Archiv der Kategorie: Satiren

Laudatio auf eine Pionierin der fächerübergreifenden Wissenschaft

Von führenden Wissenschaftsexperten und Entwicklungsbeobachtern wird seit Jahrzehnten der Umstand einer immer weiter um sich greifenden Spezialisierung und Vereinzelung der Natur- und Geisteswissenschaften beklagt. Die einzelnen Ergebnisse der jeweiligen Forschungsgebiete seien allzu isoliert und demnach von immer geringerer Relevanz für das Gesamtverständnis unserer ständig sich verändernden und an Komplexität zunehmenden Umwelt. Ein Experte sei demzufolge jemand, der immer mehr über immer weniger wisse, bis er schlussendlich alles über nichts wisse.

Glücklicherweise gibt es in jüngster Zeit immer häufiger Bestrebungen, diesem allgemeinen Trend entgegenzuwirken. Das Konzept des fächerübergreifenden Unterrichts in gewissen Schulen, bei denen zum Beispiel in der Sportstunde auch gemalt werden darf – das Ergebnis nennt sich „action painting“ – wird nun auch (gewissermaßen in einem bottom-up-Verfahren) auf Hochschulen, weiterführende Schulen und Universitäten übertragen. Lobende Erwähnung darf insbesondere eine der Vorreiterinnen dieser innovativen Bewegung hier in Freiburg und demnächst in Mannheim finden: die erfolgreiche Doktorandin Frau Sandra H. Als eine der ersten Forschungs- und Lehrkräfte an der Albern-Lustig-Universität hat sie es unternommen, linguistische Untersuchungen mit Methoden und Resultaten aus verwandten, weniger verwandten und angeheirateten Forschungsgebieten wie Geotherminologie, Buddhanistik, Asterixologie und Pseudoneoliberalistik zu verbinden.

Beispielsweise ist ihrem unermüdlichen Einsatz die Erstbesteigung des im südalemannischen Kletterdialektgebiets als unbezwingbar geltenden Silbenkopfgipfels zu verdanken. Diese gewagte Expedition war nur durch wochenlange Vorbereitung und intensives Sprachtraining, um die zu erwartenden, jeglichen Resonanzgesetzen widersprechenden tonnenschweren Konsonantencluster zu bewältigen, von Erfolg gekrönt. In ihrem Expeditionsbericht teilt uns Sandra H. mit, ich zitiere:

„Der Aufstieg begann lange vor Sonnenaufgang. Die ersten Hindernisse, einige präneolithische extrasilbische Elemente aus der Vennemann-Periode, bewältigten wir noch spielend. Wirklich schwierig wurde es, als die ersten entstimmten Dentalobstruenten uns den Weg versperrten. Der Boden war übersät von zahllosen Hochexplosiven. Nur mit Mühe konnten wir die höher gelegenen Gletscherliquiden erreichen, deren Ränder hochinteressante Morenmuränen aufweisen. Die Sonoranz nahm beängstigend zu, glücklicherweise hatten wir Ohrstöpsel dabei. Auch die von phonovulkanischen Aktivitäten geprägte Vibrantenzone überstanden wir mit heiler Haut.

Der Silbengipfel war nun nicht mehr weit entfernt. Gegen Mittag erreichten wir seinen höchsten Zungenpunkt, er befindet sich etwa elftausend Phonometer über dem Hörspiegel. Er besteht, anders als bisher angenommen, aus einem mit interessanten Felsformantionen gekrönten Vorderzungenvokal. Zum Glück handelt es sich beim Silbenkopfgipfel um eine offene Silbe, so dass wir einen herrlichen Ausblick hatten.

Auf einer Höhe von etwa 2378 Hertz nahmen wir eine dialektometrische Abstandsmessung vor. Die Messung ergab eine Distanz von ca. achthunderttausend Lichtkilometern zum nächsten Standardvokal, der irgendwo in der neuhochnorddeutschen Tiefebene in den fünfziger Jahren von einem handwerklich unbegabten Zeitungsleser geäußert worden war.“ Zitat Ende.

Soweit also dieser überaus bewegende und aufschlussreiche Bericht.

Zu Sandra H.s weiteren, mit Wagemut und wahrem Wissenschaftlergeist errungenen Forschungsergebnissen – die hier leider aus Platzgründen nur kurz gewürdigt werden können – zählt die Beobachtung des Verhaltens transvestiter Verben in freier Wildbahn; ferner die Entdeckung des nach ihr benannten Sandrolekts, dessen Vokalismus in der mittelalthochfrühneudeutschen Periode nicht nur verschoben, sondern auch verdreht worden ist; und nicht zuletzt eine überaus lesenswerte Arbeit über die Fütterung und Pflege von stimmlos aufgewachsenen Nasalen.

Sandra H.s Tätigkeit ist von unschätzbarem Wert, nicht nur für die wissenschaftliche Fachwelt. Mit ihrem unstillbaren Forscherdrang und sorgsamen Beobachten relevanter Phänomene wird sie vielen Forschergenerationen ein Vorbild sein.

(2012)

Im Traum bin ich so klein geworden…

Im Traum bin ich so klein geworden, daß ich ins Klo gefallen bin:

Ich klammerte mich an meine eigene Scheiße, bis jemand kam und die Spülung zog. Ich hielt den Atem an. Ich schrumpfte noch immer.

Eine Weile lebte ich bei den Mikroben, die diesen Scheißplaneten besiedelten. Ihr Lebenszweck betand darin, aus meiner eigenen Scheiße ihre eigene Scheiße zu machen. Eine wertvolle und nützliche Arbeit. Sie brachten mir bei, wie man als Mikrobe lebt und wie man sich am besten auf dem Planet der Scheiße einrichten kann. Manchmal versuchte ich ihnen zu erzählen, wo ich herkam und wer ich und dieser Scheißplanet eigentlich waren. Das konnten sie nicht verstehen, denn das Wort Scheiße hatte gar keine Bedeutung für sie, da Scheiße alles war, was sie hatten. Es gab keinen Vergleich. Und da ich weiter schrumpfte, hatten die Mikroben mich eines Tages einfach übersehen.

Dann geriet ich zwischen die Atome, und das machte wirklich Spaß. Ich klammerte mich an ein Elektron und zischte mit ihm durch den leeren Raum, vorbei an den riesigen, unerreichbar fernen Planeten, die Atomkerne waren. Irgendwie gelangte ich doch auf einen dieser Kerne und begegnete den Quarks, die darauf lebten. Sie behandelten mich gut, und wo ich herkam, interessierte sie gar nicht. Bei ihnen fand ich eine Anstellung als Quarkverkäufer, eine Wohnung gegenüber einer Quarkblumenhandlung, eine Quarkfrau, mit der ich zwei Quarkkinder zeugte.

Ich bin seitdem immer noch nicht aufgewacht.

(2008)

Das bundestägliche Farbspektrum

Das bundestägliche Farbspektrum ist ja nur ein kleiner Ausschnitt des sichtbaren Lichtes. An den Enden der Skala gibt es einerseits infra- bzw. ultra-rote Frequenzen, und andererseits hyperviolette Strahlung. Letztere manifestiert sich in Form von Seidentüchern und Räucherstäbchen im Kabinett – kontraspirituelle Nichtraucher bitte draußen beten. Auch Braun-sche Bewegung, vielleicht ein bißchen zuviel davon, ist seit neuestem im politischen Teilchenbeschleuniger zu beobachten.

Den Zustand des derzeitig dominierenden Lichtes eindeutig zu bestimmen ist fast unmöglich. Teilchen oder (Wester-)Welle? Das kommt auf den Betrachter an, und davon gibt es viele. Sämtlichen erwarteten Resultaten gerecht zu werden erweist sich als unmöglich, da ist es nur gerecht, wenn keine erfüllt wird. Das Recht auf Unzufriedenheit ist unantastbar.

Genauso verhält es sich mit Position und Richtung eines Parteilchens: ob rechts oder links, keiner kann sagen, wo es sich befindet und gleichzeitig, wohin es sich bewegt. Ohnehin ist der Eindruck vielfach unterschiedener Materie mit unterschiedlichen politischen Eigenschaften rein illusorisch. Feste Materie gibt es nicht, die Stoffmenge im Bundestag besteht zum größten Teil aus leerem Raum. Die Linken und die NPD sind nicht voneinander getrennt, sie sind vielmehr Ausprägungen desselben Phänomens, das sich gleichzeitig in zwei unterschiedlichen quantenneurotischen Zuständen befindet.

All dies läßt sich unter relativitätsdemokratischem Aspekt noch einigermaßen schlüssig erklären. Was einzig irritiert, ist der fortwährende Verstoß gegen den Ersten thermodynamischen Hauptsatz; demzufolge bleibt die Menge der Energie in einem geschlossenen System immer gleich. Soviel Energie in Form von Steuergeldern dem System auch zugeführt werden mag, es wird immer noch viel mehr davon vernichtet –

quod erat demonstrandum ut perpetuum mobile extet ex negativo.