Archiv der Kategorie: Schauspiele

Schauspiele

Drei Szenen
Spielanweisungen für vier Personen
2005

zusammen oder getrennt
für zwei Männer zwischen zwanzig und vierzig
2006-11

Der Elefantenfluch
Text für ein Puppenspiel
2007

Shakespeare probt ein neues Stück oder:
Der Geist weht, wo er will
2007

Nach dem Erwachen
Aus dem „Tagebuch eines Erleuchteten“
2008

Die Nonne und der Kerkermeister
(w.i.p.)

Familienbeschimpfung
für mehrere Sprecher
2010

Ich sterbe gerade
Stück für drei
2010

Quartett

Vier Personen (A, B, C, D)

Die Personen sitzen an einem quer zum Publikum aufgestellten rechteckigen Tisch: A und D sitzen sich an den Kopfenden gegenüber, B und C nebeneinander an einer langen Seite (Gesicht zum Publikum). Jeder hat ein aufgefächertes Kartenspiel mit jeweils vier Blatt in den Händen. Sie halten die Karten mit beiden Händen übertrieben dicht vors Gesicht, wie eine Maske (Rückseite nach vorn). A dreht einmal sein Gesicht mitsamt den Karten zum Publikum, beugt dabei den Oberkörper vor, und wieder zurück.

Danach beginnt das Spiel: In jeder Runde legt einer nach dem anderen (aber niemals der Sitzreihenfolge gemäß und jedesmal in einer anderen Reihenfolge) ein Blatt ab, tut dies aber von Runde zu Runde in unter­schiedlicher Weise. Die Geschwindigkeit der Bewegung kann ebenso variiert werden wie die Lautstärke, mit der das Blatt abgelegt wird (immer mit der Bildseite nach oben), auch der Charakter kann sich verän­dern: herausfordernd, triumphierend, verzagt, gleichgültig. Während des Ablegens bewegen sich jeweils nur rechter Arm und rechte Hand. Die Pausen zwischen dem Ablegen sollten unterschiedlich lang sein.

Am Ende jeder Runde – d.h. wenn in beliebiger Reihenfolge jeder eine Karte ausgespielt hat – schau­en gleichzeitig alle vier mit langsamen, übertrieben „heimlichen“ Bewegungen dem Sitznachbar in die Kar­ten, und zwar wie folgt:

A schaut bei B, B bei C, C bei B und D bei C.

Dabei bewegen sich nur die Köpfe, die Position der Karten wird nicht verändert. Die Köpfe kommen hinter den Karten zum Vorschein, verharren etwa zwei Sekunden und kehren in die Ausgangsposition zurück, worauf die nächste Runde beginnt. Diese „Spickbewegung“ wird immer mit derselben Geschwindigkeit ausgeführt.

Die Spickbewegung am Ende der ersten Runde ist lautlos.

Am Ende der zweiten Runde wird sie begleitet von einem fragenden murmelnden Laut (langgezogenes, aufwärts glissandierendes Mmh?)

Am Ende der dritten Runde (wenn jeder nur noch ein Blatt mit beiden Händen hält), gibt jeder ein abwärts glissandierendes Mmh! von sich, in der Art einer gewonnenen Erkenntnis.

In der vierten Runde spielt jeder sein letztes Blatt aus, nimmt aber mit der ausspielenden rechten Hand wie zuvor die ursprüngliche Position ein, als hielte er weiterhin Karten. Der Blick ist durchgehend ausdruckslos auf die nichtvorhandenen Karten fixiert. Wie zuvor bewegen alle ihre Köpfe in der angegebenen Weise und beginnen dabei, zunächst äußerst leise, dann zunehmend stärker, zu zischeln. Jeder nähert sein Gesicht äu­ßerst nahe der Hand, die er betrachtet, als sei er kurzsichtig. Zunehmend der Ausdruck größeren Erstau­nens.

Nach etwa fünf Sekunden regungslosen Betrachtens und lauten Zischelns wenden alle gleichzeitig den Blick auf die eigenen Hände, stehen langsam auf, währenddessen das Zischeln leiser wird, und gehen, den Blick starr auf die unveränderten Hände gerichtet, nach verschiedenen Richtungen ab.

Licht aus.

zusammen oder getrennt

für zwei Männer zwischen zwanzig und vierzig

Lediglich die erste und letzte Szene sind verbindlich. Die Reihenfolge der übrigen Szenen ist vom Regisseur bzw. den Darstellern festzulegen. Es können Szenen weggelassen werden.

Innenraum.

Rechts: ein sehr bequemer Sessel mit Kissen, und ein hölzerner Hocker ohne Kissen, und ein rundes Beistelltischchen mit Spitzendeckchen. Darauf ein Fleischermesser wie aus einem Horrorfilm.
Links: zwei hölzerne Stühle ohne Kissen. Wenn A und B darauf sich gegenübersitzen, sind ihre Profile dem Publikum zugewandt.
Hinten: Genau in der Mitte eine Tür mit zwei aus- und einwärts schwingenden Türflügeln.

Weitere Requisiten wie angegeben.

Gewöhnliches Licht.

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A und B sitzen sich gegenüber und starren sich in die Augen. Zwischen ihnen: das Beistelltischchen mit Fleischermesser.
B          Du hast geblinzelt.
A          Hab ich nicht.
B          Doch. Pause. Schon wieder.
A          Das kommt von meinen Kontaktlinsen, die stören mich. – Jetzt hast du.
B          Ich hab gar keine Kontaktlinsen drin.
A          Trotzdem hast du geblinzelt.
B          Ich sehe dich nur verschwommen.
A          Wie kannst du dann sehen, ob ich geblinzelt habe?
B          Blinzeln zählt nicht: Wer zuerst wegguckt.
A          Na schön. Sie starren. Wieviel Uhr ist es?
B          Du weißt es ganz genau.
A          Ich wollte mich vergewissern. Du hast eh keine Uhr um.
B          Ich brauch auch keine. Sie starren.
A          Da klettert was an dir hoch.
B          Meinst du, ich fall drauf rein?
A          Eine Spinne oder so.
B          Wisch sie doch weg.
A          Keine Lust. Ich will, daß sie in deinen Ausschnitt krabbelt.
B          leicht panisch: Dann verlierst du.
A          Macht nichts. Sie starren.
A          vergnügt: Ich werde gleich Spaß haben.

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Szene im Kopf

Vier Personen (ohne Namen)

Die vier Personen sitzen in gerader Reihe auf Stühlen in einigem Abstand zueinander. Gesicht zum Publi­kum. Aufrechte, aber nicht verkrampfte Haltung, gerader, teilnahmsloser Blick.

Dabei ist darauf zu achten, daß unterschiedliche Grade von Teilnahmslosigkeit dadurch erzielt werden, daß einer etwa gelangweilt, mit halbgeschlossenen Augen, wirkt; einer wie betäubt aussieht, als stünde er unter Drogen; einer vollkommen desinteressiert (in einem anderen Sinne als gelangweilt) dreinschaut. Der vierte bleibt während der ganzen Szene unverändert ausdruckslos.

Im Verlauf der Szene sollen sich bei den drei anderen unmerkliche Veränderungen einstellen: der eine er­höht über einen langen Zeitraum hinweg bei geschlossenem Mund kontinuierlich den Druck seiner Zunge gegen den Gaumen; einer, der sich seit dem Beginn an seiner Sitzfläche festhält, klammert sich mit immer festerem Griff daran, ohne seine Position zu verändern; einer preßt seine Knie (die sich von Anfang an be­rühren) immer stärker zusammen; einer, der anfangs ruhig und tief geatmet hat, atmet zunehmend flacher (aber lautlos). Diese sowie andere Varianten der An- und Verspannung lassen sich frei kombinieren. Dabei sollte man folgendes vermeiden: eine Anspannung plötzlich oder allmählich loszulassen, und eine äußer­lich sichtbare Bewegung zu vollführen. Geräusche werden selbst keine produziert bzw. sie werden unter­drückt, wohl aber verursacht (Knacken der Stühle etc.)

Die Dauer der Szene ist nicht festgelegt; sie endet damit, daß die unverändert ausdruckslose Person nach einer frei gewählten Zeitdauer mit flüssigen, natürlichen Bewegungen aufsteht und abgeht.

Licht aus.

Ohne Worte

Vier Personen:

JA
NEIN
DOCH
VIELLEICHT

Geschlechter spielen keine Rolle.

Die vier Personen sitzen in gerader Reihe auf Stühlen in einigem Abstand zueinander. Gesicht zum Publi­kum. Aufrechte, aber nicht verkrampfte Haltung. Gerader, ausdrucksloser Blick. Mit lauter, eintöniger Stimme wiederholt jede Person ihren „Namen“ (Ja, Nein, Doch, Vielleicht). Um größtmögliche Bezie­hungslosigkeit untereinander zu gewähren, kann jede Person sich ein „Sekundenraster“ zurechtlegen, wie etwa:

JA mit lauter, eintöniger Stimme: Ja… zwei Sekunden Pause… Ja… fünf Sekunden Pause… Ja… drei Sekunden Pause. Wiederholung.

NEIN ebenso: Nein… vier Sekunden Pause… Nein… zwei Sekunden… Nein… drei Sekunden. Wieder­holung.

Etc.

Es sollten nicht alle gleichzeitig und keinesfalls in der Sitzreihenfolge beginnen. Nach etwa einer Mi­nute werden die Ausrufe merklich leiser, dafür die Mundbewegungen zuerst deutlicher, dann übertrieben. Die Lautstärke verringert sich zum Flüstern, die Mimik wirkt gleichzeitig zunehmend clownesk verzerrt. Wenn die Lautlosigkeit erreicht ist, stehen alle gleichzeitig mit langsamen, maschinenartigen Bewegun­gen auf und gestikulieren wie folgt:

JA das Klischee eines beredten Italieners nachahmend;
NEIN schlägt dreimal mit der rechten Handkante auf die linke Handfläche – kurze Pause – Wiederho­lung;
DOCH faßt sich kopfschüttelnd mit beiden Händen an die Stirn und läßt dann die Hände aufgeregt in die Höhe flattern;
VIELLEICHT in der Art eines politisch noch nicht etablierten Agitators: aggressiver, kämpferischer Blick, repetitiv die hochgereckte rechte Faust wie im Rhythmus eines demonstrierenden Sprechcho­res schüttelnd.

Nach etwa einer Minute erstarren abrupt alle gleichzeitig in ihren Bewegungen. Das soll bei allen außer bei JA möglichst unprofessionell wirken, als seien sie nicht in der Lage, ihre Position zu halten: Einer zwin­kert öfters zweimal rasch hintereinander mit den Augen, einer zuckt mit der Nase, als müsse er ein Niesen unterdrücken, und zieht dann kurz und sehr laut die Nase hoch (nur einmal), einer kratzt sich verstohlen mit dem linken Fuß am rechten Knöchel. JA schaut die anderen drei mit einer langsamen Kopfwendung erst befremdet, dann tadelnd an. Nach dem Nasengeräusch leichtes Kopfschütteln, danach wieder absolute Bewegungslosigkeit.

Nach etwa zehn Sekunden hebt VIELLEICHT, unverändert mit dem Gesichtsausdruck des Agitators, lang­sam (aber nicht maschinenartig) die rechte Hand, Zeige- und Mittelfinger ausgestreckt, Ring- und kleiner Finger gekrümmt, an seine Schläfe, spannt mit dem Daumen einen imaginären Hahn, dessen knackendes Geräusch er imitiert, und drückt mit explodierendem Lippengeräusch ab. Er fällt neben seinem Stuhl auf den Rücken, verharrt einen Moment regungslos, richtet Kopf und Oberkörper auf und pustet Qualm von der Mündung seiner Fingerpistole. Dann sinkt er zurück und bleibt regungslos liegen.

Sofort setzen sich JA, NEIN und DOCH ruckartig hin (selbe Haltung wie zu Beginn) und deklamieren im selben Ton wie zu Beginn ihre „Namen“, zusätzlich mit dem von VIELLEICHT. Die Lautstärke ist etwas lauter, die Geschwindigkeit höher:

JA mit etwas lauterer, ausdrucksloser Stimme: Ja… zwei Sekunden Pause… Vielleicht… eine Sekunde… Ja… drei Sekunden. Wie­derholung.

NEIN ebenso: Vielleicht… eineinhalb Sekunden… Nein… zwei Sekunden… Nein… eine Sekun­de. Wie­derholung.

Etc.

Nach etwa dreißig Sekunden werden die Ausrufe leiser, die Mundbewegungen deutlicher. Wenn die Laut­losigkeit erreicht ist (deutlich schneller als beim ersten Mal), steht DOCH auf und verübt auf die gleiche Weise Selbstmord wie zuvor VIELLEICHT, allerdings mit etwas schnelleren Bewegungen. Er drückt ab, die beiden anderen erstarren. Nachdem DOCH umgefallen ist, bleibt er regungslos liegen.

Nach etwa fünf Sekunden beginnen JA und NEIN gleichzeitig zu schreien (ihre eigenen Namen und die der verstorbenen Kollegen). Mit einem Ruck springt JA nach etwa acht Sekunden auf und setzt mit einer ra­schen Bewegung seine Pistole an. Beide erstarren und verstummen gleichzeitig (vier Sekunden Pause), JA drückt ab (Geräusch) und fällt um.

Nach drei Sekunden beginnt NEIN, sehr leise und äußerst rasch mit den Füßen zu trampeln und mit der lin­ken Hand zunehmend laut auf den linken Oberschenkel zu schlagen. Nach etwa fünfzehn Sekunden be­ginnt er, mit äußerster Lautstärke alle vier Namen sehr rasch und unkoordiniert zu brüllen, während er be­obachtet, wie sich seine rechte Hand zu einer Pistole formt, die sich (etwa in der Geschwindigkeit von DOCH) gegen seinen Mund richtet. Ohne Explosionsgeräusch drückt er ab, mit offenem Mund fällt sein Kopf nach hinten auf die Stuhllehne.

Im Moment des Abdrückens heben die drei übrigen gleichzeitig und ruckartig eine Hand mit folgenden Ge­sten in die Höhe:

JA mit einem hochgereckten Anhalterdaumen („OK“)
DOCH mit gespreiztem Zeige- und Mittelfinger („Victory“)
VIELLEICHT mit ausgestrecktem Mittelfinger („Stinkefinger“)

Nach etwa sechs Sekunden Licht aus.

Familienbeschimpfung

FAMILIENBESCHIMPFUNG

Von Sven Hinz

Für Manu und Florian zur Eröffnung ihres neuen Theaters

 

Der Text ist in Patchwork-Technik verfaßt. Stimme/Rolle und/oder Szene können mit jedem Spiegelstrich wechseln.
Die Anzahl der Sprech-Spieler ist variabel. Angelegt sind:

–          ein erwachsener Sohn, sein toter Vater, seine Mutter
–          ein junger Vater, seine Frau und ihre Mutter, deren Zwillingstochter und –sohn
–          ein oder zwei Kommentatoren und ein weiterer Sohn sowie
–          zwei Publikumsstimmen.

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–          Präambel:
–          Diktatur in einem demokratischen Staat wird nicht vom Staat, sondern von der Gesellschaft getragen.
–          Die Gesellschaft ist omnipräsent.
–          Jeder identifiziert sich mit ihr.
–          Was die Gesellschaft denkt und fühlt, das denkt und fühlt auch der Einzelne.
–          Machterhaltendes und ausführendes Organ der Gesellschaft ist die Familie.

 

–          § 1: Ein Kind wird geschlagen. Darum wird es anders, und dafür wird es bestraft.
–          Doppelte Ungerechtigkeit ist Familiengerechtigkeit.
–          Um halb eins wird gegessen!
–          Eine Demokratie fördert Familien, das heißt, sie fördert Diktaturen.
–          Die Familie ist ein Staat im Staate. Die Kleinstaaterei ist nicht überwunden in Deutschland, sie hat noch zugenommen.
–          Der Traum von einer glücklichen Familie ist zerstörerisch.
–          Zerstört eure Träume, bevor sie euch zerstören!
–          Mamma, Pappa, Kind.
–          Mamma, Pappa, ich.
–          Mamma, Pappa und die Zumutung, seine Erzeuger noch als Vierzigjähriger mit Lallwörtern ansprechen zu müssen.
–          Dass euch das nicht peinlich ist!

 

–          § 2: Wozu gibt es Vornamen?
–          Die Namensgebung ist der erste Gewaltakt.
–          Reduktion der Identität auf ein Geräusch.
–          Das soll ich sein? Ich nenne euch ab jetzt beim Namen, so wie ihr mich beim Namen nennt, und werde euch nicht mehr mit eurer Erzeugerfunktion anreden. Das was ich bin, hat keinen Namen, noch was ihr seid, hat einen Namen.
–          Zappelt doch nicht so rum!
–          Mein ist die Rache, spricht die Zeit.
–          Erst wenn du groß bist!
–          Wenn ich groß bin, seid ihr alt.

 

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Nach dem Erwachen

(Aus dem Tagebuch eines Erleuchteten)

Un-Personen-Stück

 

ICH     auf einem Stuhl in der Mitte der Bühne
EGO   Stimme hinter der Bühne (eventuell mikrofon-verstärkt)

 

ICH     Ego?

Spotlight auf Ich.

ICH     Du bist noch da. Gut. Wie schön. ich hätte dich sonst sehr vermißt. Ohne dich wäre Es mir sehr langweilig geworden. –
EGO   aus dem Off: Das Ich tritt aus dem Es hervor in die Existenz. Das Es wird sich seiner selbst bewußt.
ICH     Das hast du aber schön gesagt. Woher hast du das?
EGO   Schreibst du im ‚Tagebuch eines Erleuchteten‘. Durch mich wärst du nie zur Erleuchtung gelangt. Ohne mich, meine ich.
ICH     Das stimmt. ich danke dir.
EGO   Mein größter Wunsch ist Es (ich bestehe daraus), alle zu erleuchten. Ich erleuchte Sosi und Juna und alle, die mich kennen. Huhu, Ich bin Es!
ICH     Ab auf die Schulter mit dir. Hopp.
EGO   Auf die linke oder die rechte?
ICH     Wie du willst. Wenn du sitzt, werde ich wissen, wo du sitzt.
EGO   Hier sitze Ich. Ich paß auf dich auf.
ICH     ich danke dir. Das beruhigt mich.
EGO   Sagmal, weißt du schon… Päuschen.
ICH     Sprich – mein Mäuschen.
EGO   Naja, Ich bin eigentlich Du…
ICH     Oh -? Wirklich? Und das sagst du mir erst jetzt? Sowas.
EGO   Ja, Es hat sich halt jetzt so ergeben.
ICH     Ich hab immer gedacht, Es wäre umgekehrt.
EGO   Was?
ICH     Daß du ich bist.
EGO   Ja, das hab ich doch gesagt.
ICH     Und warum?
EGO   Naja, weil… äh – um dich darüber zu informieren. Dich aufzuklären. – So. Jetzt weißt du’s.
ICH     Das ist aber wirklich sehr freundlich von dir. ich habe wirklich Glück, mit so einem netten Ego wie dir zu leben.
EGO   Man tut was man kann.
ICH     Gracias.
EGO   De nada.
ICH     Pardon?
EGO   Keine Ursache.
ICH     Ohne Wirkung.
EGO   Sag mal, war Es nicht ein genialer Einfall von mir, dich zu erfinden?
ICH     Und dich gleich dazu. Wirklich, du bist grandios. Complaitement complet.[1]
EGO   Zuviel der Ehre.
ICH     Einfach famos.
EGO   Du übertreibst.
ICH     Nein, ich meins ernst.
EGO   Warte mal.
ICH     Worauf?
EGO   Hör doch mal!
ICH     Geste aufmerksamen Hörens.
EGO   laut flüsternd: Hörst du Es?
ICH     Eifriges Nicken.
EGO   Weißt du, wie nah Es ist?
ICH     leise flüsternd: Zu nah, um erkannt zu werden.
EGO   Es ist sehr scheu.
ICH     Jah.

Stille.

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Ich sterbe gerade

Stück für drei

1.

–          Ich sterbe gerade.
–          (mit wütender Freude): Jaa! Endlich.
–          So kann man das auch nicht sehen.
–          (höhnisch) Hast wohl Angst?
–          Naja, so kann man das nicht sagen. Es ist eher ein… Unsicherheit vielleicht.
–          (priesterlich) Ich sterbe, um zu leben.
–          (euphorisch) Endliich!
–          (Stille)
–          Bitte.
–          Was?
–          Kein Wort mehr. Ich habe Kopfschmerzen.
–          So ist das halt, wenn man gerade stirbt. Man hat Kopfschmerzen.
–          Damit fängt es an.
–          Das sind unterdrückte Gefühle.
–          Die steigen ins Bewußtsein.
–          All die Angst
–          All die Wut
–          All der Haß
–          Sie sagen:
–          (zu dritt): Hier bin ich.
–          Sie kämpfen gegen dein illusorisches Selbst.
–          Das stirbt zuerst.
–          Es gibt nichts mehr, was dich vom Unterbewußten trennt.
–          Du bist du selbst.
–          Der Tod sagt dir:
–          Die Wahrheit.
–          Auf ihn kannst du dich verlassen.
–          Er ist todehrlich.
–          Dein allerbester Freund.
–          Immer für dich da.
–          Frag ihn um Rat, wenn du nicht weiterweißt.
–          Ich sterbe gerade! Was soll ich machen? Ich weiß nicht weiter.
–          (Stimme des Todes, sehr natürlich) Erlaube es.
–          Ja wie? Ich kann nicht.
–          Es ist doch einfach.
–          So einfach wie Atmen.
–          Sogar noch einfacher.
–          Es ist einfach einfach.
–          Sei einfach du selbst.
–          Ich BIN ich selbst!
–          Dann sag ja zu dir.
–          Tu ich ja. (Nachäffend) Ja zu mir! Als ob das so einfach wär. (setzt sich in Meditationshaltung) Ich sage jaa zu mir… ich akzeptiere mich, wie ich biin… ich aatme… ich spüre meine Lebendigkeit… Herrgott, wie lange denn noch?
–          Bis du tot bist.
–          Und wie lange dauert das noch?
–          Hängt von dir ab.
–          Wieviel Widerstand du leistest.
–          Gegen den Tod.
–          Gegen das Unausweichliche.
–          Gegen das, was ist.
–          Nicht du bist es, der stirbt.
–          Nicht dein wahres Selbst.
–          Sondern dein Widerstand dagegen.
–          Du bist dein eigener Tod.
–          Fürchte dich nicht.
–          Ihr seid so lieb zu mir. Ihr tröstet mich. Das ist gut.
–          Hat dich denn niemand getröstet bisher?
–          Nicht so. Nicht so gründlich. Ich hab mich immer allein mit mir gefühlt. Ich dachte immer, ich bin allein und muß Angst haben. Und es nicht zeigen dürfen. (Schreit) Das ist unerträglich! Ich halt es nicht aus!
–          Es ist normal.
–          Viele leben so.
–          Bis sie sterben.
–          Freiwillig.
–          Freiwillig sterben? Ihr seid doch verrückt. Das ist ja Selbstmord. Nie im Leben. Eher schlag ich mir den Schädel ein.
–          Was machen deine Kopfschmerzen?
–          Geht grad so. Schon wieder besser.

 2.

–          Komm, jetzt reden wir mal über was anderes. Ich hab noch so viel zu tun. Das und das hab ich noch zu tun.
–          Und dann?
–          Weiß nicht, dann kommt was anderes. Was Neues. Das Leben geht eben weiter.
–          (greift sich zwischen die Beine) Ich hab so Sehnsucht nach dem Natürlichen.
–          (greift sich auch zwischen die Beine) Wie konnte es je dazu kommen, daß ich davon abgeschnitten wurde?
–          Wie konnte ich überhaupt je glauben, vom Natürlichen abgeschnitten zu sein?
–          Ich BIN das Natürliche!
–          (Sie stoßen mit leeren Gläsern an. Zu dritt:) Auf das Natürliche! (Sie leeren das leere Glas.)
–          Ahh, das tut gut.
–          Ein Schluck Natürliches.
–          Ist noch was da?
–          (Aus einer imaginären Flasche wird eingeschenkt.)
–          Jede Menge. Trinkt, Brüder. Schwester, trink!
–          (besoffen) Hihi. Ich bin schon – hick – gans natürlich.

 

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