wänden herab und hüllt mich ein. Ich bin allein, meine Blase ist gelöst und ich habe Zeit.
B          Daß du davon anfängst, ich muß schon wieder aufs Klööchen. Diesen Satz auf keinen Fall tuntig sprechen, sondern ganz normal.
A          Grüß mir die Liebe, sie traut sich nicht rein.
B          Mach ich. Ab.

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B          Bist du so lieb und machst uns Kafféhee?
A tut es. In der Küche werden die Geräusche der Kaffeemaschine elektronisch verstärkt und in den Saal übertragen.
A          mit dem Kopf durch die Küchentür: Huhuu, ich bin deine K-Fee, du hast drei Wünsche frei!
B          über die Schulter: Drei Würfel Zucker, wie immer, bitte.

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A und B sitzen sich mit Kaffee gegenüber.
B          Warum bleibst du eigentlich bei mir. Ich quäl dich doch nur.
A          Ich finde, ich habe ein Talent zur Unterordnung. Das kann ich durch dich entfalten. Er rührt in der Tasse. Je kleiner du mich machst, umso größer fühle ich mich.
B          Wieso ein Talent? Man braucht kein Talent zur Unterordnung.
A          Kannst du es?
B          Ich? Nein.
A          Na sehn Se.
B          Aber nur, weil du mich nicht dominieren könntest. Dazu fehlt dir das Talent.
A          lächelt. Vielleicht dominier ich dich ja, auf subtile Weise.
B          lächelt. So?
A          mit maximaler Süffisanz. Ich bringe dich – ich zwinge dich – dazu, mir mein Talent entfalten zu helfen. Mein Talent zur Unterordnung. So werde ich letztlich ein ganzer Mensch. Vollkommen im großen wie im kleinen.
B          Das konstruierst du bloß.
A          Mag sein, für dich. Es ist meine Wahrheit. Wäre ich nicht, wärst du nichts.
B          Wenn du meinst.
A          Was würdest du machen ohne mich?
B          verträumt: Ich würde in der Nacht mit Menschen telefonieren, für die es Mittag ist, auf der anderen Seite der Erde. – Wieder präsent: Aber zum Glück habe ich ja dich.
A          Na sehn Se. Dann räum ich mal ab. Er nimmt die Tassen, B hält ihn fest.
B          Du bleibst doch, oder?
A          Jetzt geh ich erstmal in die Küche.
B          Nein, danach. Wenn wir Nacht haben und die andern Tag.
A          Ich bin doch noch nicht fertig mit dir. Er macht sich los. Mit uns. Er trägt die Tassen hinaus.

A          von draußen aus der Küche, sehr beschwingt: Hallo Liebe, du bist ja immer noch da!
B          Glück gehabt.

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B          Konfuzius sagt: „Ob du eilst oder langsam gehst, der Weg vor dir bleibt derselbe.“
Lange Pause. Beide schweigen erstarrt. Manchmal nickt einer gedankenvoll.
A          Es ist dann doch egal, oder?
B          Was.
A          Ob einer schnell geht oder langsam. Jeder denkt, ja klar, der Konfuzius will wahrscheinlich sagen, wir können ruhig langsam laufen. Aber ich finde, es kommt nicht drauf an.
B          Genau, keine zielgerichtete Moral.
A          Moral schon gar nicht
B          von wegen langsamer ist besser, sondern
A          langsam ist wie schnell
B          gleichgut, es kommt drauf an
A          es ist situationsbedingt
B          es schließt sich nicht aus
A          kein Dualismus
B          universelle Weltsicht
A          Auflösung der Begrifflichkeiten
B          Erleuchtung durch Paradoxa
A          Nirvana
B          Osho
A          Buddha
B          Baghwan
A          Ommm…
B          stimmt ein: Ommm.
Sie setzen sich spontan in den Lotussitz und ommen eine Zeitlang.
A          Ommm… Er rezitiert das folgende auf dem gleichen Ton.
Hast du Räucherkerzeeen daaa…
B          rezitiert: Neeeiin…
A          Schaaade…
B          Maaacht niichtsss… Das ts lang gezischt, A stimmt mit ein.
A          tsss… Die beiden zischen leiser und verstummen.
B          sehr leise, nicht geflüstert: Ob du langsam eilst oder gehst…
A          der Weg vor dir bleibst derselbe.
B          Amen. Pause. Normaler Ton. Amen. Das darf ich sagen. Es ist nicht spezifisch schristlich.
A          Hab ich nicht behauptet.
B          Ich meine sowas gespürt zu haben.
A          Kann durchaus sein. Pause. Daß du überhaupt was spürst.
B          Ich mache Fortschritte.
A          Möglicherweise. Hat dich die Meditation sensibilisiert?
B          Kann durchaus sein. Machst du Fortschritte?
A          Ich stehe still, es kommt nicht drauf an.
B          Stillstand ist Rückschritt.
A          Dann müßte Fortschritt Stillstand sein.
B          Daraus folgt, daß Fortschritt Rückschritt ist.
A          strahlend: Wir sind erleuchtet!
B          Was heißt erleuchtet?
A          Was fragst du mich. Erleuchtet sein heißt im Jetzt zu sein.
B          Kein Problem, oder?
A          Kannst du mir zeigen, wie das geht?
B          Kein Problem, jetzt ist jetzt. Jetzt ist das. Er springt gegen die Wand und hinterläßt einen Fußabdruck.

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A          Kann ich nicht heute nacht bei dir bleiben?
B          Moment. Ich gehe aufs Klo und denke drüber nach. Er tut es.

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A          Sollen wir spielen, daß wir zusammen sind?
B          Gute Idee, du fängst an.
A          Ich? Warum ich?
B          Du hast es schließlich vorgeschlagen
A          Was hat das damit denn zu tun?
B          Du verstehst mehr davon als ich. Du kannst es besser.
A          Ach. Der Herr hat also wieder nicht genug Selbstvertrauen, wie?
B          Soviel wie nötig.
A          Sollen wir losen?
B          Wir zählen aus: Wer übrigbleibt, verliert.
A          Wer gewinnt, auch.
B          Meinetwegen.
Während des Abzählreims zeigt jeder erst mit dem rechten, dann mit dem linken Zeigefinger abwechselnd auf sich und den anderen. [Zeichnung]
A          Liebst
B          du
A          dich
B          und
A          du
B          liebst
A          mich
B          dann
A          lieb
B          ich
A          mich
B          und
A          ich
B          dich
A          nicht.
A, B     Erster!
B          Wieso ich?
A          Du warst zuletzt dran!
B          Aber ich war zuerst fertig.
A          Waren wir eigentlich zusammen?
B          Womit?
A          Mit Abzählen.
B          Ich glaube nicht ganz.
A          Ich glaube ich auch.
B          Du glaubst dich auch?
A          Ich glaube mich immer.

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A          Werde ich an dir zugrunde gehen?
B          Könnte sein.
A          Wirst du mich leiden lassen?
B          Zumindest nicht bewußt.
A          Willst du mich leiden lassen?
B          Willst du, daß ich dich leiden lasse?
A          Nicht, wenn du nicht willst.
B          Was willst du denn?
A          Ich will spielen!
B          sehr emphatisch: Spiel! O ewiges unendliches Spiel. Laß uns spielen,
A          bis wir sterben! Laß uns spielen,
B          daß wir sterben!
A          schwärmerisch: Selbstmord! Der ewige Wunsch nach Transzendenz. Das Hinübergehen als letzter schöpferischer Akt.
B          Was ist beispielsweise am Erhängen bitteschön so schöpferisch?
A          strahlend: Du erschaffst dich neu!
B          Du mißachtest das Leben.
A          Nein, ich erweitere es ins TUN, das ist die Abkürzung für Transzendente Ungeheure Namenlosigkeit. Darum verurteilt die Katholische Kirsche diesen Akt: Seine Offenbarungen sind verläßlicher als ihre. Und der einzig gangbare Weg.
B          Ist es eigentlich ein demokratischer oder ein willkürherrschaftlicher Akt?
A          Reiner Absolutismus! Und das tiefste aller Grundrechte.
B          begeistert: Freitod für alle!
A          Selbstmord ist der Ausgang der Menschen aus ihrer neuverschuldeten Schluckauf-Müdigkeit.
B          Vive la mort!
Sie stoßen sich Theaterdegen ins Herz und kippen sich in die Arme.
B          röchelnde Stimme: Wer gewinnt, verliert.
A          dito: Wer übrigbleibt – auch. Keine Pause.
A          normale Stimme: Diese Stille.
B          dito: Welche Stille. Sie lösen sich voneinander.
A          Ich glaube, wir sind im Jenseits.
B          Kann schon sein. Zieh mir mal das Teil aus der Brust. A zieht ihm den Degen heraus.
A          Jetzt du. B zieht. Autsch.
B          Und jetzt?
A          Wiedergeburt.
B          Zurück in die Reduktion?
A          Ja. Ist doch das Gleiche.
B          Und warum?
A          Ich möchte Kaffée.
B          Guter Punkt. Mit Körpertausch?
A          Nein, mit Zucker.
B          Die Wiedergeburt meine ich.
A          Können wir machen. Warum?
B          Mir gefällt mein Körper.
A          Warum willst du ihn dann tauschen?
B          Ich will Sex mit ihm haben.
A          Geiles Stück.
B          Finde ich auch. Also, tauschen wir?
A          Kann losgehen. Sie stellen sich einen Schritt voneinander entfernt auf [Zeichnung]: Die Hände in Gebetshaltung flach aneinander, verharren sie einen Moment und nehmen dann die Haltung eines Schwimmers auf dem Startblock ein: Knie leicht gebeugt, Oberkörper vornüber.
B          Und hopp. Sie tun einen Satz und stehen aufrecht nebeneinander. Gebetshaltung.

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B          Ich verlasse dich.
A          Du willst mich verlassen! Kannst froh sein, daß ich mit dir zusammen sein will! Daß jemand überhaupt mit dir zusammen sein will. Weißt du denn, wie du aussiehst. Wie alt du bist. Wie selbstsüchtig-eitel-disziplinlos-eingebildet du bist. Wie jemand so sein kann wie du, und trotzdem so derbe langweilig! Das war mir schon immer ein Rätsel. Wenn du ansatzweise spüren könntest, wie lästig du mir bist, dann hättest du dich längst, aus Rücksicht auf mich, aus dem Fenster geschleudert.
B          ganz gelassen: Du bist aber düschter druff.
A          düster: Wenn du gehst, verlasse ich dich.

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A          Wärst du so nett, mich gegen Bezahlung ein bißchen zu mißbrauchen? Er streckt ihm den Arsch hin.
B          Aber deine Würde! Monoton. Das geht doch nicht das kann ich nicht.
A          Meine Würde ist so dehnbar wie mein Schließmuskel.
B          Wer soll denn zahlen, du oder ich?
A          Abwechselnd. Erst ich, dann du. Streckt ihm den Arsch und zwischen den Beinen etwas Geld entgegen. Aber mißhandelt werde nur ich!
B          Ich weiß nicht. Ob ich das darf. Ich weiß ja gar nicht, was ich mit dir machen soll. Dich mißhandeln, das ist leicht gesagt. Er nimmt das Geld und stopft es in A’s Gesäßtasche. Wie geht das denn?
A          Du mußt sagen: Auf die Knie.
B          Auf die Knie! A tut es.
A          Hände auf den Rücken.
B          Hände auf den Rücken! A tut es.
A          Schau mich an, du Sau.
B          Schau mich an. A tut es. Du Sau.
A          pathetisch: Kaum hätte ich gedacht, welche Täler der Erniedrigung es zu durchschreiten gibt, noch weniger, daß ich bereit bin, sie zu durchschreiten. Schlag mich.
B          Ich kann das nicht.
A          noch pathetischer: Welche Genugtuung zu wissen, hinreichend erniedrigt zu werden, gegenüber jemandem, der sich – fürs erste – weigert, mich zu erniedrigen! Straf mich.
B          Ich weigere mich zu strafen.
A          äußerst pathetisch: Ohh whelch-he Qhwahhl. Nicht mehr pathetisch: Das ist so schlimm, es tut so weh: gezüchtigt werden wollen und nicht gezüchtigt werden. Ja das ist peinlich. Oh oh oh…
B          Mir ist es auch peinlich. Schau weg.
A          schaut weg, nach links, als sei er geohrfeigt worden.
B          Schau her.
A          ohne zu reagieren: Schau mich an, du Sau.
B          Schau her! A tut es. Du Sau. A schweigt.
B          Kein Wort.
A          schweigt.
B          lauter: Sei still, verdammt!
A          schweigt.
B          lauter: Halts Maul, verdammt!
A          schweigt.
B          sehr laut: Halt die Fresse! Verdammt!
A          schweigt. Lange Pause.
B          Aufs Klo.
A gehorcht. Seine Geräusche werden im Saal verstärkt, A kommt zurück. B regungslos.
B          Wie wars.
A          Es ging.
B          Darf ich auch?
A          Nein.
B          Ich muß aber.
A          Ich nicht. Pause.
B          Ich will aber!
A          Ich nicht.
B          Warum nicht?
A          Weil ich eben war.
B          erbittert: Du Sau.
A          Du lernst.
B          Ich lerne! Du sollst verlernen, verdammt! Du sollst verlernen, wie es ist, ein eigner Herr zu sein, verlernen, auf die Impulse deiner wunderbaren Seele zu lauschen. Du sollst úm mich kreisen als der größte und schönste Trabant meines inneren Himmels. Du sollst dich vergessen und verlieren und in mir dich wiederfinden. Du sollst vergessen, dich aufrichten zu wollen, vergessen, daß es jemals Träume gab, die dir gehörten. Denn du sollst meine Träume träumen. Ich will dich, und ich werde dich zum Traum deiner selbst umwandeln, und dann wirst du mein Traum geworden sein. Gib zu, daß du willst.
A          Ja ich will.
B          Nochmal!
A          Jaja, ich will.
B          Das mußt du dreimal sagen!
A          Zweimal genügt.
B          Es genügt nie!
A          Strick dich ins Knie.
B          klemmt A’s Kopf zwischen die Knie und wackelt zurück. A kriecht mit. Pro Schritt ein Wort:
A          Fester!
B          Schneller!
A          Tiefer!
B          Härter!
A          Gibsmir!
B          Zeigsmir!
A          Geil!
B          Geil!
A          Rein!
B          Raus!
A          Rauf!
B          Runter!
A          Rechts!
B          Links!
A          Vor!
B          Zurück!
A          Halt!
B          Stop!
Sie lösen sich voneinander. A, sehr erschöpft, liegt auf dem Rücken.
B          keuchend: Bist du gekommen?
A          dito: Ich glaube. Und du?
B          Bis an die Wand. Während des Vorigen ist B mit dem Rücken gegen die Wand gestoßen und steht da jetzt. Sie verschnaufen.
A          lächelt: Danke.
B          lächelt: Ich danke.
Sie strecken stumm die Arme aus und umarmen einander imaginär.
A          heiter: Als hätten wir eine Fernbeziehung!
B          streckt eine Hand aus, A ergreift und schaukelt sie.
B          Zum Glück nicht. Wir haben eine Fernsteuerbeziehung. Er zieht, und A steht auf. Für das folgende imaginiert B eine Fernsteuerung mit Joystick, A gehorcht seinen Befehlen roboterhaft, mit geradem Blick und starrem Lächeln, und produziert maschinenartige Geräusche. Beide haben Spaß an dem Spiel. [Nummerierte Zeichnungen]
B          1. Nach links! A gehorcht.
2. Stop! Zurück. A läuft rückwärts.
3. Rechtsrum!
4a. Vorwärts. – 4b. Schneller!
5. Stop! Umdrehen. A kreist einmal um sich selbst.
6. Nochmal! A kreist mehrmals um sich selbst.
7. Komm her! A gehorcht kreisend.
8. Einmal kreisend um mich kreisen! Er steht zwei Schritte von der Wand entfernt.
9. Stop! Umarmen. A packt B’s Oberarme mit starrem Griff.
10. Drücken. A kippt nach vorn und preßt B an sich.
11. erstickte Stimme: Loslassen. A gehorcht. Danke sagen.
A          Dan-ke. Er schwankt vor Schwindel, schließt die Augen.
B          Herschauen. A gehorcht. Wie fühlst du dich:
A          Wie soll ich mich denn fühlen?
B          Weißnicht, erfinde was.
A          normale Stimme: Ich kannte mal einen Mann, der arbeitete im Wasserwerk. Man befahl ihm eines Tages, er solle eine bestimmte Wasseruhr kontrollieren. Also stellte er sich davor und starrte Stunden auf die kleine rosaweiß-kreisende Scheibe. Bis er umfiel. So fühle ich mich.

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B          Ich habe fast keine Seele.
A          Aber es reicht, um darüber trauern zu können.
B          Gerade so. – Bist du sicher, daß es ausreicht?
A          Wenn sie nicht zu sehr trauert. Teil es dir doch ein.
B          Mach ich. – Was tut sie, wenn sie nicht trauert?
A          Weiß nicht. Sie ausruhen vielleicht. Regenerieren.
B          Das kann sie?
A          Meine macht das regelmäßig. Ich nutze sie ab wie eine Seife, und über Nacht bläht sie sich wieder auf.
B          Du erstaunst mich immer wieder. Solche Sachen gehen in dir vor. Wie funktioniert das?
A          Wahrscheinlich wie ein Hefeteig.
B          Ich weiß nicht. Meine schrumpft wie ein Edelgasballon.
A          grinsend: Es kommt doch nicht auf die Größe an.
B          Das hatten wir schon mal. Ärger mich nicht damit.

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A          Wir haben keine Beziehung.
B          Aha. Wieso nicht.
A          Eine Beziehung beginnt mit ihrer Trennung: im Kopf.
B          Welche Weisheit.
A          opernhaft: Vero e ben trovato!
B          Was heißt das?
A          Wahr und gut erfunden.
B          amüsiert: So. – Nicht schlecht: Vero e ben trrrovato.

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A und B sitzen sich gegenüber und starren in ein imaginäres Aquarium.
A          Ich wär gern ein Fisch im Aquarium. Könnte dich den ganzen Tag beobachten.
B          Während ich dich beobachte, während du mich beobachtest. Sie beobachten einander.
Tun wir das nicht jetzt schon?
A          Ich weiß nicht, es ist schon was anderes. Ich bin nicht in einem Aquarium.
B          Dann schnapp halt nach Luft. A tut es. Sie beobachten einander. B zerbröselt einen Keks und streut A die Krümel in den Schlund.

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A          Jetzt sind wir also nicht zusammen. Kluge Entscheidung. Du bist eben einer, der auf die inneren Werte schaut. Sehr sanft: Die sind bei mir nicht vorhanden.
B          Du bist ätzend. Ein zynisches Arschloch.
A          Stimmt, ich bin ein Arsch. Und ich möchte, daß du mich als Arschloch in Erinnerung behältst – damit du nicht bereust, mich abgewiesen zu haben.
B          Hast du nicht mal zu mir gesagt: Ich liebe dich.
A          Muß ein Irrtum gewesen sein. Aber ich erinnere mich.
B          Du hast mich wie Dreck behandelt.
A          Ich hatte Angst vor dir. Ich mußte dich von mir fernhalten. Deine Ausstrahlung, deine Reife, dein Schicksal, das ich dunkel ahnte – das hat mich irritiert, es war zuviel für mich. Es war eine Schutzreaktion.
B          Das wußte ich nicht. Tut mir leid.
A          Natürlich stimmt das nicht. Ich habe dies soeben konstruiert, um dein Mitleid zu erregen und mich von der Schuld, dich verletzt zu haben, freizusprechen.

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A          Warum wünsche ich zu lieben und schaffe es nicht mal anständig zu hassen.
B          Ich finde, du haßt schon ganz gut.
A          strahlend: Oh wirklich? Danke schön! Wie wohl das tut!

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A          Manchmal wünsche ich, daß ich ha i fau hätte wie du. Damit ich was hätte, das mich ans Leben fesselt. Ihm einen Sinn verleiht.
B          Das wünschst du nicht.
A          Stimmt. Das wünsche ich nicht. Er legt sich wie eine empfängsnisbereite Frau auf den Rücken. Mach mir ein Kind. Ich will ein Kind von dir! Ein Todeskind.
B nimmt A’s Beine in die Hand und deutet lustlos penetrierende Bewegung an.)
A          mechanisch: Au. Ah. Ah. Ah. Oja.
B          Du hast noch neun Monate. Etwas mehr.
A          Oh, ich fühle es wachsen. Er befühlt seinen Bauch. Hast dus richtig in mich reingekriegt?
B          Bis zum Zwölffickerdarm ist es gespritzt.
A          befühlt seinen Bauch: Duodenum. Geil.

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B          baut während des Folgenden einen Joint.
A          Monolog aus Versatzstücken großer Theaterliteratur (selbst zusammenstellen, am besten Lieblingsstellen, die man schon immer mal sprechen wollte). Die Länge ist nach der Dauer zu berechnen, die B fürs Jointbauen braucht. Sowie B seinen Joint anzündet, bricht A ab.
B          raucht einen Zug. Auch einen?
A          Danke. Das brauch ich nicht. Ich hab Gras genug in mir. Und Feuer! – Ich bin begabt.
B          Du bist so rein. Raucht. Ich liebe dich.
A          zieht ein Holzkreuz hervor: Satanas! Vade retro!
B          ungerührt: Begabt bist du. Und was hast du davon.

(Der Monolog)

A          wie ein Rap: ich tue was du sagst und du tust was ich wünsche denn ich wünsche daß ich tue was du sagst.  – Du bist für mich ein Requisit. Kostbar und kostspielig.

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A          Gestrickt wird nur, wenn ich in absolut bester Laune bin! Lange Pause, während der sich sein Gesicht abwechselnd aufhellt und verdüstert. Gleich wirds gehen. Längere Phasen der Aufhellung, breites Lächeln.

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A          mit Blick ins Publikum: Heute abend werden wohl einige Beziehungen in die Brüche gehen.
B          Das hoffe ich auch.
A          Dein Mitgefühl rührt mich wie immer. – Sind wir eigentlich oder zusammen?
B          Oder getrennt.
A          Such dir was aus.
B          Wahrscheinlich zusammen.
A          Meistens.
B          Wir reden zusammen, wir stricken zusammen. Was fehlt noch. Lieben wir uns?
A          Woher soll ich das wissen. Du wolltest dich doch darum kümmern.
B          Ach.
A          Auf einmal.

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A          Stell dir vor, wir sind auf einer Wiese.
B          Tags oder nachts?
A          Nachts.
B          O schau, eine Sternschnuppe.
A          Wünschst du dir was?
B          Nein.
A          Was würdest du dir wünschen, wenn du dir was wünschen würdest?
B          Noch ’ne Sturnschneppe. – Langer Blick auf A, sehr innig: Was würdest du dir denn wünschen?
A          Eine größere Seele.
B          Sie ist doch groß genug. Mit deiner Seele kannst du doch echt zufrieden sein.
A          Solange sie genauso mickrig ist wie deine, werde ich nie zufrieden sein.
B          Wessen Seele ist hier mickerich? Meine ist viel größer als deine!
A          Ist nicht wahr.
B          Doch.
A          Nein.
B          Doch!
A          Dann hol sie doch mal raus.
B          knöpft sein Hemd auf und sitzt regungslos da. A betrachtet seine Brust und streicht zärtlich zwischen den Brustwarzen entlang. A’s Hände verharren in Gebetshaltung zwischen B’s Brustwarzen. Dann, als hielten sie einen Schmetterling gefangen, hebt A seine Hände, B’s Blicke folgen ihnen. Beide halten den Atem an. A schleudert den imaginären Schmetterling ins Leere. Beide staunen.
B          Und?
A          Es war ganz leicht.
B          Jetzt deine.
A          Nein… Sie betrachten Sterne.
A          Was wissen schon die Sterne
vom Liebeshauch
und Kindesmißbrauch.
Sie hängen rum und funkeln.
Sonst sind sie zu nichts gut.
A, B     unisono, leiernder Ton:
Ich wäre gern wie sie:
Ganz ohne Ironie.
B          Von dir?
A          Jooh…
B          Junge, du hasts aber drauf. Schön!
A          Tjooh…

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A hält einen längeren Monolog.
B          Ich muß mal aufs Klo. Er geht ab. Ca. neunzig Sekunden Pause. B kommt zurück.
B          Wann darf ich eigentlich mal wieder mit dir stricken?
A          Erst wenn ich endlich aufgehört habe dich zu lieben.
B          genervt: Und wie lange dauert das noch.
A          Warts ab. Zerfall braucht seine Zeit. Irgendwas bleibt immer übrig, mindestens die Hälfte. Ich liebe dich eben sehr gründlich.
B          Und mit einer vielzulangen Halbwertszeit. Warum legst du solchen Wert darauf?
A          Erst wenn du mir ganz gleichgültig bist, kann ich mich dir öffnen, ohne daß es wehtut.

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B          Dein Haß nervt, deine Liebe, soweit vorhanden, langweilt mich, deine Gleichgültigkeit erfüllt mich.

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B          Furchtbar.
A          Was.
B          Daß ich so eitel bin.
A          Findest du?
B          Du nicht?
A          ehrlich interessiert: Beweis es mir. Pause. B setzt sich in Positur, räuspert sich. Gelangweilter Ton.
B          Wie findest du meinen Körper.
A          Ganz in Ordnung.
B          Ganz  – in Ordnung, oder: ganz in Ordnung?
A          Außerordentlich in Ordnung.
B          Gut. Wie findest du meinen – Geist?
A          Geht so. Nahezu hervorragend. Nicht ganz.
B          bombastisch: Du verstehst mein Bedürfnis tief. Obgleich du lobst, versprühst du dennoch Ehrlichkeit.
A          Man tut was man kann.
B          Jetzt mach mir: ein eher zweifelhaftes Kompliment.
A          Schwierig. – Wie kommt es, daß ich deinen Körper nach all den Jahren noch immer nicht langweilig genug finde?
B          Wie gut du bist.

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A          Kannst du mir wehtun?
B          Wie denn?
A          Du könntest zum Beispiel sagen: Ich verlasse dich.
B          Wozu denn?
A          Es regt mich jedesmal an. Von dir beschmerzt zu werden erfüllt mich ganz… Dann fühle ich mich ganz eins mit der Welt. Insofern es wohl zutrifft, daß die Welt Schmerz ist.
B          Und wenn ich dich an den Haaren zöge?
A          Auch dann. Es kommt nur viel zu selten vor.
B          Einmal wöchentlich sollte reichen, finde ich.
A          Dreimal stündlich muß es sein!
B          Du kannst es doch auch selbst machen.
A          Ich weiß nicht, es ist nicht das gleiche. Ich kann mich kaum so gut überraschen wie du.
B          Mann, mach halt die Augen zu.
A          Du hast Ideen. Warum?
B          Weil ich dich verlasse.
Pause. A ist erstarrt. B verläßt rasch den Raum. Nach einer Weile kneift A die Augen zu und packt mit beiden Händen sein Haar. Unterdrückter Schmerzschrei, gewaltig. Lange Pause. Noch mehrere Male. Der Schrei dringt von Mal zu Mal deutlicher hervor. Wenn A sich erschöpft hat, kommt B zurück.
B          Wie wars.
A          Genau richtig.
B          Na sehn Se. Augen zu, Mund auf. A tut es. B legt ihm eine Brausevitamintablette auf die Zunge.
A          Danke. Wozu denn das?
B          Du klangst eben ein bißchen heiser. Vitaminmangel, schätze ich.
A          schluckt die schäumende Tablette mit Mühe. Schwer verständlich: Du bist so gut zu mir.
B          streichelt ihn. Jööh. Mein Kleiner.

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B          Wozu hast du einen Plug-In im Arsch?
A          Um mein Bewußtsein zu erweitern.
B          Was macht der Kopf?
A          Völlig wirr. Keine Klarheit.
B          Und der Schwanz?
A          Manchmal möchte ich ihn abreißen und in die Ecke schmeißen.
B          Das würdest du spätestens beim Pinkeln bereuen.
A          „Was wollt’st du mit dem Kastrator, sprich?“
B          pompös: „Mich von dem Schwanze, dem Tyrrannen, befrroi’n!“
A          „Das würd’st du spät’stens beim Pünkeln berreu’n!“
B          Junge, sind wir puppertär.
A          Aberwitzig.

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A          Ich kann mein eigenes Selbstmordgeschwafel nicht mehr hören. Ich habe Angst vor dem Leben, das ist alles. Es dauert mir zu lang.
B          Sei einfach ungeduldiger mit dir. Du bist so demütig vor dir selbst.
A          Ich will schlafen. Ich will sterbenschlafenvielleichtauchträumen und kann nicht. Ich leide an geistigem Dekubitus. Die immergleichen Gedanken haben mein Denken wundgescheuert. Mein Ich ist vertrocknet, es zerbröselt, wenn ich es anschaue.

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A          Sehnst du dich nach Treue?
B          Ja. Aber ich halte nichts von ihr.

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A          Du bist höflich. Aber du strickst wie ein Eber.

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B          Warum bleibst du eigentlich bei mir. Ich quäl dich doch nur.
A          Wahrscheinlich deshalb.  – Du hast ein großes Herz und einen großen Schwanz.
B          Aber mein Schwanz ist größer.
A          Sonst würde ich nicht bleiben.
B          Ist das alles: nur deshalb?

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A          Wenn ich im Krankenhaus läge, sagen wir: eine Oberschenkelhalsfraktur, würdest du mich besuchen?
B          Vielleicht.
A          Und würde ich dich blasen müssen dürfen?
B          Wahrscheinlich.
A          Und wenn ich in der Psychiatrie…
B          Mit Sicherheit.
A          Oh, du bist ein Schatz!
Das Folgende im schwärmerischen Tonfall, schmachtende Blicke.
B          Du bist niedlich.
A          Herzallerliebst.
B          Schönste der Schönen.
A          Milch und Honig.
B          Milch und Blut.
A          Blut und Boden.
B          Augen wie Bergziegen.
A          ziegenartig: Määh.
B          schafartig: Mööh.
A          hundeartig: Grr-wff.
B          Bei Fuß. A springt herbei. Das folgende mit hoher Geschwindigkeit.
B          Knie. A kniet.
B          Pfötchen. A gibt Pfötchen.
B          Männchen. A macht Männchen.
B          Hechel. A hechelt dreimal.
B          Beiß. A beißt in B’s Hand.
B          Sitz. Platz. Hopp. Stopp. Aus.
A          auf dem Rücken liegend: Wollen wir uns eine Katze holen?
B          Einmal übernachtete ich bei Leuten, die eine anschmiegsame Katze hatten, einen Kater, er war kastriert…
A          …eine cut-catSie lachen.
B          In der Nacht trampelte er auf mir rum, er war nachtaktiv. Ich schlief auf dem Boden, und er tanzte auf meinem Gesicht und schnurrte und leckte. Ich dachte, verdammtes Vieh, kannst du nicht zwischen meinen Beinen tanzen, dann hab ich auch was davon. Ich lag auf dem Rücken, und meine Arme steckten fest im Schlafsack und mein Kopf schaute raus. Das muß ihn interessiert haben. Ich habe mir vorgestellt, wie ich meinen Schwanz in sein enges Katerloch stopfe und ihn ordentlich durchstricke.
A          gibt ein schmerzvolles Miauen von sich: Er wäre wahrscheinlich geplatzt…
B          Außerdem gehörte er mir nicht.

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A          Wozu stricken wir eigentlich?
B          Aus Langeweile.
A          Aus Eitelkeit?
B          Zur Selbstvergewisserung.
A          Zur Ablenkung?
B          Zum Zeitvertreib.
A          Zum Spaß?
B          Zur Erholung.
A          Aus Egoismus?
B          Zur Entspannung.
A          Aus Liebe?
B          Komm, wir spielen Weihnachtsfeier.
A          patscht in die Händchen: Aujah, aujah! Mit eifrig-trippelnden Schrittchen schleppen sie aus der Küche einen winzigen Plastik-Weihnachtsbaum herbei. Er ist mit einer weißen und einer bunten Lichterkette geschmückt. Sie stellen ihn exakt in die Mitte der Bühne und legen sich bäuchlings davor hin, kindlich, die Beine in der Luft. A liegt links, B liegt rechts. Jeder hat einen Schalter, mit dem er eine der Lichterketten an- und ausknipsen kann: A die farbige, B die weiße.
A          Frohe!
B          Weihnacht.
A          Danke!
B          Das wünsch ich dir auch. Schalter an. Nach Möglichkeit das Schaltergeräusch verstärken.
A          Wie früher. Schalter an.
B          Schimmliger Frieden.
A          Es ist wieder so wie früher.
B          Schalter aus. Das war noch nie so. Pause. Schalter an.
Pause. Die Lichterketten werden herabgedimmt.
A          Schalter aus. Früher war alles besser.
B          Das war schon immer so.
A          Schalter an.
            Lange Pause. In unregelmäßigen Abständen knipsen beide ihre Schalter an und wieder aus. Weiterhin abdimmen, bis nur die Schaltergeräusche in zunehmend längeren Abständen zu hören sind. Wenn es ganz dunkel ist:
B          Aus Liebe. Lange Pause. Schalter.
A          Zur Entspannung? Lange Pause. Schalter.
B          Aus Egoismus. Wie zuvor.
A          Zur Erholung? Wie zuvor etc. Pausendauern variieren geringfügig.
B          Zum Spaß.
A          Zum Zeitvertreib?
B          Zur Ablenkung.
A          Zur Selbstvergewisserung?
B          Aus Eitelkeit.
A          Aus Langeweile? Kein Schalter. Lange Pause. Wenn die Bühne plötzlich hell ist: Der Weihnachtsbaum ist verschwunden, A und B liegen ausgestreckt auf dem Bauch, Stirne berühren den Boden, der jeweils rechte Arm ist ausgestreckt, die Fingerspitzen berühren sich. [s. Zeichnung]

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A          Oh, ich bin eben aus dem Bett gewälzt wie am ersten Tag ein einzelliges Lebewesen ans Land.
B          Bllblbwgbl. Sie spielen eine Minute lang „einzellige Lebewesen“.
A          Jetzt hör aber auf. Was sollen die Leute von uns denken.
B          Bllbggwgbl… Wasweißich… Frag sie doch – zum Publikum Er möchte wissen, was ihr von uns denken sollt. – Zu A Siehst du – gar nichts. Entweder sie denken nicht oder denken sie nichts.
A          Was denkst du, was die denken?

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A          serviert B einen Kaffee: Mit Liebe und Sorgfalt hingerichtet.

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A          Sachmal, findest du eigentlich irgendwas an mir? Oder hältst du mich nur aus, weil ich dir sexuell so willig bin?
B          (spricht über A’s uncharmante Art)
A          Du präsentierst mir deine gelassene gleichmütige Oberfläche, das verführt mich dazu, dich härter anzupacken. Du verträgst das schon, denke ich.
B          Gelassene Oberfläche…
A          Was darunter liegt, wenn was darunter liegt, ist mir ziemlich egal. Das mußt du mit dir selbst ausmachen.
B          regungslos.
A          Eine Frage.
B          schaut ihn an, fragender Ausdruck
A          mit übertriebener Eindringlichkeit und festem Blick: Wer bist du?
B          allmählich spöttisches Lächeln: Du bist so leicht zu durchschauen.
A          Was soll das denn schon wieder.
B          Echt, wer dich kennen will, braucht dir nur zuzukucken, wie du dich selbst beobachtest. Wie seh ich jetzt aus, denkst du. Wie wirke ich gerade. Meine Mundwinkel. Mein eindringlicher Blick. Alles gewollt. Gespielt. Produziert.
A          So. Meinst du. Lange Pause.
A          Du scheinst zu wissen, was in mir vorgeht. Vielleicht hast du recht. Die Oberfläche spiegelt immer etwas wider. Aber wenn du es wirklich wüßtest – dann hättest du geschwiegen. Aus Respekt vor einer lebendigen Seele. Denn deine ist aus Plastik.

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A          Sollen wir mal „Du klingst wie deine Mutter“ spielen?
B          Wie geht das denn?
A          Sag mal „Du hörst dich wie deine Mutter an“ zu mir.
B          gehorsam: Du hörst dich an wie deine Mutter.
A          Wie klingt denn meine Mutter?
B          Stimme von A’s Mutter: Ist dein Anzug in Ordnung? Soll ich noch was bügeln?
A          Nee, lassma. Obwohl doch, das Hemd vielleicht.
B          Hab ich mir gedacht.
A          Das klingt, als hättest du keine Lust, es zu bügeln.
B          Du hättest auch mal früher fragen können.
A          Gut. Laß es. Laß es!
B          Ich bin noch zwei Stunden wach, da kann ich’s auch noch bügeln.
A          Thema durch. Wir lassen’s, fertig. Geh ich eben so.
B          eigene Stimme: Sie grummelt etwas, das du nicht verstehst.
A          Später wird sie mir vorwerfen, ich hätte kein Feingefühl.
B          Stimme der Mutter: Du hast kein Feingefühl!
A          Ich hab kein Feingefühl? Du hast kein Feingefühl für mein Feingefühl!
B          eigene Stimme: Und, wie war ich?
A          Du machst sie hervorragend. Wie werde ich je wieder mit dir schlafen können?
B          Das sollte kein Problem sein. Umarmt ihn, Stimme der Mutter: Mein kleiner Gregorius!
A          Au, ich werde hart, Mann.
B          Gott, wie vulgär! Und gebildet! Zugleich! Eigene Stimme: Sag du mal zu mir.
A          Du klingst wie deine Mutter.
B          Wie sollte ich denn sonst klingen, wenn nicht nach meiner Mutter?
A          Nach dir, deiner individuellen Persönlichkeit.
B          Unfug. Alles Unsinn, Individualität, Persönlichkeit, Charakter. Ist mir alles scheißegal. Hab ich nicht, brauch ich nicht, will ich nicht.
A          Hast du doch.
B          Ach. Und wozu?
A          Um anders zu sein.
B          Als?
A          Als… alle.
B          Warum?
A          Weil das alle wollen.
B          Alle wollen anders sein als alle?
A          Ja.
B          Dann will ichs nicht. Ich will so sein wie alle.
A          Dann bist du anders als alle. Keiner will sein wie alle.
B          Ich will so sein wie alle meine Entchen! Singt die Melodie der zweiten Zeile des genannten Liedes: Dazu sind sie da, dazu sind sie da…
A          gesprochen: Schwänzchen in die Höh.
B          So ist es! Er springt auf einen Stuhl, gebieterisch:
Es ist so!
A          Ein kleiner schlafender Poet. Sind wir nicht glöcklich?
B          Wie die Kindlein.
A          Und funktioniert unsere Beziehung gerade sehr gut?
B          springt vom Stuhl: Sie ist total funktionsfähig.
A          Wir sind sehr beziehungsfähig.
B          Wir haben an uns gearbeitet.
A          Und an unserer Beziehung.
B          Wir haben mal wieder geredet.
A          Wir mußten auch mal wieder richtig miteinander reden.
B          Wir sind aufeinander eingegangen.
A          Wir haben mal so richtig durchgestartet.
B          Wir sind zukunftsfähig geworden.
A          Was würdest du sagen, wenn ich dir zum Geburtstag die Kehle durchschneiden würde?
B          faßt sich an den Hals, lächelt: Aber das wäre doch nicht nötig gewesen.
A          Was ganz Einmaliges extra für dich.
B          Dankeschatz. Küßt A auf die Stirn.

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A          Was ist mit deiner Mutter?
B          Was soll mit ihr sein.
A          Wie war sie?
B          Die erste Hälfte ihres Lebens hat sie rumgeschrien, in der zweiten Hälfte resigniert. Genützt hat ihr beides sowenig wie alles andere. Zuerst hat sie genervt, und dann gelangweilt.
A          Hast du deine Mutter geliebt?
B          Wahrscheinlich. Muß ich wohl. Was blieb mir anderes übrig.
A          Und hat deine Mutter dich geliebt?
B          Natürlich. Verdammtnochmal. Hör auf so bescheuerte Fragen zu stellen. Sonst hau ich dir eine runter. – Hör sofort auf hörst du? Hör auf! – Hör – auf!! Lange Pause.
A          Kann man wohl nichts machen.

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A          [in der Rolle des Sohnes] Begabte Kinder sind selten liebevoll. Das ist deren Drama.
B          [in der Rolle der Mutter] Stimme während des Folgenden durchgehend säuselnd, einvernehmender Ton: Du bist so ein Arsch. – Du stehst da und…
A          Ich kann nicht anders.
B          Deine Oma liebst du doch auch.
A          Sie hat mich großgezogen größtenteils.
B          Trotzdem kannst du mich lieben. Du mußt sogar.
A          Ja woher soll ich denn eben ein bißchen Liebe hernehmen? Soll ich sie etwa stricken wie einen Weihnachtspullover?
B          Das wäre doch ein Anfang. Komm, wir stricken ein wenig miteinander. Streckt die Arme aus.

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A          [in der Rolle des Sohnes] Mutter, du hast mich dominiert.
B          [in der Rolle der Mutter] kalt, drohend: Sag das noch einmal. (versteckt sich hinter dem Sessel)
A          Du hast dafür gesorgt, daß ich mich böse fühle.
B          Du warst böse. Du bist es noch.
A          Wo bist du, daß ich dich umbringe.
B          In deinem Kopf. Du kannst mich nicht töten.
A          mit äußerster Nüchterkeit, sehr aufgesagt: Aargh. Du Monster. Ich reiß dir den Kopf ab.
B          Hi Hi. Vorsicht. Du kitzelst mich. Diesen Satz bis zum Ausbruch des Folgenden repetieren, dabei immer weniger Prosodie, bis zur Roboterstimme.
A          Ich sehe dich!! Ich sehe die Wahrheit! Du lügst! Du bist nicht meine Mutter!! Du Teufelin. Du bist das Böse selbst. Was weißt du von der Liebe. Wie du sie fürchten würdest! Wie du dich gegen deinen erbärmlichen Willen in ihr selbst verbrennen müßtest! Hexe du, die noch brennend auf den nackten Henker geil ist. Du Schmerzwesen. Du Viech. Du Haß – ich Liebe! Du Haß! Ich Liebe! Ich LIEBE!!!!!
B          [nicht mehr in der Rolle der Mutter, umarmt A von hinten, flüsternd] Atmen. Spür deinen Atem.

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B          Warum sind wir eigentlich ständig allein auf der Bühne? Gibt es keine Nebenfiguren?
A          Ist leichter aufzuführen vielleicht.
B          Stimmt.
A          Außerdem kennen wir keine darstellbaren oder darstellenswerten Figuren.
B          Nur jemanden, der sich aufgehängt hat…
A          …und sich noch, nachdem er vom Stuhl gesprungen ist, sein eigenes Kinderfoto auf die nackte Brust getackert hat.
B          Aber das wollen wir nicht auf der Bühne sehen.
A          Am besten auch nicht davon sprechen.
B          Es könnte zuviele Nachahmer finden.
A          Eben. Pause.
A          Komm, wir holen uns Nebenfiguren.
B          Woher denn?
A          Da unten sitzen welche.
B          ohne hinzuschauen: Ach die. Die haben keine Lust.
A          Das meinst du. Du hast keine Lust, mit denen zu spielen, so siehts aus.
B          Was sollten sie auch spielen.
A          Sie könnten da so sitzen… da und da… wie Statisten – und uns zugucken.
B          Tun sie ja jetzt schon.
A          Und Kaffee für uns kochen.
B          Soweit kommts noch! Am Ende wollen sie selber welchen.
A          Wir brauchen ihnen ja keinen zu geben. Wir könnten spielen, daß sie unsere Sklaven sind.
B          Genau: Unsere Kaffee-Sklaven!
A          Schrägstrich innen.
B          Sollen wir sie fragen?
A          Mach mal.
B          tritt an die Rampe: Hrm. Liebe Sklavinnen, und Sklaven. Das Publikum kichert verschämt.
Wir wollten Sie fragen, ob eventuell einige von Ihnen Lust hätten, für uns als…
zu A: Sagmal, brauchen wir eigentlich auch noch Lustsklaven?
A          Im Moment nicht, glaub ich.
B          zum Publikum: Also keine Lustsklaven. Tut mir leid.
Zwei Menschen in der ersten Reihe rufen.
1          Buh!
2          Schlechtes Stück! Buh!
1          Buh. Sie werfen jeder ein Plastikentchen auf die Bühne.
B          Alle meine Entchen! Wie hab ich sie vermißt. Er drückt sie quietschend an sich.

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B          Wie lange hast du vor, mit mir zusammen zu sein?
A          Ich verlasse dich, sobald ich nichts mehr lernen kann von dir. Zuerst innerlich – das wird für immer sein. Äußerlich bleiben wir noch eine Weile zusammen, eine bedeutungslose Zeit lang.

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B mit dem Fleischermesser in der Hand.
A          Hat es dich verletzt?
B          Nein. Hat es nicht.
A          Wenn es dich verletzt hätte, was hätte dich mehr verletzt: daß ich es getan habe oder daß ich es gesagt habe?
B          schweigt.
A          Oder wie ich es gesagt habe?
B          Das schon eher.
A          Und wo hätte es dich verletzt?
B          Hier. Zieht mit der Messerspitze eine Spur an seiner Kehle entlang. Und vielleicht auch hier. Entlang der Innenseite des linken Handgelenks. Zur Sicherheit.
A          Und wie tief?
B          Tief genug.

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A und B spielen Schach, den Blick starr aufs Spielfeld gerichtet. Monotoner, gleichgültiger Tonfall.

A          zieht: Ich liebe dich.
B          zieht: Ich dich auch.
A          zieht: Ich dich auch.
B          zieht: Ich auch.
A          zieht: Ich auch.
B          zieht: Und ich auch.
A          zieht: Und dich auch.
B          schaut auf: Und wen noch?
A          zieht: Schach plus matt istgleich Schmach.
B          schaut nieder: Platt.
A          Schmacht.
B          Schmatz.
A          Mach Platz. Zieht.
B          Schatz.
A          Platz! Zieht.
B          wirft seine Dame um: Fong.
A          wirft auch seine Dame um: Pong.
B          wirft einen Bauern um: Peng.
A          wirft seinen König um: Pengel.
B          wirft einen Turm um: Tengel.
A          wirft einen Läufer um: Und Eufel.
B          Schlange!
A          Engel!
B          Schlengel!
B          wirft einen Bauern hinter sich: Hömmel.
A          wirft einen Bauern ins Publikum: Und Hille.
B          Stille. Pause.
B          Hörmal.
A          Was. Schaut auf. Ja?
B          Sollen wir an unserer Beziehung arbeiten?
A          Schon wieder? Wir haben doch erst letzte Woche.
B          Jetzt ist die Gelegenheit günstig.
A          Wir sollten besser Beziehungsurlaub nehmen.
B          Eine Auszeit.
A          Eine Nullrunde.
B          Mal wieder so richtig.
A          Einfach mal wieder so richtig.
B          Abschalten.
A          Ausruhen.
B          Entspannen.
A          Abnehmen.
B          Ausspannen.
A          Zunehmen.
B          Abspannen.
A          Entnehmen.
B          Verspannen.
A          Vernehmen.
B          Ausschalten.

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–          Sollen wir spielen, daß ich ein Kokablatt bin?
–          Und ich. Wieso?
–          Und du bist der alte Affe, der es kaut. Der Zweitsprecher beißt in die Schulter des Erstsprechers.
–          Ich bin ein Klammer-Affe.
–          Ein Klammerauf- oder Klammerzu-Affe?
–          Ein spitzer Klammer-Affe.
–          Oder ein geschweifter Klammer-Affe.
–          Oder ein beschweifter.
–          Du armer, klammer Affe.
–          Hah. Äffisches Geräusch. Ouh-ouh-ou-ou-ou.

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–          Zeit ins Bett zu gehen. Während des Folgenden accelerando.
–          Zu dir?
–          Oder zu mir.
–          Mit?
–          Oder ohne.
–          Zusammen?
–          Oder getrennt.
–          Oben?
–          Oder unten.
–          Beschnitten?
–          Oder am Stück?

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–          Findest du mich erotisch?
–          Oder?
–          Oder genießt du es bloß, von mir erotisch gefunden zu werden?
–          Du hast eine Art, gewisse Fragen mit einer Präzision zu stellen, die mich staunen macht.
–          Also was nun?

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B          schließt die Augen: Ich bin die Sonne. Kreis um mich.
A          Ich bin die Sterne.
B          zeigt zum Publikum: Das sind die Männer und Frauen im Mond.
A kreist um B und um sich selbst.
B          Aristoische Himmelsmusik. Wenn ich bitten darf: Drei, vier.
Beide singen zwei verschiedene langgehaltene Töne in bequemer Lage, so natürlich wie möglich. Kein Vibrato. Das Nachatmen geschieht ungleichzeitig.
A, B     Aahh. Ca. 15 Sekunden. A kreist um B und um sich selbst. Ca. 10 Sekunden.
B          mit geschlossenen Augen: Hast dus gehört?
A          Ja. – Was.
B          Ich höre unsern Tanz.
A          Du tanzt doch garnicht.
B          Ich tanze im Kopf. Mein Tanz ist viel weiter als deiner.
A          Du hast es so gewollt.
B          Ich beschwere mich garnicht.
A          Ich bin erleichtert. Findest du, daß Gott eine Schwerkraft ist?
B          Wie kommst du drauf?
A          Nur so. Er stürzt zu Boden. B öffnet die Augen, schaut geradeaus, dann nach unten.
B          Alter Mystiker. Bist du eins mit Gott?
A          Bin ich immer. Jetzt weiß ich es. Pause. Gott. Was für ein Schwindel.
B          Was für ein Kopfsalat.
A          Sind wir jetzt weiter?
B          Als?
A          Vorhin.
B          Wahrscheinlich.
A          Wieviel?
B          Drei, vier. Vier Schritte bis zur Position, an der die Szene x stattgefunden hat oder stattfinden wird.
A          Nicht sehr viel weiter.
B          Immerhin.

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Zwei Versionen. Lang: (1) bis (6). Kurz: (1) und (6). Zahlen nicht mitsprechen.

–          (1) Bist du betrübt?
–          (2) Nein. Soll ich?
–          (3) Nein!
–          (4) Es scheint mir, als seist du betrübt.
–          (5) Kann sein. (6) Fragen ans Du sind Fragen ans Ich.

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A          In manchen Momenten fällt es mir schwer, dich gern zu haben.
B          – –
A          Und ich hab dich so gern gern.
B          Danke.

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A         Deine Seele ist aus Plastik.
B         Mein Herz ist aus Gold.
A         Meine Gefühle sind aus Gummi.
B         Mein Denken aus Beton.
A         Zementalität.
A         Schlag mich.
B         Links oder rechts?
A         hält ihm die linke Wange hin. Musik: „Tristan und Isolde“, 1. Akt, Wirkung des Liebestrankes. Jeder schlägt den anderen jeweils zweimal, erst auf die linke, dann auf die rechte Wange. Bewegungen wie in Zeitlupe, abgestimmt auf die Musik. Die Schlaghand berührt die Wange nur sacht, das Schlaggeräusch produziert der Empfänger des Schlages.

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–       Noch ein Spiel?
–       Bewahre. Was für eins?
–       Wer sich am meisten zusammenziehen kann.
–       Wo du deine Ideen immer hernimmst.
–       Aus dem Leben gegriffen. Schau. Er zieht sich zusammen. Mit gepreßter Stimme: Versuch auch. Es ist toll.
–       zieht sich etwas zusammen
–       gepreßte Stimme: Fester! Da geht noch was. Es muß nichts mehr gehen.
–       Ich kann nicht. Ich bin zu entspannt.
–       Hör… auf – zu atmen. Typischer Anfängerfehler.
–       hält den Atem an, zieht sich etwas mehr zusammen. Gepreßte Stimme: Ah, jetzt geht’s. So ists gleich viel besser.
–       Kannst du noch laufen?
–       steifbeinige Schritte
–       Noch nicht fest genug. Mehr Widerstand! Schau. Versucht vergeblich zu laufen.
–       Ok-ok, du hast gewonnen. Entspannt sich.
–       Wußte ich doch. Entspannt sich.

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–       Ich fühl mich so unendlich müde.
–       Dann leg dich hin und stirb. Wenn ich dich brauche, weck ich dich.
–       Morgen früh?
–       Wenn Gott will.
–       Wann ist morgen früh?
–       Bald. Warte nicht. Es kommt von selbst.
–       Bist du Morgenfrüh?
–       Ich bin da. Jetzt.

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–       Etwas in mir erkennt die Notwendigkeit zu erwachen, und etwas in mir fürchtet es auch.
–        Ach du mit deinem ständigen Etwas-in-mir. Etwas-in-mir erkennt dies, etwas-in-mir fürchtet das… Übernimm Verantwortung für etwas-in-dir! Sei ein Mann, und  nicht bloß etwas-ein-Mann.
–        Du bist so grob.
–        Nicht ich. Etwas-in-mir ist grob. Nein, noch genauer: etwas in dir fühlt, als ob etwas in mir grob zu dir wäre.

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A mit Schwung aus der Schwingtür, mit einem hocherhobenen Fleischermesser in der Hand.

A          Ich habe neulich einen kleinen, fürchterlichen Text geschrieben.
B          gelassen: Möchtest du ihn vorlesen? Mir und – theatralische Geste ins Publikum – der ganzen gespannten Welt? Da draußen? Denen in den bequemen, teuren Fotöis?
A          mit hochgezogenen Schultern, krauser Nase, plötzlich hasenhaft. Ich weiß nicht. Mu… muß ich wirklich?
B          Es kommt mir so vor, als ob du wolltest. „Ich habe einen kleinen, überaus fürchterlichen Text geschrieben.“ Das waren deine Worte. Für mich bedeutet das „Ich platze, wenn ich ihn nicht gleich vortragen darf.“
A          dazwischen: Nicht überaus… Er klemmt das Fleischermesser zwischen die Beine.
B          „Wehe, wenn ich ihn nicht vortragen darf. Denn dann schreibe ich einen noch fürchterlicheren Text… über euch! Und nicht nur einen kleinen!“
A          hibbelig, wie ein pinkelnmüssender Grundschüler: Ja-darf ich nun? Ich muß mal.
B          Schieß los. Bitte. Gönnerhaft: Und vergiß nicht: A tout le monde. Mindestens.
A          Jaja… zerknitterter Zettel aus der Hosentasche. Während er liest, allmähliche Verdunkelung und Projektion eines Kasperltheaters auf die Rückwand. Man sieht eine Szene, die an die Messerstecherei in Psycho erinnert, gespielt von zwei Kasperle-Figuren.
A          liest:  „Mütter – das ist der Titel – verstehen entweder nichts von dem, was einen angeht, oder – das ist der Untertitel – sie wollen es nicht wahrhaben. Mutter, sage ich, – hier beginnt der Text – ich bin krank. Ich habe eine schwer erkennbare geistige Behinderung. Oh, zwar nur leicht, aber es genügt. Es genügt, um gewisse Dinge schwer, unüberwindlich schwer, werden zu lassen. Jetzt habe ich sie erkannt, und du? Du willst es nicht wahrhaben. Denn diese Behinderung ist die Erklärung für alles, was  mir und dir in meiner Kindheit das Leben schwer gemacht hat, der Grund für all die unzähligen kleinen Gestörtheiten, die du mir zum Vorwurf machtest, anstatt zu erkennen – oder auch nur dich zu fragen – ob nicht auch etwas ganz anderes dahinterstecken könnte. Du hast MICH zum Urheber meiner Fehler gemacht. DU hast mich zu einem bösen Menschen gemacht. Nein, noch schlimmer, noch vielviel schlimmer: DU hast mich glauben gemacht, ich sei ein böser Mensch. Und dafür: hasse ich dich. Ich kann nichts dafür, mir bleibt gar nichts anderes übrig, als dich zu hassen, es bleibt mir gar nichts anderes übrig. Es ist das logische und unausweichliche Ergebnis deiner sogenannten Erziehung. Ich glaube, ich werde dich eines Tages besuchen müssen, und zwar – bitte erschrick nicht – mit einem langen Küchenmesser. Ich sage es schon jetzt, der Fairneß halber. Ja, denn ich bin fair, und Du nicht. Du hast mich das Opfer meiner Krankheit sein lassen, vielleicht sogar willentlich. Wer soll dir das je vergeben können. Und selbst wenn das Küchenmesser seine Arbeit getan hat und man mich deswegen verantwortlich machen will, ja selbst wenn ich ungerechtfertigterweise dafür bestraft werden sollte, ich lebte doch immer in der Gewißheit, das kleine Stück wandelnder, atmender Ungerechtigkeit, das Du bist – warst – gewesen sein wirst – ausgelöscht zu haben, bevor es noch mehr Schaden angerichtet hätte. Ich hätte die Ursache ausgelöscht, die mich zu einem bösen Menschen gemacht, ich hätte die Macht, die den Glauben, ich sei ein böser Mensch, mir eingepflanzt hat, ausgelöscht. Und ist die Ursache des Bösen ausgelöscht, ist auch das Böse ausgelöscht. Das hat schon Buddha erkannt.
Nimms nicht so schwer. Stirb mit Würde. Empfange freudig den Tod von meiner Hand, so wie ich aus deiner das Leben empfing. Nicht freiwillig, das verlange ich gar nicht. Aber bin ich denn freiwillig in die Welt gekommen? Nein. Sieh es so: das Alt- und Häßlichwerden bleibt dir erspart. Du solltest mir dankbar sein. Hast du mich nicht Dankbarkeit gelehrt? Siehst du, jetzt zeige ich dir, was Dankbarkeit bedeuten kann.
Ja, es ist ein kleines böses Wesen in meinem Kopf, das mich dazu bringt, all das hier zu denken und zu schreiben. Ich erkenne durchaus die Perversität meiner Sichtweise, etwas-in-mir erkennt sie. Aber es ist dies einfach zu schwach, und ich habe weder Lust noch Zeit, mich darum zu kümmern, um die Wahrheit in mir. Die braucht keine Küchenmesser. Und keine Mutter. Alles überflüssig. Die Wahrheit ist, und alles was sonst noch ist, verdunkelt sie. Sie setzt sich nicht durch, wozu? Sie ist ewig. Sie braucht bloß noch zu warten, bis die ganze böse Welt vernichtet und in ihr aufgegangen ist. Sie wartet geduldig. Sie ist Geduld. Sie duldet alles. Was spielt es für eine Rolle, wenn ein Sohn seine Mutter mit einem Küchenmesser…? Gar keine. Die Wahrheit wird davon nicht berührt. Ethik? Was soll uns das. Ist für Kleinkinder. Da draußen laufen Kleinkinder rum, die gehen zur Arbeit. Kleinkinder, die Autos fahren. Kleinkinder in Männerkörpern, die sich rasieren, die nach Schweiß stinken, die rumprollen. Ach könnte ich doch Schnuller sein, allen gleichzeitig im Mäulchen stecken und anschwellen, bis ihre dummen, verständnislosen Köpfleinchen einfach so wegplatzen. Willtu Bäuerchen mach? Braav. Blppbbsch.“
Beiseite: Statt des Küchenmessers könnte ich sie auch den Dornen überlassen, die den Busen stechend in ihr wohnen, wie es bei Hamlet heißt. Hamlet, dein Wahnsinn hieß Vatergeist. War Shakespear ein glücklicher Mensch, nachdem er all das erkannt hat, diesen Mutterscheiß, und es niedergeschrieben? Oder noch mehr Schuldgefühle? Schuld, ewige Scheiße. Das Pech der Ewigkeit. Schwarze Lakritze, die alles verklebt, die kleinen Patschhändchen davon vollgesabbert.
Sorgfältiges Zusammenfalten und Wegstecken. Es wird hell.
B          Hier endet der Text. Wahnsinn, wo sind deine Grenzen?
A          Gefällt’s dir?
B          Was bleibt mir übrig? Mit einem Küchenmesser ist nicht gut argumentieren.
A          Glaubst du im Ernst, ich würde so etwas tun? Dafür schreibe ich doch solche Texte, damit ich es nicht tun muß. Ich steche das Messer mir selbst – penetrierende Hüftbewegung – meinem dunklen Selbst in die Seele und sehe zu, wie sein Innerstes auf dem reinen Papier vor mir zu Tode blutet. Röchelnd: Wrghchrchr… hast du zur Nacht geblutet, Claudius?
B          Noch wenige Philologen haben den Schaden berücksichtigt, den übermäßige Lektüre der Werke Shakespears anrichten kann. Horrorfilme werden zensiert, aber die Wahrheit? Die darf weiter wesen und nichten.
A          Ist es groß? Echt? Tief?
B          Kann ich die Passage mit den Kleinkindern noch mal hören?
A          „Ethik? Was soll uns das. Die ist für Kleinkinder…“
B          Das meinte ich. Kleinkinder in Männerkörpern. Arg infantil, derart zu richten, oder?
A         Leicht schuldbewußt: Tut aber gut.

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Erinnerst du dich an das Theaterstück, das ich mal angefangen hatte?
Das mit dem Eisbecher am Schluß?
Ja.
Erzähl noch mal, ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu gekommen ist.
Also: die Szenerie ist eine mittelalterliche Folterkammer. Das Stück spielt heute, aber der eine der beiden hat sich als Privatunterhaltung eben diese Folterkammer eingerichtet, mit Schraubstock, Drehkreuz und Nagelbrett, alles selbst gebastelt, wun-der-schön. Mit großer Liebe zum Detail.
Und historisch korrekt, nehme ich an.
Ja… an manchen Stellen hat er noch Verbesserungen angebracht. Es ging ihm ja in erster Linie nicht um Authentizität.
Und bekanntlicherweise gibt es ja kein Foltergerät, das man nicht noch ein kleines Stückchen verbessern könnte.
Eben. Nichts ist vollkommen in dieser Welt.
So ist es. Aber weiter.
Nun, dieser Mann in meinem Stück liebte es einfach, von Zeit zu Zeit ein wenig herumzufoltern. Er lud sich junge Männer in seine Wohnung…
…denn er war schwul…
…hatte aber niemals sexuellen Kontakt. Die Männer, die er sich einlud, liebten es einfach, von Zeit zu Zeit ein bißchen durchgefoltert zu werden.
Von einem Professionellen.
Er hatte sich die ganze Technik selbst beigebracht.
Muß jahrelange Übung gekostet haben.
Gut Ding braucht seine Zeit. Naja, dann kam eines Tages dieser spezielle junge Mann, die zweite Figur in meinem Stück…
Es ist wichtig zu betonen, daß es sich nur um ein Stück handelt. In Wirklichkeit kommt sowas wohl kaum vor.
Es ist eine Parabel. Der junge Mann ist von der Folterkammer begeistert, läßt sich gleich festschnallen, durchfoltern und alles. Sie haben Riesenspaß, die beiden.
Schreienden Spaß.
Und wiie. So intensive Gefühle sieht man selten auf der Bühne heutzutage.
Das geht tief unter die Haut.
Ein Genuß, den man suchen muß. Sicherlich nicht für jeden einfach zu goutieren.
Das ist eben was für Kenner. Mit sehr speziellem Geschmack.
Na, auf jeden Fall – jetzt kommt bald schon die Pointe – der ältere geht in seinem Spiel ein bißchen zu weit, so wie man das ja auch von Kindern kennt…
…er hat die Schraube sozusagen überspannt, hehe…
Sozusagen. Naja, der Junge schreit auf, lauter als je zuvor in seinem Leben, und ruft: Auaaua, Pappa! Pappi, au, was machst du denn mit mir? Autsch, hör doch auf damit, du tust mir ja weh.
Da hatte der Alte…
…seinen eigenen Sohn festgebunden, ohne daß er’s wußte.
Die beiden waren nach der Geburt getrennt worden…
…und haben sich nach zwanzig Jahren zufällig wiedergetroffen.
Das ist griechisch! Wenn auch leider keine Tragödie.
Nein, denn das Stück geht gut aus.
Jetzt kommt der Eisbecher. So war das.
Richtig. Zum Schluß spendiert der Alte seinem Sohn einen richtig tollen Eisbecher. Mit einer extragroßen Vanilleeisenkugel und Schokostreuseln und… und allem drumunddran!
Und der Junge sagt:
Beide Du bist der beste Pappi der Welt, Pappi.
Hhmm, ich hab jetzt auch so richtig Lust auf einen großen Eisbecher. Am liebsten auch mit Sahne.

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A          In jedem Theaterstück wissen alle Beteiligten, daß es nur ein Theaterstück ist. Gedacht, die Worte im Geiste ausformuliert, dabei zur Decke starrend: (Welche Schlünde stecken in ebendiesem „nur“!) Das ist, glaube ich, implizites Wissen oderso.
B          Ja, und?
A          Und dann sagt einer: „Das ist nur ein Theaterstück.“ Er spricht aus, was alle wissen. Das ist nicht nur langweilig, das ist banal.
B          Es ist zumindest unüblich. Es läßt den Theaterabend schlagartig anders werden.
A          Ja, aber das nutzt sich ab. So einen Effekt kann man ein, zweimal bringen. Ich aber sage euch wahrlich. Die Postmoderne ist nur eine Mode.
B          Die ersten gehen schon.
A          zum Publikum, Panik beschwichtigend: Bitte bleiben Sie. Wir hören gleich damit auf, über unsere gemeinsame Situation zu reflektieren, und spielen wieder so Theater, wie Sie es kennen und zu sehen gewohnt sind. Als sei nichts geschehen. Versprochen?
A          stöhnt: Das ist so Siebziger.
B          Es nützt. Sie setzen sich wieder.
A          Mir ist das so peinlich. Das ganze Stück finde ich einfach peinlich.
B          Sieh es als Ausnutzung der medialen Möglichkeiten. Im Fernsehen geht das nicht, im Kino nicht. Die Leute fühlen sich sicher dort, sie werden nicht angesprochen. Traum der Menschheit: unsichtbar sein. Zum Publikum: Ihr seid nicht unsichtbar! Wir wissen, daß ihr da seid.
A          zum Publikum: Wir können euch riechen. Schnüffelt. O de Kolloun.
B          zu A: Im Kasperltheater ist es üblich, die Leute anzusprechen. Trii…
A          Bitte. Wir müssen das hier nicht wiederholen. Es ist schon peinlich genug.
B          Vielleicht liegt darin eine große Chance?
A          fragender Blick.
B          Die Chance… zur Überwindung… visionär: der Postmoderne.
A          Ohhh… und wie soll das vor sich gehen? Wie der Reflexion entkommen?
B          sehr gedehnt: Wir könnten – sehr hastig: improvisieren.
A          Brilljant. Und was?
B          Laß dir was einfallen. Das ist das Wesen von Improvisation.
A          mit der Angestrengtheit bei verstopftem Stuhlgang: Mhhhgrmmm… es kommt nichts.
B          mahnend: Nicht reflektieren!

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Letzte Szene

A und B an der Rampe, sehr aufrecht, die Füße geschlossen, Hände auf dem Rücken. Sachlicher Ton.

B          Friedrich Hebbel.
A          Ich und du.
B          Wir träumten voneinander.
A          Und sind davon erwacht.
B          Wir leben um zu lieben.
A          Und sinken zurück in die Nacht.

Licht aus.

Auf den Bühnenhintergrund wird der Abspann projiziert:

Zusammen
oder getrennt

für zwei Männer zwischen zwanzig und vierzig

A:         [Name des Schauspielers]
B:         [Name des Schauspielers]

Regie:  [Name des Regisseurs]
Licht:   [Name des Lichttechnikers]

Szene im Kopf

Vier Personen (ohne Namen)

Die vier Personen sitzen in gerader Reihe auf Stühlen in einigem Abstand zueinander. Gesicht zum Publi­kum. Aufrechte, aber nicht verkrampfte Haltung, gerader, teilnahmsloser Blick.

Dabei ist darauf zu achten, daß unterschiedliche Grade von Teilnahmslosigkeit dadurch erzielt werden, daß einer etwa gelangweilt, mit halbgeschlossenen Augen, wirkt; einer wie betäubt aussieht, als stünde er unter Drogen; einer vollkommen desinteressiert (in einem anderen Sinne als gelangweilt) dreinschaut. Der vierte bleibt während der ganzen Szene unverändert ausdruckslos.

Im Verlauf der Szene sollen sich bei den drei anderen unmerkliche Veränderungen einstellen: der eine er­höht über einen langen Zeitraum hinweg bei geschlossenem Mund kontinuierlich den Druck seiner Zunge gegen den Gaumen; einer, der sich seit dem Beginn an seiner Sitzfläche festhält, klammert sich mit immer festerem Griff daran, ohne seine Position zu verändern; einer preßt seine Knie (die sich von Anfang an be­rühren) immer stärker zusammen; einer, der anfangs ruhig und tief geatmet hat, atmet zunehmend flacher (aber lautlos). Diese sowie andere Varianten der An- und Verspannung lassen sich frei kombinieren. Dabei sollte man folgendes vermeiden: eine Anspannung plötzlich oder allmählich loszulassen, und eine äußer­lich sichtbare Bewegung zu vollführen. Geräusche werden selbst keine produziert bzw. sie werden unter­drückt, wohl aber verursacht (Knacken der Stühle etc.)

Die Dauer der Szene ist nicht festgelegt; sie endet damit, daß die unverändert ausdruckslose Person nach einer frei gewählten Zeitdauer mit flüssigen, natürlichen Bewegungen aufsteht und abgeht.

Licht aus.

Ohne Worte

Vier Personen:

JA
NEIN
DOCH
VIELLEICHT

Geschlechter spielen keine Rolle.

Die vier Personen sitzen in gerader Reihe auf Stühlen in einigem Abstand zueinander. Gesicht zum Publi­kum. Aufrechte, aber nicht verkrampfte Haltung. Gerader, ausdrucksloser Blick. Mit lauter, eintöniger Stimme wiederholt jede Person ihren „Namen“ (Ja, Nein, Doch, Vielleicht). Um größtmögliche Bezie­hungslosigkeit untereinander zu gewähren, kann jede Person sich ein „Sekundenraster“ zurechtlegen, wie etwa:

JA mit lauter, eintöniger Stimme: Ja… zwei Sekunden Pause… Ja… fünf Sekunden Pause… Ja… drei Sekunden Pause. Wiederholung.

NEIN ebenso: Nein… vier Sekunden Pause… Nein… zwei Sekunden… Nein… drei Sekunden. Wieder­holung.

Etc.

Es sollten nicht alle gleichzeitig und keinesfalls in der Sitzreihenfolge beginnen. Nach etwa einer Mi­nute werden die Ausrufe merklich leiser, dafür die Mundbewegungen zuerst deutlicher, dann übertrieben. Die Lautstärke verringert sich zum Flüstern, die Mimik wirkt gleichzeitig zunehmend clownesk verzerrt. Wenn die Lautlosigkeit erreicht ist, stehen alle gleichzeitig mit langsamen, maschinenartigen Bewegun­gen auf und gestikulieren wie folgt:

JA das Klischee eines beredten Italieners nachahmend;
NEIN schlägt dreimal mit der rechten Handkante auf die linke Handfläche – kurze Pause – Wiederho­lung;
DOCH faßt sich kopfschüttelnd mit beiden Händen an die Stirn und läßt dann die Hände aufgeregt in die Höhe flattern;
VIELLEICHT in der Art eines politisch noch nicht etablierten Agitators: aggressiver, kämpferischer Blick, repetitiv die hochgereckte rechte Faust wie im Rhythmus eines demonstrierenden Sprechcho­res schüttelnd.

Nach etwa einer Minute erstarren abrupt alle gleichzeitig in ihren Bewegungen. Das soll bei allen außer bei JA möglichst unprofessionell wirken, als seien sie nicht in der Lage, ihre Position zu halten: Einer zwin­kert öfters zweimal rasch hintereinander mit den Augen, einer zuckt mit der Nase, als müsse er ein Niesen unterdrücken, und zieht dann kurz und sehr laut die Nase hoch (nur einmal), einer kratzt sich verstohlen mit dem linken Fuß am rechten Knöchel. JA schaut die anderen drei mit einer langsamen Kopfwendung erst befremdet, dann tadelnd an. Nach dem Nasengeräusch leichtes Kopfschütteln, danach wieder absolute Bewegungslosigkeit.

Nach etwa zehn Sekunden hebt VIELLEICHT, unverändert mit dem Gesichtsausdruck des Agitators, lang­sam (aber nicht maschinenartig) die rechte Hand, Zeige- und Mittelfinger ausgestreckt, Ring- und kleiner Finger gekrümmt, an seine Schläfe, spannt mit dem Daumen einen imaginären Hahn, dessen knackendes Geräusch er imitiert, und drückt mit explodierendem Lippengeräusch ab. Er fällt neben seinem Stuhl auf den Rücken, verharrt einen Moment regungslos, richtet Kopf und Oberkörper auf und pustet Qualm von der Mündung seiner Fingerpistole. Dann sinkt er zurück und bleibt regungslos liegen.

Sofort setzen sich JA, NEIN und DOCH ruckartig hin (selbe Haltung wie zu Beginn) und deklamieren im selben Ton wie zu Beginn ihre „Namen“, zusätzlich mit dem von VIELLEICHT. Die Lautstärke ist etwas lauter, die Geschwindigkeit höher:

JA mit etwas lauterer, ausdrucksloser Stimme: Ja… zwei Sekunden Pause… Vielleicht… eine Sekunde… Ja… drei Sekunden. Wie­derholung.

NEIN ebenso: Vielleicht… eineinhalb Sekunden… Nein… zwei Sekunden… Nein… eine Sekun­de. Wie­derholung.

Etc.

Nach etwa dreißig Sekunden werden die Ausrufe leiser, die Mundbewegungen deutlicher. Wenn die Laut­losigkeit erreicht ist (deutlich schneller als beim ersten Mal), steht DOCH auf und verübt auf die gleiche Weise Selbstmord wie zuvor VIELLEICHT, allerdings mit etwas schnelleren Bewegungen. Er drückt ab, die beiden anderen erstarren. Nachdem DOCH umgefallen ist, bleibt er regungslos liegen.

Nach etwa fünf Sekunden beginnen JA und NEIN gleichzeitig zu schreien (ihre eigenen Namen und die der verstorbenen Kollegen). Mit einem Ruck springt JA nach etwa acht Sekunden auf und setzt mit einer ra­schen Bewegung seine Pistole an. Beide erstarren und verstummen gleichzeitig (vier Sekunden Pause), JA drückt ab (Geräusch) und fällt um.

Nach drei Sekunden beginnt NEIN, sehr leise und äußerst rasch mit den Füßen zu trampeln und mit der lin­ken Hand zunehmend laut auf den linken Oberschenkel zu schlagen. Nach etwa fünfzehn Sekunden be­ginnt er, mit äußerster Lautstärke alle vier Namen sehr rasch und unkoordiniert zu brüllen, während er be­obachtet, wie sich seine rechte Hand zu einer Pistole formt, die sich (etwa in der Geschwindigkeit von DOCH) gegen seinen Mund richtet. Ohne Explosionsgeräusch drückt er ab, mit offenem Mund fällt sein Kopf nach hinten auf die Stuhllehne.

Im Moment des Abdrückens heben die drei übrigen gleichzeitig und ruckartig eine Hand mit folgenden Ge­sten in die Höhe:

JA mit einem hochgereckten Anhalterdaumen („OK“)
DOCH mit gespreiztem Zeige- und Mittelfinger („Victory“)
VIELLEICHT mit ausgestrecktem Mittelfinger („Stinkefinger“)

Nach etwa sechs Sekunden Licht aus.

Familienbeschimpfung

FAMILIENBESCHIMPFUNG

Von Sven Hinz

Für Manu und Florian zur Eröffnung ihres neuen Theaters

 

Der Text ist in Patchwork-Technik verfaßt. Stimme/Rolle und/oder Szene können mit jedem Spiegelstrich wechseln.
Die Anzahl der Sprech-Spieler ist variabel. Angelegt sind:

–          ein erwachsener Sohn, sein toter Vater, seine Mutter
–          ein junger Vater, seine Frau und ihre Mutter, deren Zwillingstochter und –sohn
–          ein oder zwei Kommentatoren und ein weiterer Sohn sowie
–          zwei Publikumsstimmen.

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–          Präambel:
–          Diktatur in einem demokratischen Staat wird nicht vom Staat, sondern von der Gesellschaft getragen.
–          Die Gesellschaft ist omnipräsent.
–          Jeder identifiziert sich mit ihr.
–          Was die Gesellschaft denkt und fühlt, das denkt und fühlt auch der Einzelne.
–          Machterhaltendes und ausführendes Organ der Gesellschaft ist die Familie.

 

–          § 1: Ein Kind wird geschlagen. Darum wird es anders, und dafür wird es bestraft.
–          Doppelte Ungerechtigkeit ist Familiengerechtigkeit.
–          Um halb eins wird gegessen!
–          Eine Demokratie fördert Familien, das heißt, sie fördert Diktaturen.
–          Die Familie ist ein Staat im Staate. Die Kleinstaaterei ist nicht überwunden in Deutschland, sie hat noch zugenommen.
–          Der Traum von einer glücklichen Familie ist zerstörerisch.
–          Zerstört eure Träume, bevor sie euch zerstören!
–          Mamma, Pappa, Kind.
–          Mamma, Pappa, ich.
–          Mamma, Pappa und die Zumutung, seine Erzeuger noch als Vierzigjähriger mit Lallwörtern ansprechen zu müssen.
–          Daß euch das nicht peinlich ist!

 

–          § 2: Wozu gibt es Vornamen?
–          Die Namensgebung ist der erste Gewaltakt.
–          Reduktion der Identität auf ein Geräusch.
–          Das soll ich sein? Ich nenne euch ab jetzt beim Namen, so wie ihr mich beim Namen nennt, und werde euch nicht mehr mit eurer Erzeugerfunktion anreden. Das was ich bin, hat keinen Namen, noch was ihr seid, hat einen Namen.
–          Zappelt doch nicht so rum!
–          Mein ist die Rache, spricht die Zeit.
–          Erst wenn du groß bist!
–          Wenn ich groß bin, seid ihr alt.
–          § 3.
–          Wenn ihr alt seid, setze ich euch in Kinderstühlchen.
–          Und binde euch fest.
–          Und zwinge euch zu essen, was ihr noch nie gerne essen wolltet.
–          Jetzt stellt euch doch nicht so an!
–          Das ist soo gesund, behaupte ich dann.
–          Jeden Tag bringe ich euch im Altenheim vorbei, dort könnt ihr mit den andern großen alten Kindern spielen.
–          Das ist soo wichtig, der Umgang mit Gleichaltrigen, sage ich dann.
–          Weil man dann die eigene Beschränktheit nicht so merkt.
–          Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt!
–          Es sind alle gleich beschränkt.
–          Aber wenn es Ihnen so vorkommt, als hätten Sie ein gutes Verhältnis, gar eine Freundschaft mit Ihren Eltern…
–          …zu Pappa und Mamma…
–          …mittlerweile…
–          Jetzt seid doch mal ruhig!
–          …glauben Sie mir: Mit den eigenen Eltern kann man nicht befreundet sein. Alte Freunde sind am Ende die besseren Verwandten. Freundschaft bedeutet:
–          Mehr Freiheit.
–          Mehr Freude.
–          Mehr Liebe.
–          Weniger Bedingungen.
–          Wenn du nicht auf der Stelle…!
–          Weniger Drohungen.
–          Keine Körperverletzungen.
–          Kein Grund, lügen zu müssen.
–          Mehr Augenhöhe.
–          Mehr Aufrichtigkeit.
–          Wenn Kinder mit der Körperkraft eines Erwachsenen geboren würden…
–          …denken Sie das mal zu Ende: als Dreijähriger so stark wie Ihr Vater…
–          …dann wären sie nicht länger – § 4 – das Spielzeug von Erwachsenen.
–          Das Kinder-Spielzeug.
–          Kinder, wollen wir Weihnachten spielen?
–          Au-jaah!
–          „Früher war mehr Lametta.“
–          Früher war mehr Liebe. Finden Sie das nicht auch? Im Sommer das Urlaubsspiel „Wann-sind-wir-endlich-da“, im Winter das Weihnachtsspiel „Wann-krieg-ich-endlich-mein-Geschenk“. In dem alten Drehbuch steht, daß an dem Tag Friede auf Erden herrschen soll, und so sei es. Schimmliger Frieden überall. Schimmlige Geschenke, vergilbte Frohe-Weihnachtsglückwunschkarten, verdorbene Festspeisen, vergorene Rotweine, schrägsingende Kirchenchöre, angetrunkene Pastoren, einstürzende Kirchenschiffe, explodierende Atomglocken, nur die FA!MI!LI!E! überlebt das alles, und inmitten  aufgerissener roter Packpapiere plärrt ein vierjähriger aufgerissener roter Mund: „Das hab ich mir aba nich gewüünscht!“ Und stumpf-selig glotzen die Eltern dem Kinde ins heulende Augenpaar, und erinnern sich, wie früher noch der Großpappa zur Bescherung die Weihnachtshistorie aus dem Lukasevangelium verlas, achja, die heile, heilige Familie. Als das Spiel noch heiliger Ernst war und hinterm Schlüsselloch das Christkind, husch, im Hemdelein die letzten Dinge rasch verrichtend, das Schaukelpferdchen etwas zurechtrückt und mit Äpfelchen und goldnen Nüsselein, hei!, gar lustig um sich wirft, daß es nur so kracht vor Weihnachtsfreude in der Weihnachtsstube, als es morgen, Kinder, noch was geben würde, als ich noch aufs Klo mußte vor kribbeliger Aufregung, die ich schon allein beim Klange des Wortes „Weihnachten“ empfand und das mir heute vorkommt wie eine Karre voll überzuckerter Gefühle, die im Schlamm steckengeblieben ist: auf Hochglanz poliertes emotionales Elend und verheißungsvoll verpackte Schuldgefühle, es ist zum Erhängen, während die gesamte Familie gerührt daneben steht und zusieht, der sterbenden Weihnacht dabei zusieht, wie sie qualvoll-langsam an einer Überdosis Erwartung erstickt. Die scheinheilige Familie hat mit der geschenkeproduzierenden Industrie zusammen das Weihnachtsfest ermordet und verkauft eine festlich dekorierte Riesenleiche den eigenen Kindern als authentisch und bewahrenswert.

 

–          § 5.
–          Mamma, hast du mich lieb?
–          Nicht jetzt.
–          Die Idee, daß Liebe etwas ist, das du von den Eltern bekommst
–          …und nicht in dir hast…
–          …sondern dir erst verdienen mußt…
–          (Hitlerton) „Und sie werden nicht mehr frei, ihr ganzes Leben“, Zitat-ende.
–          …auf diesem Wahn beruht das Fundament des Familienregimes. Wenn alle Kinder erkennen, daß sie sich nicht abhängig zu fühlen brauchen von der Liebe ihrer Eltern, würde das Regime zusammenbrechen.
–          Und auch die Kunst. Künstler sind Kinder auf Liebesentzug.
–          (einer aus dem Publikum) Buh! Schlechtes Stück! Unwahre Aussage!
–          (ein anderer aus dem Publikum) Unzulässige Verallgemeinerung!
–          Machen wir uns nichts vor: Was wir in der Kindheit erlebt haben, war bedingte Liebe…
–          …also keine Liebe.
–          Bedingte Liebe induziert Haß…
–          …sobald sie durchschaut wird.
–          Wenn sie durchschaut wird.
–          Schlimmer noch als bewußte Gewaltanwendung ist subtile Gewalt, die Liebe genannt wird.
–          Was allen Beteiligten unbewußt bleibt.
–          Weswegen teuflischerweise hinterher niemandem ein Vorwurf zu machen ist.
–          Da sie nicht wissen, was sie tun, § 5, Absatz 2.
–          Wo doch alles in mir nach Schuldzuweisung schreit! Daß ich sie doch wie einen Hund mit der Schnauze in die eigene Scheiße stoßen könnte!
–          Das ist gegen das Gesetz.
–          Dann brauchen wir eben ein neues Gesetz! Ein Gesetz, das auf der Seite des gedemütigten, verängstigten, hilflosen, eingeschüchterten Kindes ist, ein Gesetz, das den Eltern die Macht aus den Händen und das Wort aus dem Munde reißt, noch ehe die Hand erhoben und das Wort gesprochen ist. Liebe! Wo bist du?
–          Ich mache gerade ein Kind.
–          Und ich bin jetzt schwanger.
–          § 6.
–          Wie sehr du zu beglückwünschen bist. Du machst mich einfach glücklich, weißt du das?
–          Jetzt sind wir eine richtige-kleine-Familie, du und ich.
–          Bald sind wir zu dritt. La-la-la-la-laa.
–          Oder zu viert. Der Arzt meint…
–          Zwillinge? Bist du sicher?
–          Mmh.
–          Du machst mich einfach doppelt glücklich.
–          Jetzt ist Schluß damit. Hört sofort auf, ihr beiden!
–          Er hat anefange.
–          Sie hat mich gehaut.
–          Nur weil er gesagt hat, daß ich gesagt hab, daß du eine dumme Pute bist.
–          Garnich waah.
–          Ihr seid so klebrig. Alle beide. Ich kleb euch gleich eine…
–          Selba klebrich.
=    Kleebrich, kleebrich! Nä-nä-nä-nä-nää-nää!
–          Hätte ich doch nie gefickt.
–          Hast du aba! Und jetzt sind wir daha!
=    Mama hat gefihickt, und hat uns gekrihigt!
–          Solche Szenen kommen natürlich in keinem Kinderzimmer vor, auch nicht in den aufgeklärteren. Höchstens in unseren Köpfen.
–          Und in Ihrem Theater. (Anm.: Diese Zeile ist fakultativ.)
–          Ich halte das nicht länger aus. Wir fahren zur Strafe am Sonntag nicht in den Familienpark.
–          Och Mann. Das ist gemein.
–          Du bist so doof.
–          Echt, du bist megakindisch, Mamma.
–          Werd erstmal erwachsen, Alte.
–          Komm, wir gehen zu Oma und beschweren uns.
–          Kind, das kannst du doch nicht machen. Wo sie sich so gefreut haben auf den gemeinsamen Ausflug in den Familienpark, ganz abgesehen davon, daß es eurer Ehe sicherlich nicht schaden würde. Bei uns früher gabs sowas nicht, diese Willkür in der heutigen Erziehung. Wir haben dich mit klaren Regeln erzogen, und das hieß: Ein Wort ist ein Wort, und das wird auch gehalten.
=    Oma, dürfen wir? Hurraah!
–          Aber nur, wenn ihr zu eurer Mutter geht und sagt, daß es euch leid tut.
–          Aber es tut uns doch garnich leid.
–          Das macht nichts. Sagen müßt ihr’s trotzdem, wenn ihr in den Familienpark wollt.
–          Tut uns leid, Mama.
–          Tut mir auch leid, Kinder.
–          Ich will in die Elefantenschaukel, ich-will, ich-will, ich!
–          Du warst doch vorhin schon zehnmal auf der Giraffenrutsche, jetzt bin ich dran.
–          Maammaa!
–          Warum fahrt ihr nicht beide noch eine Runde im Tigerentenkarussell, da habt ihr beide Platz, und Pappa und ich können in aller Ruhe mal in der Zwischenzeit einen Cappuccino trinken gehn, mh, was meinst du, Liebling?
–          Tigerentenkarussell ist doof, das ist was für Beebies.
–          Genau!
–          Liebling, jetzt sag du doch auch mal was.
–          Ich bin froh, daß unsere richtige-kleine-Familie heute beisammen ist, um diesen schönen Ausflug in den Familienpark zu unternehmen. Da kann man mal so richtig abschalten und durchatmen, findest du nicht auch, Schatz?
–          Ich find Familie so scheiße.
–          Single bleiben. § 7.

 

–          Lieber einsam und echt, als familiär und verlogen.
–          Ruf mich doch mal an, Junge.
–          Das alte Tonband schon wieder. Seit zwanzig Jahren dasselbe Gespräch. Das gute Alte. Wenigstens etwas bleibt.
–          Nie bist du zuhause, wenn ich anrufe.
–          Ich mußte doch klavierüben, Mutter, deshalb.
–          Das ist schön, daß du so fleißig übst, und etwas aus dir machst, mein Junge. Das ist schön. Ich bin so stolz auf dich.
–          Ich rühr seit zwanzig Jahren keine Taste mehr an. Es kommt nicht drauf an.
–          Machs gut, mein Junge.
–          Machs gut, Mutter. Komme mir vor wie eine dressierte Ratte, wenn ich mit meiner Mutter telefoniere. Die den Weg durchs Versuchslabyrinth endlich auswendig kennt.
–          Ich hab dich lieb, mein Junge.
–          Ich dich auch, Mutter. Mir geht das kaum über die Lippen, komisch. Als ob ich mich dazu zwingen müßte. Dabei steht geschrieben, du sollst deine Eltern achten und ehren, § 7a. Muß ich sie auch lieben? Wie denn? – Was haben sie nicht alles für mich getan? Andererseits: Was haben sie mir nicht alles angetan?
–          Wir machen alle Fehler, mein Junge. Keiner werfe den ersten Stein, der nicht vollkommen ist unter euch. Wir wußten es eben nicht besser.
–          Natürlich nicht, Vater. Ich kann euch ja gut verstehen. Da hab ich in der einen Hand ein schreiendes Wickelkind, in der andern eine Kehrschaufel – was mach ich jetzt damit? Zusammenschlagen natürlich, was Besseres fällt mir nicht ein.
–          Und als Kind hast du so viel geschrien. Da wußten deine Mutter und ich uns einfach nicht anders zu helfen.
–          Als mich noch mehr zum Schreien zu bringen? Klar, logisch.
–          Und es hat dir ja auch nicht geschadet. Oder?
–          Schade, daß ich grad keine Kehrschaufel habe, dann könnte ich euch auch ein bißchen „nicht damit schaden“. Habt ihr ein Gewissen, Eltern?
–          Das wächst sich aus mit der Zeit.
–          Ein Kind wird geschlagen. Darum wird es anders.
–          Kinder brauchen eine feste Hand. Wer nicht hören will, muß fühlen. Der Wille des Kindes MUSS gebrochen werden.
–          Ohne Kleinfamilie wäre die Welt um eine Hölle ärmer. § 8.

 

–          Sterben und Schuld.
–          Du bist tot, Vater. Wieso sprichst du noch mit mir?
(Stille.)
–          Antworte!!
–          Paß auf, daß du dich nicht im Ton vergreifst. So spricht man nicht mit seinem Vater.
–          Mit meinem toten Vater rede ich, wie es mir paßt.
–          Du glaubst wohl, jetzt, wo ich nicht mehr bin, könntest du dich endlich gegen mich auflehnen? Da irrst du dich. Ich bin dir näher als ich es zu Lebzeiten jemals war. Ich bin du geworden, ich bin ein Teil von dir, eine Erinnerung… Du kannst nicht gegen mich kämpfen, ohne dir selbst zu schaden. Das hättest du früher wagen sollen, aber hast dich ja gefürchtet, einem armen, verwirrten, halbblinden Mann die Meinung zu sagen, ihm deinen Haß zu offenbaren, den ebenderselbe Mann in deine Seele pflanzte, als du noch machtlos und unschuldig warst. Und jetzt kämpfen Haß und Vergeltungsdurst in dir und zerreißen dich, während ich unsterblich bin, solange du lebst. Das ist der Triumph des Vaters.
Ich gebe dir Rat, wie auch du davon kosten kannst: Zeuge einen Sohn. Schlag ihn und nenne das „zu seinem Besten“. Brich seinen Willen über deinem Knie in Stücke. Fordere ab und zu ihn, der mit durchschnittener Achillesferse vor dir liegt, zum Kampf heraus. Wenn er nicht kämpft (und wie sollte er?), verachte ihn und weide dich an seinem namenlosen Haß. Wenn dein Tod kommt, heische Mitleid. Werde ein wenig blödsinnig und sabber lustig, und vergiß nicht, dabei mit dem Kopf zu wackeln: jaja, jaja, so ist das Leben. Stirb friedlich in dem Wissen, dein Sohn muß dich lebendig halten, solange er lebt. Willst du das?
–          Ich bin schwul, wie du weißt.
–          Selber schuld. Kein Sohn, keine Rache. Dann vergnüg dich als Arschficker. Du bist anders, dafür wirst du bestraft.
–          Hast du mal sowas wie Liebe gespürt?
–          Als ich deine Mutter zum ersten Mal sah. Später hat sich das gelegt. Jaja. So ist das nunmal.
–          Ich brauche deine Liebe nicht. Deine Anerkennung ist mir nichts wert, dein Haß langweilt mich inzwischen. Er verbrennt. Denn ich spüre mehr Liebe in mir, als ich es je in Worte fassen könnte.
–          Das bildest du dir ein.
–          Tote haben da nicht mitzureden. Du warst tot, obwohl dein Körper aufrecht über der Erde stand und sich bewegte und mich an der Schulter packte, innerlich warst du tot. Das habe ich gewußt, und deswegen habe ich nicht konkurriert mit dir und deinen blödsinnigen Männlichkeitstümeleien.
–          Ach-ach-ach-ach, jetzt aber…
–          Unterbrich mich nicht. Ich bin in der Liebe, ich spüre sie in jeder Zelle meines Körpers, sogar wenn ich deine tote Stimme höre, bin ich in Kontakt mit dieser strahlenden, pulsierenden Energie, die man Leben nennt. Das ist mein Geburtsrecht, und das war auch deins, aber du hast deine Chance verpaßt. Du glaubst, ich müßte einen Sohn zeugen, um durch ihn ein winziges Stückchen länger in der Zeit zu existieren, aber das ist nicht nötig. Ich lebe JETZT, und bin frei von Zeit. Mein Körper löst sich irgendwann auf, aber das, was ich bin, ist nicht der Körper. Ich klammere mich nicht todesängstlich an ein Stück atmendes Fleisch, aber ich genieße es, solange ich kann, und währenddessen erkenne ich das tiefe Geheimnis des Lebendigseins, in deren Gegenwart sich deine tote Stimme als Illusion enthüllt. Du glaubst, weil ich anders bin, müßtest du mich bestrafen, und ich erlaube es dir. Hier bin ich, versuche es. – Bist du noch da?

(Stille.)

–          Ruhe in Frieden, Vater.

 

–          § 9: Gerechtigkeit.
–          Um gerecht zu sein: Das System Familie ist nicht schlecht, nicht ganz. Aber es läßt zu, daß Kinder in die Hände von Erwachsenen geraten, die in ihrer emotionalen Entwicklung auf dem Stand von Drei- bis Achtjährigen stehengeblieben sind.
–          Emotional Behinderte als „Erziehungsberechtigte“.
–          Die sich für die „Eigentümer des Kindes“ halten.
–          Als Kind gehörst du dir selbst…
–          …genau wie als Erwachsener auch.
–          § 10.
–          Eine Gutenacht-Geschichte zum Schluß.
–          Eines Tages kam das Kind in die Küche und sah, daß die Mutter auf dem Herd im größten Topf, den es in der Küche gab, eine schleimige, schwarze Suppe kochte.
–          Was ist das?
–          Fragte es ein wenig beklommen die Mutter.
–          Das sind ein paar schlechte alte Gefühle von mir, ich wußte nicht, wo ich sie hintun soll. Also habe ich eine Suppe daraus gemacht, und du wirst sie aufessen.
–          Aber,
–          Sagte das Kind.
–          Ich will doch nicht deine alten Gefühle aufessen. Ich habe doch selber welche.
–          Deine Gefühle zählen hier nicht.
–          Erwiderte barsch die Mutter, und sie rührte heftiger in dem riesigen Topf.
–          Meine haben früher auch nichts gegolten, und jetzt will ich sie nicht mehr haben. Und warum soll es dir besser ergehen als mir. Und jetzt setz dich dahin. Es ist halb eins, und gleich wird gegessen, was auf den Tisch kommt.
–          Das Kind wurde ein wenig bleich und es empfand etwas Übelkeit. Draußen war ein herrlicher Frühlingstag, und das Fenster stand offen. Zwar nur der zweite Stock, aber immerhin ein Betonboden unten. Ob es sich rasch hinausstürzen sollte? Ohne Gedanken vom Fensterbrett springen und fliegen, nach draußen, nach unten, ins Unerreichbare, bevor die Mutter es packen und zwingen konnte, diese riesige Menge zäh blubbernder Gefühlssuppe zu schlucken? Doch es zögerte einen Augenblick zu lang. Jetzt wurde der Topf auf den Tisch gehievt, und da blinkte auch schon der gewaltige Schöpflöffel.
–          Mund auf.
–          Kommandierte die Mutter. Das Kind sagte:
–          M-mh.
–          Und preßte die Lippen zusammen.
–          Mach – sofort – den Mund auf.
–          Wiederholte die Mutter scharf.
–          Ich sage es nur noch einmal – eins… zwei…
–          Bei drei packte sie mit der einen Hand den Unterkiefer des Kindes und zwang es, ihn zu öffnen, mit der andern tauchte sie den Schöpflöffel tief in die schwarze Masse. Das Kind wehrte sich, es hatte Tränen in den Augen und wollte den Kopf zur Seite drehen, doch die Mutter sagte:
–          Halt still, sonst reiße ich dir sämtliche Zähne aus.
–          Das hatte sie zwar nicht ernstgemeint, aber das Kind glaubte es sofort und fiel in eine Schockstarre, und jetzt schaufelte mühelos die Mutter eine Riesenkelle nach der andern in den vor Entsetzen weit geöffneten Mund, eine Stunde, zwei Stunden lang, während draußen die Sonne schien, bis der Topf schließlich leer war und alle Gefühle geschluckt waren.
–          Und, bist du satt.
–          Fragte hinterher die Mutter, und als das Kind nichts sagte, meinte sie, daß da wohl die Augen mal wieder größer als der Magen gewesen waren, und ob es denn wenigstens geschmeckt hätte. Das Kind wußte nicht, was es sagen sollte.
–          Und es konnte auch nichts mehr sagen.
–          Denn die Mutter hatte Lippenkleister in die Suppe getan.
–          Es wollte gehen, es gab ja auch noch Hausaufgaben zu erledigen.
–          Kannst ruhig den Müll mit rausnehmen, wenn du gehst.
–          Rief die Mutter hinterher.
–          Ich stehe den ganzen Tag in der Küche und koche mir die Seele aus dem Leib, und du sitzt da in aller Seelenruhe und läßt dich bedienen. Wir sind hier eine Familie, und da hat jeder seinen Teil beizutragen.
–          Sagte sie, während am Spülbecken der riesige Topf trocknete und in der Frühlingssonne wieder so hübsch glänzte.
–          Wenn du ein Kind hast, sprich zu ihm freundlich, gib ihm zu essen, aber nur, was es mag, höre ihm zu, ob es schreit oder singt, und sieh, was passiert…
–          …wenn du nicht an ihm hängst.

–          Und jetzt ab ins Bett mit euch.

 

(Licht aus.)

Nach dem Erwachen

(Aus dem Tagebuch eines Erleuchteten)

Un-Personen-Stück

 

ICH     auf einem Stuhl in der Mitte der Bühne
EGO   Stimme hinter der Bühne (eventuell mikrofon-verstärkt)

 

ICH     Ego?

Spotlight auf Ich.

ICH     Du bist noch da. Gut. Wie schön. ich hätte dich sonst sehr vermißt. Ohne dich wäre Es mir sehr langweilig geworden. –
EGO   aus dem Off: Das Ich tritt aus dem Es hervor in die Existenz. Das Es wird sich seiner selbst bewußt.
ICH     Das hast du aber schön gesagt. Woher hast du das?
EGO   Schreibst du im ‚Tagebuch eines Erleuchteten‘. Durch mich wärst du nie zur Erleuchtung gelangt. Ohne mich, meine ich.
ICH     Das stimmt. ich danke dir.
EGO   Mein größter Wunsch ist Es (ich bestehe daraus), alle zu erleuchten. Ich erleuchte Sosi und Juna und alle, die mich kennen. Huhu, Ich bin Es!
ICH     Ab auf die Schulter mit dir. Hopp.
EGO   Auf die linke oder die rechte?
ICH     Wie du willst. Wenn du sitzt, werde ich wissen, wo du sitzt.
EGO   Hier sitze Ich. Ich paß auf dich auf.
ICH     ich danke dir. Das beruhigt mich.
EGO   Sagmal, weißt du schon… Päuschen.
ICH     Sprich – mein Mäuschen.
EGO   Naja, Ich bin eigentlich Du…
ICH     Oh -? Wirklich? Und das sagst du mir erst jetzt? Sowas.
EGO   Ja, Es hat sich halt jetzt so ergeben.
ICH     Ich hab immer gedacht, Es wäre umgekehrt.
EGO   Was?
ICH     Daß du ich bist.
EGO   Ja, das hab ich doch gesagt.
ICH     Und warum?
EGO   Naja, weil… äh – um dich darüber zu informieren. Dich aufzuklären. – So. Jetzt weißt du’s.
ICH     Das ist aber wirklich sehr freundlich von dir. ich habe wirklich Glück, mit so einem netten Ego wie dir zu leben.
EGO   Man tut was man kann.
ICH     Gracias.
EGO   De nada.
ICH     Pardon?
EGO   Keine Ursache.
ICH     Ohne Wirkung.
EGO   Sag mal, war Es nicht ein genialer Einfall von mir, dich zu erfinden?
ICH     Und dich gleich dazu. Wirklich, du bist grandios. Complaitement complet.[1]
EGO   Zuviel der Ehre.
ICH     Einfach famos.
EGO   Du übertreibst.
ICH     Nein, ich meins ernst.
EGO   Warte mal.
ICH     Worauf?
EGO   Hör doch mal!
ICH     Geste aufmerksamen Hörens.
EGO   laut flüsternd: Hörst du Es?
ICH     Eifriges Nicken.
EGO   Weißt du, wie nah Es ist?
ICH     leise flüsternd: Zu nah, um erkannt zu werden.
EGO   Es ist sehr scheu.
ICH     Jah.

Stille.

EGO   wieder lauter: Was denkst du gerade?
ICH     Dich.
EGO   Die ganze Zeit?
ICH     Zumindest jetzt, ja.
EGO   Das ist ja toll. Das ist ja toll!

Pause.

EGO   Immer noch?
ICH     Jah.

Kürzere Pause.

EGO   Und jetzt?
ICH     Jah.
EGO   Jetzt auch?
ICH     Du hast meine volle Aufmerksamkeit.
EGO   Ohhh! Ich bin überwältigt.
ICH     Das war nicht meine Absicht. Entschuldige bitte.
EGO   schwäbelnd: Scho verschmerzt. – Sag mal, wenn du andauernd an mich denkst, dann bist du ja gar nicht…
ICH     Was?
EGO   öh, erleuchtet.
ICH     Wer hat behauptet, daß ich erleuchtet sei? Das warst doch du, wenn ich mich recht erinnere.
EGO   Ja, aber du bist ja Ich. Eigentlich.
ICH     Stimmt! Das hatte ich total vergessen. Wo war ich bloß mit meinen Gedanken.
EGO   Wie konntest du nur. Nach alldem, was Ich dir angetan, Ich meine, was Ich für dich – äh, Ich mir angetan habe.
ICH     Es wird bestimmt nicht noch einmal vorkommen.
EGO   Schwörst du?
ICH     Werdisch aufpasse, weisch.
EGO   Sag mir die Wahrheit!
ICH     Es ist so.
EGO   Wie!?
ICH     Wie Es ist.
EGO   Was!?
ICH     Es.
EGO   Geschwafel. Leeres Geschwätz! Ich kannEs nicht mehr hören: ewig ‚Es ist, wie Es ist!‘ und ‚So ist Es eben.‘ Diese penetrante Akzeptanz! Ab-solut in-akzeptabel!
ICH     sitzt, lächelt, nickt.
EGO   Und du sitzt da und schweigst. Sagst nichts dazu. Tu bloß nicht so!

Pause.

EGO   Weißt du überhaupt, was Schweigen ist??

Stille.

EGO   Kannst du‘s mir sagen? – Siehst du. Kannst du nicht. Du hast – ü-berhaupt keine Ahnung. Sieh mich an!
ICH     wendet leicht den Kopf nach links.
EGO   Ich kann die Klappe halten, wenn‘s drauf ankommt. Fünf Minuten, zehn Minuten, halbe Stunde, völlig egal, Es kommt gar nicht drauf an. Du dagegen…
ICH     schaut geradeaus.
EGO   …sitzt nur rum und atmest. Wozu? Kannste ja später immer noch. Wenn du wenigstens dabei was lesen würdest. Oder Essenkochen, staubsagen. Wie sieht’s denn hier schon wieder aus. Ich schau besser gar nicht hin. Ohgott. – Wenn das deine Mutter wüßte. Wann hast du sie eigentlich das letzte Mal angerufen? Ich würde wirklich gerne mal wieder mit ihr reden. Was erlaubt die sich eigentlich. Pause. Was glaubt sie denn, wer sie ist! – – Und du!

EGO He, ich rede mit dir!

EGO Aufwachen!!
ICH     springt auf, schlägt die Hacken zusammen, militärischer Gruß nach vorn mit links.
Jawoll, Sir! Jawoll!
EGO   Stehn Sie bequem.
ICH    Mit Verlaub, Sir, ich stehe sehr gern stramm, Sir!
EGO   Stehen Sie bequem! – Das ist ein Befehl.
ICH     Jawoll! Sir! Sir, Dankesehr, Sir.
EGO   Achtung! Lügestütz-Position.
ICH     geht auf die Knie in den Vierfüßlerstand.
EGO   Linker Arm nach vorne, rechtes Bein nach hinten. Zackzack. Weiteratmen! Uund Seitenwechsel. Zack! Zackige Ausführung, hervorragend. Ich bin stolz auf Sie.
ICH     Sir, danke, Sir!
EGO   Was bin Ich?
ICH     Sir, Sie sind stolz auf Sie, Sir.
EGO   Jawoll! Stilljestanden! Aach-tung!
ICH     springt auf die Füße, hebt die Arme über den Kopf.
EGO   Sonne begrüßen im Atemrhythmus!
ICH     führt den Sonnengruß aus.
EGO   Und deklamieren!
Ich bin Du – bist Ich bin – Du bist Ich – bin Du bist – Ich –
ICH     fällt mit ein: – bin Du – bist Ich bin – Du bist Ich – bin Du bist –
EGO   Ich – Halt!
ICH     erstarrt.
EGO   Setzen.
ICH     tut es.
EGO   Kasernenton wie zuvor, mit didaktischem Subton: Bearbeiten Sie nacheinander folgende Themen: a-tens, Ich-Bewußtsein über Selbstfindung und freien Willen zur Persönlichkeitsentfaltung. Erläutern Sie b-tens anhand dreier Beispiele Vorzüge intensiver Vergangenheitsbetrachtung gegenüber der relativen Bedeutungslosigkeit des Gegenwärtigen unter der Berücksichtigung des Moments des Zukünftigen als Träger wunscherfüllender Individual-Potenzialität.
Sie haben fünfhundert Atemzüge Zeit. Anfangen.

Pause. Fünf bis sieben Atemzüge.

EGO   Noch drei Minuten.

Zwei Atemzüge.

EGO   Ihre Zeit ist – um. Stifte weglegen, Klausuren bitte nach rechts abgeben. Sie erfahren die Ergebnisse in vier Wochen. Angenehme Sommerpause.

Ein Atemzug.

EGO   normale Stimme: Puhh! Das war ganz schön heftig, oder? Hast duEs gewußt? Ich hab nicht gewußt, was Ich schreiben sollte bei Vergangenheitsberechnung. Fällt mir wie immer immer erst hinterher was zu ein. Jetzt wärs glaub Ich kein Problem… wieviel hast du so geschrieben?
ICH     Nicht allzu viel.
EGO   Aber wie Ich dich kenne, wohlgeformte Sinntenzen, die keinen Zweifel an deiner Begabung zulassen. Ne, ausschließen mein ich. Die jeden Zweifel an deiner Begrabung – äh, einbeziehen… Ist ja auch nicht so wichtig. Hauptsache, wir habenEs hinter uns. Was machen wir jetzt? Café oder Kino?
ICH     Meinetwegen.
EGO   Ja was, entweder oder? Jetzt entscheid dich doch auch mal. Alles muß Ich selber für dich anpacken, einkaufen, wo gehen wir essen, was ziehen wir an… Und hinterher heißt Es dann, was hast du denn da schon wieder undsoweiter. Junge, du mußt auch mal selber Verantwortung übernehmen. Ich kann doch nicht immer für dich unter – äh, entscheiden. Triff deine Wahl und wähle dich selbst, heißt die Devise. Deine Entscheidung – deine Verantwortung. Das bestimmt dein Selbstgefühl. Tu Es selbst, bevor Es andere tun.
ICH     Du hast ja recht. ich weiß selber grad nicht, was mit mir los ist.
EGO   Manchmal glaube Ich, du hast einfach zuviel Angst.
ICH     Kann schon sein. Möglich. ich weiß nicht.
EGO   Hattest du eben Angst?
ICH     Wann?
EGO   Vorhin, bei der Prüfung.
ICH     Wahrscheinlich. ich hab noch nicht nachgeschaut.
EGO   Was, wo nachgeschaut: Was meinst du?
ICH     Die Ängste.
EGO   Häh, welche Ängste.
ICH     Die da vielleicht da unten da sind.
EGO   Pause.
EGO   Hm, naja – vielleicht. – Ja. Vielleicht ein andermal. Heut paßtEs eigentlich grad nicht so gut.
ICH     Wieso, ist doch wunderbar, wir sind allein, keiner stört uns…
EGO   …und keiner hört dich schrei’n…
ICH     So soll Es denn sein. – lauter. Hallo? – Ist da einer?
EGO   Psst, nicht so laut, Ich bin empfindlich. Denk an meinen Gehörsturz.
ICH     wieder leiser: Bitte entschuldige. Dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig als runterzugehen.
EGO   Was!? Bist du verrückt!
ICH     Oder was schlägst du vor?
EGO   Naja, Ich – vielleicht sollten wir’s uns einfach gemütlich machen, wir zwei… einen Sekt aufmachen, uns in die Wanne legen, entspannen… sich gegenseitig die Füße massieren – Ich und du – und Ich… Weißwein ist auch noch da, glaub Ich…
ICH     Der ist im Keller. Wir könnten einen holen. Wenn du magst.
EGO   Äh-ich denke, ich trink lieber Roten. Danke…
ICH    Kein Problem. Aber ich möchte gerne Weißwein.
EGO   Muß das sein?
ICH    Meine Entscheidung, meine Verantwortung. So wie du Es mir vorhin gesagt hast.
EGO   So hab Ich das doch gar nicht gemeint.
ICH     Wie denn dann?
EGO   Ich – also, Ich… also wenn… also nehmen wir mal an, du übernimmst Verantwortung, dann – naja, dann… entscheidest du dich ja quasi dagegen, die Verantwortung – nicht anzunehmen, du erzeugst – sozusagen Negativität gegenüber der Vorstellung, frei zu sein, frei von Verantwortung, und solange diese Negativität in dir lebt, von dir genährt wird, solange bist du nicht wirklich frei, verstehst du, nicht im endgültigen Sinne des Wortes befreit, da ist immer ein noch ein Nein in dir. „Nein, ich will nicht die Verantwortung für mich selbst nicht selbst übernehmen.“
ICH     Gut. Dann sei auch dieses Nein mit freundlicher Umarmung in mein Ja mit eingeschlossen. – Und jetzt gehen wir in den Keller.
EGO   Nein!!
EGO   Ich will nicht! – Verdammt! Du weißt ja nicht, was du tust…
ICH     Wie wahr. Es ist noch dunkel.
EGO   Du Iddiotz. Ich verlasse dich. Ich geh zu meiner Mutter, kannst ja sehn, wie du selber zurecht kommst. Du elender, blöder, egoistischer, du Arsch, du ewiger… alter…
ICH     Alle meine Ängste rufe ich zu mir.
EGO   Wahnsinn!
ICH     Seid willkommen. Erscheint in welcher Gestalt auch immer ihr wollt, ob ihr viele seid oder eins, ihr seid frei…
EGO   Gott!
ICH     …frei nach Belieben vor mich zu treten von Angstgesicht zu Angesicht.
EGO   Tod! Da ist der Tod!
ICH     Ihr könnt ruhig näherkommen.
EGO   Ich sterb vor Angst.
ICH     Ihr braucht keine Angst zu haben. Kommt ruhig rein, Es ist genug Raum für alle.
ich freue mich, euch jetzt meinen Mitbewohner vorzustellen…
EGO   Bitte nicht! Bitte!
ICH     Ihr Lieben:
mein liebes – Ego.

Volles Licht an.

[1] Falsches Kompliment (freundlich gemeint)

Ich sterbe gerade

Stück für drei

1.

–          Ich sterbe gerade.
–          (mit wütender Freude): Jaa! Endlich.
–          So kann man das auch nicht sehen.
–          (höhnisch) Hast wohl Angst?
–          Naja, so kann man das nicht sagen. Es ist eher ein… Unsicherheit vielleicht.
–          (priesterlich) Ich sterbe, um zu leben.
–          (euphorisch) Endliich!
–          (Stille)
–          Bitte.
–          Was?
–          Kein Wort mehr. Ich habe Kopfschmerzen.
–          So ist das halt, wenn man gerade stirbt. Man hat Kopfschmerzen.
–          Damit fängt es an.
–          Das sind unterdrückte Gefühle.
–          Die steigen ins Bewußtsein.
–          All die Angst
–          All die Wut
–          All der Haß
–          Sie sagen:
–          (zu dritt): Hier bin ich.
–          Sie kämpfen gegen dein illusorisches Selbst.
–          Das stirbt zuerst.
–          Es gibt nichts mehr, was dich vom Unterbewußten trennt.
–          Du bist du selbst.
–          Der Tod sagt dir:
–          Die Wahrheit.
–          Auf ihn kannst du dich verlassen.
–          Er ist todehrlich.
–          Dein allerbester Freund.
–          Immer für dich da.
–          Frag ihn um Rat, wenn du nicht weiterweißt.
–          Ich sterbe gerade! Was soll ich machen? Ich weiß nicht weiter.
–          (Stimme des Todes, sehr natürlich) Erlaube es.
–          Ja wie? Ich kann nicht.
–          Es ist doch einfach.
–          So einfach wie Atmen.
–          Sogar noch einfacher.
–          Es ist einfach einfach.
–          Sei einfach du selbst.
–          Ich BIN ich selbst!
–          Dann sag ja zu dir.
–          Tu ich ja. (Nachäffend) Ja zu mir! Als ob das so einfach wär. (setzt sich in Meditationshaltung) Ich sage jaa zu mir… ich akzeptiere mich, wie ich biin… ich aatme… ich spüre meine Lebendigkeit… Herrgott, wie lange denn noch?
–          Bis du tot bist.
–          Und wie lange dauert das noch?
–          Hängt von dir ab.
–          Wieviel Widerstand du leistest.
–          Gegen den Tod.
–          Gegen das Unausweichliche.
–          Gegen das, was ist.
–          Nicht du bist es, der stirbt.
–          Nicht dein wahres Selbst.
–          Sondern dein Widerstand dagegen.
–          Du bist dein eigener Tod.
–          Fürchte dich nicht.
–          Ihr seid so lieb zu mir. Ihr tröstet mich. Das ist gut.
–          Hat dich denn niemand getröstet bisher?
–          Nicht so. Nicht so gründlich. Ich hab mich immer allein mit mir gefühlt. Ich dachte immer, ich bin allein und muß Angst haben. Und es nicht zeigen dürfen. (Schreit) Das ist unerträglich! Ich halt es nicht aus!
–          Es ist normal.
–          Viele leben so.
–          Bis sie sterben.
–          Freiwillig.
–          Freiwillig sterben? Ihr seid doch verrückt. Das ist ja Selbstmord. Nie im Leben. Eher schlag ich mir den Schädel ein.
–          Was machen deine Kopfschmerzen?
–          Geht grad so. Schon wieder besser.

 2.

–          Komm, jetzt reden wir mal über was anderes. Ich hab noch so viel zu tun. Das und das hab ich noch zu tun.
–          Und dann?
–          Weiß nicht, dann kommt was anderes. Was Neues. Das Leben geht eben weiter.
–          (greift sich zwischen die Beine) Ich hab so Sehnsucht nach dem Natürlichen.
–          (greift sich auch zwischen die Beine) Wie konnte es je dazu kommen, daß ich davon abgeschnitten wurde?
–          Wie konnte ich überhaupt je glauben, vom Natürlichen abgeschnitten zu sein?
–          Ich BIN das Natürliche!
–          (Sie stoßen mit leeren Gläsern an. Zu dritt:) Auf das Natürliche! (Sie leeren das leere Glas.)
–          Ahh, das tut gut.
–          Ein Schluck Natürliches.
–          Ist noch was da?
–          (Aus einer imaginären Flasche wird eingeschenkt.)
–          Jede Menge. Trinkt, Brüder. Schwester, trink!
–          (besoffen) Hihi. Ich bin schon – hick – gans natürlich.

3.

–          (schreit): Zeit ist ein Feuer!
–          Ich brenne!
–          Es verzehrt mich.
–          Achtzig Jahre Fegefeuer.
–          Wie alt bist du?
–          (nennt sein Alter)
–          (soundsoviel)  Jahre Fegefeuer.
–          (zu zweit): Häppy böörsdäi tuu juu!
–          (zu dritt blasen sie Kerzen auf einem imaginären Geburtstagskuchen aus)

4.

–          Als Gott den Menschen aus dem Paradies vertrieb, beschloß der Mensch sich zu rächen. Er warf Brandbomben auf den Garten Eden, er erfand Raketenwerfer, er besprühte den Baum der Erkenntnis mit Napalm. Und Gott ließ das zu.
–          Gott ist verrückt. Wie kann er so einen Wahnsinn zulassen.
–          Pff. Er ist doch selber schuld. Hätte er den Menschen halt nicht vertrieben. Das hat er nun davon.
–          Mein schöner Garten! Das könnt ihr doch nicht machen. Ach, hätte ich euch doch bloß nicht vertrieben. Hätte ich euch doch vergeben.
–          Zu spät, alter Mann.
–          Zu spät, armer, alter Gott.
–          Hier, ich schenke es euch. Ich gebe euch das Paradies zurück. Der Engel mit dem Flammenschwert, ich habe ihn soeben fortgeschickt. Der Weg ist wieder frei. Hier, es gehört euch.
–          Dieses Stück flambierter Erde? Besten Dank, so einen Dreck würde ich nicht mal meinem Hund anbieten. Wir wollen ein neues Paradies!
–          (zu zweit skandiert): Wir woll’n ein neues Paradies! Wir woll’n… etc.
–          Ich hatte nur das eine. Es gab nur das eine.
–          Tja. Paradise lost.
–          So ist das nun mal.
–          Und was lernen wir daraus? Paradiese wachsen offensichtlich nicht auf Bäumen. Seid also sparsam mit dem einen, das ihr habt.
–          Hattet.
–          In Ewigkeit, Amen.
–          Gehen wir zurück in den Alltag, in den Beruf, in die Anforderungen des täglichen Lebens.
–          Genau. Ist ja auch wichtig.
–          Genau.
–          Wo waren wir?
–          Beim Sterben.
–          Ach ja, wie immer. Was frag ich eigentlich noch. Es geht ja immer nur darum.
–          Was macht dein Kopf?
–          Die Zeit heilt alle Wunden.
–          Die sie dir selber zugefügt hat.
–          So ist die Zeit: Erst haut sie dir eine rein…
–          Gleich klatschts!
–          Und dann sagt sie: Ach herrje, das tut mir leid, warte nur ein bißchen, das geht vorbei.
–          Zeit, dieses unaufmerksame, vertrottelte, verzogene Kind.
–          Blind, taub, egoistisch, rücksichtslos.
–          Lernt nichts dazu.
–          Ich frage mich, ob es auch noch was anderes gibt außer Zeit.
–          Das wäre schön. Ich glaub nicht.
–          Das wäre das Happy End.
–          Wenn das kommt, ist es nur provisorisch.

5.

–          Der letzte Wille kann der größte Unsinn sein, und trotzdem tun alle so, als wäre alle Weisheit des Himmels darin enthalten.
–          Machterhalt.
–          Verlängerung des zeitlichen Daseins.
–          Das eigene Sterben wird mißbraucht.

6.

–          (esoterisch, sehr sanft) So sehr sich dein Verstand auch dagegen sträubt: Wir sind – Lichtwesen.
–          (Stimme des Verstandes): Nein! Ich bin fest.
–          (esoterisch): Für eine Weile, ja.
–          (Verstand): Achtzig Jahre lang fest.
–          (Esoterik): Ein vorübergehender Zustand eines unvergänglichen Strahls des ewigen unendlichen Bewußtseins.
–          (Verstand): Kann ihr mal jemand ein paar Ohrfeigen verpassen?
–          (normale Stimme, vielleicht etwas härter als sonst): Noch schlimmer als Sterben ist eigentlich eine Ohrfeige zu kriegen.
–          So plötzlich.
–          So unerwartet.
–          Obwohl du damit gerechnet hast.
–          Die Erleichterung, wenn es geklatscht hat.
–          Das wars.
–          War doch gar nicht so schlimm, oder?
–          Wie sagt man?
–          Danke.
–          Der Schreck ist schlimmer als der Schmerz.
–          Am schlimmsten ist das Gefühl danach.
–          Noch Jahre später.
–          Gleich klatschts!
–          Jeder könnte es tun: dein Chef, dein Lehrer, der Fremde auf der Straße.
–          Du kriegst es gar nicht mit, daß du eigentlich Angst hast.
–          Die ganze Zeit.
–          Gleich klatschts!
–          Oh, es gibt rechtliche Mittel.
–          Für den Fall, daß es mal klatscht, und du bist zufällig schon erwachsen.
–          Derjenige muß dir dann was zahlen.
–          Aber der Schreck, noch Jahre später…
–          Unbezahlbar.
–          Viel besser wäre:
–          Ich klatsche zurück.
–          Mit Genehmigung des Gerichts.
–          Das wars.
–          Danach geht man einen trinken.
–          Und erzählt sich Geschichten von früher.
–          Meine Eltern, wie die mich immer zusammengeklatscht haben.
–          Aber geschadet hats uns nichts.
–          Sagt man zumindest.

7.

–          Heute: Ein Interview mit dem Tod, exklusiv und nur für Sie. Drei Fragen an den Tod!
–          Herr Tod, was ist Ihre Lieblingsbeschäftigung?
–          Nun, ich würde sagen: Buddhisten verärgern.
–          Eine interessante Beschäftigung, in der Tat. Die zweite Frage.
–          Was soll einmal auf Ihrem Grabstein stehen?
–          Meine Mutter ist schuld. Nein, Moment, lieber nicht. Lieber: Fürchtet euch nicht.
–          Fürchtet euch nicht, DAS Statement der Woche.
–          Dritte Frage: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
–          (lange Pause) Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Nächste Frage, bitte.
–          Das war’s schon. Besten Dank.
–          Ich danke Ihnen.
–          Nichts zu danken.

8.

–          Ach, und noch was, Mutter. Du brauchst mir dieses Jahr nicht wieder zwei Pakete zu Weihnachten schenken. Was Kleines genügt, wenn überhaupt. Je weniger, desto besser.
–          Ich versuchs. Es wird mir schwerfallen, aber ich versuchs.
–          Also jetzt tu mal nicht so, als würdest du vor Liebe und Fürsorge überfließen. Damit betäubst du doch nur dein schlechtes Gewissen, daß du mich den Rest des Jahres und meine ganze Kindheit über größtenteils hast darben lassen, und sogar ausgesogen hast du mich unter dem Deckmantel deiner falschen mütterlichen Fürsorglichkeit. Aber ich verzeihe dir. Du wußtest es ja nicht besser. Es ging dir ja genauso. Ja, schenk mir, was du willst und soviel du willst. Ich werds wegwerfen oder weiterverschenken oder verbrennen oder ins Regal stellen oder ichweißnichtwas. Danke im voraus übrigens.
–          Isst du genügend?
–          Ich esse genügend. Es reicht.

9.

–          Du verbietest mir meine Stimmungen. Du hast nie gespürt, wie ich mich fühle, und wenn doch, dann hast du‘s mir verboten. Immer galten deine Stimmungen als die einzige richtige. Immer mußte ich fühlen, was du wolltest. Ich hasse dich dafür, das kannst du dir gar nicht vorstellen.
–          Aber Junge, das ist doch überhaupt nicht wahr. Du hast dich halt nie getraut, mir zu sagen, was dich wirklich quält.
–          So eine Lüge! So eine Verdrehung der Tatsachen! Du Schlange! Auf den Scheiterhaufen mit dir.
–          Jetzt reg dich doch nicht gleich so auf.
–          Schon wieder!!! Ich hasse dich, und du nimmst es nicht mal zur Kenntnis.
–          Das gibt sich alles, das wächst sich schon aus. Glaub mir, ich weiß das. Komm du erstmal in mein Alter, dann wirst du sehen, wie beschwerlich ich es hab, den ganzen Tag allein, und keiner ruft mich an, deine arme, alte Mutter…
–          Stirb doch an deinem Selbstmitleid! Dein Leiden erregt nur noch Ekel bei mir. Dein falsches Wimmern. Du dickes, dummes Baby.
–          Mutter: Es ist ja so eine Last für mich. – jammernd: Bitte. Hilf mir, sie zu tragen.
–          Sohn (deutlich): Du bist stark genug, sie selbst zu tragen.
–          M: Bitte. Hilf mir…
–          S: Du bist stark genug.
–          M: Bitte…
–          S: Du bist lästig. Lästige Kinder soll man bestrafen. – Er legt sie übers Knie. Sie schreit, voller Lust. Im Rhythmus:
–          M: End-lich! End-lich! End-lich! (Prügelpause) Ich bekomme, was ich verdiene. (Wieder Schläge) O dan-ke! Dan-ke! Dan-ke! (Pause. Mit leuchtenden Augen): Ich habe dir so viel angetan als Kind. Nun hast dus mir zurückgezahlt. Ich fühle mich frisch und neugeboren. Die Welt ist wieder hergestellt.
–          (Zum Publikum): Kinder, prügelt eure Eltern, sie sehnen sich danach! Sie freuen sich darauf! Sie warten nur! Selig, wer solche Kinder hat, die es wagen, die natürliche Ordnung wiederherzustellen, den Ausgleich zu schaffen für überfrühes In-den-Windeln-geprügelt-worden-Sein.
–          S: Mir ist schlecht. Er kotzt.
–          M (eifrig herbeitrippelnd): Komm, wir machen es gemeinsam weg, ja? Mmh, das rieeecht. Mjamjamjam.
–          Aasgeierin. Kotfresserin. Lemurenhure. Ich piss auf dein Grab, wenns so weit ist.

10.

–          Das Problem von vielen Eltern ist: Sie halten sich für das Größte, was ihrem Kind je passieren konnte.

11.

–          Und dann stelle ich mir vor, wie der Tod in mein Zimmer kommt, vielleicht während ich träume. Wie er meine Hand, sie ist so überraschend lebendig und warm, seine Hand, nimmt und sagt:
–          Kommst du mit mir in die Ewigkeit?
–          Und er schaut mir ganz tief in die Augen dabei. Und ich sage:
–          Ja. Ich bin jetzt bereit.
–          Und dann löst er sich auf oder ich löse mich auf, wer kann das schon genau sagen, auf einmal ist das, was ich war, nicht mehr da, und es sind nicht mehr zwei, die da sprechen, sondern nur noch einer, und es ist nur eine Stimme, die spricht und antwortet:
–          Schau. Der leere Raum. Das bist du.
–          So tief. Und davon wußte ich nichts?
–          Du hast es vergessen. Und jetzt habe ich dich erinnert.
–          Danke, mein Tod.

(Licht aus.)