Archiv der Kategorie: Reiseberichte

Stilübung in Lübeck

Groß ist die Versuchung, ausgerechnet hier in die Nachahmung eines gewissen Stils zu verfallen und sich eine Joppe anzuziehen, die viel zu weit ist. Darum also, dem Thomas-Mann-Syndrom zu entgehen, ein bewußt ganz unbeholfener Stil, und das ist das schwerste, was es gibt.

Ich probiere Städte an wie andere Leute Rollkragenpullover. Dublin, Köln, Lübeck. Liebäugle mit allen, verfasse kleine Reiseberichte. Studieren könnt ich überall.

Jetzt mal, wie ist denn so die Musikhochschule? Man findet sie leicht. Vom Bahnhof zum Holstentor, rechts dahinter geht die Obertrave ab und dann steht man linkerhand in der Großen Petersgrube vor der angelehnten Flügeltür mit Messinggriff. Am Schwarzen Brett dahinter hängt ein kopierter Zeitungsartikel: Herr Mack, warum klingt denn neue Musik immer so schräg? Er antwortet aber und spricht, jaa das sei eine Frage der Gewöhnung. Und ob es Scharlatane gäbe? Ja, die gäbe es, aber die verschwänden bald von selbst.

Jetzt sitze ich, es ist der zweite Tag, in der beinah leeren Kantine und höre zwei Studenten zu, wie sie seufzen über das moderne Zeug, und auch noch indonesisch. Deswegen bin ich hier. Und obwohl ich seit drei Jahren die Musik Balis lerne, könnte ich noch immer nicht zwischen alter und neuer Musik unterscheiden (und die gibt es, diese Unterschiede).

Natürlich spielen die zwei Seufzenden nicht im Ensemble von Dieter Mack. Sie haben garnichts mit ihm zu tun, sondern bereiten sich auf die Dirigierprüfungen vor: Zweite Brahms. Das Evangelium des heutigen Sonntags.

Es ist tatsächlich Sonntag, und im Lübecker Dom wurde aus der Offenbarung gelesen. Johannes an die sieben Gemeinden über seine erste Vision: Der Auferstandene, in dessen Gewalt die Schlüssel des Todes und der Hölle.

 

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Im Tal der Toten Hamster

Gestern (Samstag) hatten wir frei. Also war endlich mal Sightseeing angesagt! M. hatte einen Fototermin im Teatro Sucre, anschließend hat er mir die Plätze seiner Kindheit gezeigt. Viele davon hasse er, hat er oft betont. Die Stadt hat sich natürlich seit seiner Jugend deutlich verändert, sie ist sauberer geworden, vergleichbar mit Freiburg. Am liebsten erinnert er sich an den „Platz der Philosophen“. Er liegt vor dem Präsidentenpalast im Herzen der Stadt. Hier sitzen alte Männer und diskutieren über Platon und Heidegger. Niemand kennt M. heute noch (oder er kennt keinen mehr), dafür unterhalten sich zwei alte Herren angeregt mit mir, obwohl sie kein Englisch können bw. ich kein Spanisch kann. Doch: einer von ihnen (er ist etwas jünger) spricht Deutsch und erzählt mir von seiner Exfreundin, die in Freiburg lebt. Crazy.

M. zeigt mir verschiedene Kirchen. Sie fühlen sich komisch an von innen. Stark verziert mit Gold, die Figurationen eine Mischung aus „spanischem Barock und maurischen Mustern“. Sie wirken überladen, düster, erdrückend. Ich mag es, wenn Kirchen ein Gefühl von Raum und Weite vermitteln. Die hier sind eng, obgleich groß. M. erzählt, wie seine eigenen Vorfahren, die Indianer, gezwungen wurden, das Gold aus den Bergen zu schürfen, und fragt: „Wo ist die Liebe?“

Vor der Kirche predigt ein junger Mann zornig das Evangelium. Jetzt frage ich mich selber, wo da die Liebe ist. Soll das Evangelium nicht befreien? M. sagt, viele seien hier vom Katholizismus enttäuscht. Und was tritt an dessen Stelle? Nordamerikanisches Baptistentum. Ob das besser ist?

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Köln, 20. bis 22. März 2005

Wie meistens in einer unbekannten Stadt führt mich in Köln mein Weg zuerst in ein Internetcafé. Wo gibt es eine preiswerte Unterkunft, wo was zu essen, und welche Bars sind am interessantesten in der Nacht und welche Sehenswürdigkeiten am Tag?

In Köln bin ich gelandet, nachdem ich in Freiburg keine Lust hatte auszusteigen, als ich am Sonntag von C. aus Rheinfelden zurückkam. Also bin ich sitzengeblieben, solange mein Geld reichte.

In der Nähe von Dom und Bahnhof gibt es ein Hostel, eine Nacht im 5-Bett-Zimmer für sechzehn Euro. Paßt mir gut. So eingerichtet, stürze ich mich ins Kölner Nachtleben und lande zunächst im Bürzel, einer kleinen Bar in der Martinsstraße. Vier Leute, der Wirt, sein Freund, sein Bekannter und dessen Freund, stehen am Tresen. An der Bar ein Klavier, gegenüber ein Harmonium. Ich ordere einen Bürzelsalat und Wein, und da fängt die Freundin an zu spielen. Debussy, Bach und Mozart. Weil sie selbst umblät­tert, bekommt ihr Vortrag manchmal einen Riß. Mit vollem Mund stehe ich neben ihr, bereit umzublättern. Seltsame Technik (oder gar keine?), lang ausgestreckte Finger, durchgedrückte Knöchel. Sie studiere Gesang, erfahre ich, als wir ins Gespräch kommen. Ich biete ihr an, sie zu begleiten. Jetzt? Jetzt. Ihr Freund Mark ist begeistert. Wenn seine Agnes singt… Agnes springt rauf in ihre Wohnung über dem Bürzel und kommt mit einem Notenstapel wieder. Wir singen und spielen Ave Maria aus dem Troubador, die Habanera, Schumannlieder und Mozartarien. Dazwischen singen die Bläck Föös von der CD über „unser Veedel“, während Weißwein und Kölsch in Strömen fließen.

Mark ist eigentlich kein Musiker, aber um Mitternacht spielt er die Filmmusik von Drei Nüsse für Aschenbrödel. Die hat er sich nach dem Gehör beigebracht. Mit Reinhold, dem Trompeter (Musikhochschule) streite ich gemeinsam gegen Mark für Stockhausens Musik. Es wird eine fröhlich-erhitzte Grundsatzdiskussion und endet unentschieden. Danach muß Reinhold unbedingt auch ein Schumannlied vortragen; er singt mit der gleichen Lautstärke, wie er Trompete spielt.

Um eins ziehen Reinhold und ich durch die Kneipen am Rudolfplatz. Er ist wirklich nicht mein Typ, aber das ist unwichtig. Wir unterhalten uns prächtig bei Kölsch und Wasser über sein Comingout, seine Familie, meine Zukunft und die Kölner Musikhochschule. Es ist vier Uhr, als wir uns verabschieden.

Montagmittag: Kölner Dom. Wie ein gestrandetes Raumschiff ragt er plötzlich vor mir auf, sein Anblick überrascht mich immer wieder, selbst wenn ich ihn erwarte. Wie ein freundliches Riesentier scheint er sich zuerst anzuschleichen, wenn ich gerade nicht hinschaue, und dann regungslos dazustehen, so sieht er aus. Oder als wäre er auf Knopfdruck lautlos aus der Erde gefahren. Kuckuck, hier bin ich. Ein Riesenge­birge aus stalagmitenhaften Säulen, Streben, Pfeilern, Stützen, Fialen, Krabben und Maßwerk. Der Blick kann nirgends verweilen, er muß hinauf, wo es einfacher wird zu erfassen, was er sieht: die schlanken Zwillingstürme mit den sich nicht ganz ins Unendliche verjüngenden gerippelten Turmhelmen.

Die Baumeister des Mittelalters, glauben wir oft, besaßen eine Baukunst, von der wir heute nichts mehr wüßten. Dabei gelten die Gesetze der Statik gleichermaßen für alles, was je gebaut wird, egal ob es sich um den Kölner Dom oder das World Trade Center handelt. Alles andere ist Kunsthandwerk. Deshalb ist es nicht erstaunlich, daß man im neunzehnten Jahrhundert in der Lage war, den gewaltigen Bau, und zwar innerhalb von vierzig Jahren, zu vollenden. Die Arbeit schritt natürlich anhand der Originalpläne aus dem dreizehnten Jahrhundert voran – das Ergebnis stand dem ersten Dombaumeister (der gegenwärtige ist übri­gens eine Frau) genauso vor Augen, wie uns heute das fertige Werk. Bevor Kaiser Friedrich Wilhelm Vier 1840 den (zweiten) Grundstein mit den Worten „Kölle alaaf“ legen durfte, wurde das Fragment vermes­sen, sieben Jahre lang. Die Ergebnisse hat man in vier umfangreichen Bänden veröffentlicht. Ich frage mich, wer Interesse hatte, so ein telefonbuchartiges Zahlenwerk zu lesen. Es sei denn, jemand hätte Lust bekommen, sich eine eigene Kopie des Domes zu bauen.

Ich betrete ihn an der Nordseite. Eine Führung beginnt. Die Frau erzählt, daß schon seit dem vierten Jahr­hundert nach Christus hier eine Basilika stand. Die mußte natürlich ersetzt werden, als es im Jahre 1148 hieß, Leute, jetzt bekommen wir die Heiligen Drei Könige. Is dat denn die Mööchlischkeit! Da war Streß angesagt: Schrein für die Gebeine bauen, alten Dom abreißen, Pläne für den neuen zeichnen. Und die her­einstürzenden Pilgerströme mit Kölsch versorgen. Dreihundert Jahre konnte gebaut werden, dann war das Geld alle. Köln hatte eine veritable Bauruine mit halbfertigem Mittelschiff und nur einem Turm, der gera­de mal zur Hälfte stand. Petrarca jammerte, verständlich.

Als im Jahre 1880 die zweite Kreuzblume auf die Turmspitze gehievt wurde, werde, so sprach der Dom­baumeister, für die nächsten hundert Jahre kein Gerüst am Dom zu sehen sein. Was nicht stimmte, denn die Luftverschmutzung tat ihr zersetzendes Werk. Und der eine oder andere Krieg. Heute heißt es, der Tag, an dem der Dom ohne Gerüst sein werde, sei das Ende der Welt.

Woraus entsprang der plötzliche Wille, den Dom fertigzustellen? Nationalismus, Prestigebedürfnis, Gel­tungsdrang. Nichts zu spüren von der alten ad maiorem Dei gloriam. Mir kommt’s vor, als wandelte ich zwischen den Säulen einer gewaltigen Heuchelei. Die vielfach gegliederte Außenfassade paßt dazu: Fas­sade ohne Ende.

Nach dem Krieg begann man, die Fundamente der ersten Basilika auszugraben. Jetzt befindet sich unter dem Dom ein Labyrinth aus Grabungsstollen, die man besichtigen kann, was ich auch vorhabe. Aber in der Karwoche sind sie geschlossen.

Dafür die Domschatzkammer: Drei unterirdische Stockwerke voller Meßbestecke, Monstranzen, Mitren und Bischofsstäbe. Und Reliquien ohne Zahl, meistens Knochen. Hat man denn die Gebrüder Caspar und Co. jemals einer DNS-Analyse unterzogen, habe ich vorhin unsere Kustodin ketzerisch gefragt. Ja, hat man wohl, sagte sie. Aber über das Ergebnis konnte sie mir nichts mitteilen.

Ich beende meine Besichtigung mit einer Turmbesteigung. Ein Kindheitswunsch, an den ich mich jetzt er­innere, wird damit eingelöst: meine Uroma hatte mir oft ihre Fotos gezeigt, schwarzweiß und vergilbt, und die Postkarten, die der Sohn Fredi ihr aus dem Krieg schickte. Obwohl ich sie bald alle kannte, wollte ich immer wieder, daß sie sie mir zeigte und dazu erzählte. Eines war eine Postkarte vom Kölner Dom, und ich war fasziniert von den kleinen Knubbelchen an den Türmen. Die wollte ich schon immer mal an­fassen. Und jetzt habe ich die Gelegenheit dazu.

Ich glaube, Erich von Däneköln hatte die Idee (hat er aber nie veröffentlicht, war nur so ein Versuch, qua­si zur Übung), die Türme des Kölner Doms seien in Wirklichkeit Startrampen für eine von da Vincis hy­droaerotischen Flugluftdruckschraubraumschwungschiffen. Da da Vincis Lebetage lang die Türme nicht fertig wurden, konnten sie bisher noch nicht ihrer wahren Bestimmung zugeführt werden.

Heute sind zwischen beiden Türmen drei oder, an hohen Feiertagen, vier Bindfäden gespannt, damit sie nicht aus Versehen nach beiden Seiten auseinanderklappen. Deshalb wird man unten am Treppenaufgang kontrolliert, ob nicht etwa jemand heimlich eine Schere dabei hat.

Die Knubbelchen sind von nahem betrachtet lilienartige Auswüchse aus dem Gestein, die je dreimal drei Blütenblätter hervorbringen. Sie fühlen sich glatt und lauwarm an, von der Sonne beschienen. Die Ver­senkung in ihren Anblick läßt mich schwindeln, da das Bewußtsein der Komplexität schon allein dieses Details eine Ahnung von der Komplexität des GANZEN vermittelt. Eine einzige dieser lilienhaften Krab­ben läßt die Dimensionen des Ganzen unfaßbar werden. Ist der Kölner Dom gebaut worden, um den Ver­stand zu verwirren?

Es ist ein Vergnügen, sie in der Hand zu spüren. Eine einzige ist so groß, daß ich sie nicht umfassen kann (sie sahen auf den Fotos so klein aus). Ihr Motiv wiederholt sich, nicht nur an den Türmen, am gesamten Bauwerk viele viele tausend Male. An den Turmhelmen ranken sie besonders exponiert empor, in acht schnurgeraden Linien wachsen sie dem Himmel entgegen, um sich im Scheitelpunkt, der gigantischen Kreuzblume auf der Spitze zu vereinigen. Ist das nicht toll?

Beim Runtergehen kommt mir keuchend-fröhlich ein Mädchen entgegen, fragt: Ist das noch viel? Bis jetzt wars ein Drittel, antworte ich, sage aber nicht, ob für sie oder mich. Sie stöhnt fröhlich: Carla, du bist ver­rückt, weiter, ein Drittel erst…

Zum Schluß sitze ich in einer Kirchenbank und spüre den unermeßlichen Raum mit geschlossenen Augen über meinem Scheitelpunkt.

Für drei Euro achtzig in der S-Bahn nach Kürten. Nicht direkt, denn Kürten ist einer der wenigen deut­schen Ortschaften ohne Bahnanschluß. Also fährt man bis Bergisch-Gladbach und dann weiter mit dem Bus Linie 426.

Der legt sich mächtig in die Kurve, der Bus. Der meint, seinen Gästen was bieten zu müssen, der Fahrer. Wir schrauben uns immer höher ins Bergische Land: fette grüne Wiesen, Tannenwälder und lustige wilde Bergbächlein. Heute ist Frühlingsanfang.

In Kürten steige ich vorsichtshalber mal am Rathaus aus, ich halte das für die Ortsmitte. Und wohin jetzt? Ein Straßenplan. Der Kettenberg liegt im Planquadrat F7 (wie harmonisch) und außerdem gut drei Kilo­meter hinter mir in der letzten Ortschaft. Breibach heißt die. Also frischauf losgewandert. Das macht mir nichts aus, denn es verleiht meiner Fahrt den Anflug einer Pilgerreise. Und außerdem habe ich sowieso grad Lust auf Tannenduft.

Die Breibacher Straße, die zu oder auf den Kettenberg führt, biegt hinter der letzten Bushaltestelle, an der ich hätte aussteigen können, nach rechts in den Wald ab. Ich folge ihr. Rechts ein paar schmucke Anwe­sen, links ein Abhang, an dessen Sohle ein lustiges Bergbächlein wild daherrauscht.

Nach zehn Minuten erreiche ich den Kettenberg. Wieder eine Bushaltestelle, an der allerdings nur ein ein­ziger Bus fährt, morgens um sieben Uhr zwölf. Nach rechts führt der geheimnisvolle Weg. Gespannt war­te ich die Hausnummern ab: fünfzehn müssen es sein.

Als ich vor Stockhausens Anwesen stehe, überlege ich, was ich mir bis zu diesem Zeitpunkt vorgestellt habe: eine kleine, bescheidene Wohnung, ärmlich oder ein prächtiges, herrschaftliches Gebäude, altmo­disch oder modern, extravagant oder unscheinbar? Skulpturen im Garten? Reinhold hatte davon gespro­chen. Selbst eine Art öffentliches Museum hätte ich mir denken können, mit einem Kassenhäuschen, hin­ter dessen Glasscheibe jeden Tag ein anderer Erzengel die Karten abreißt.

Weihrauchduft steigt mir in die Nase. Dabei wäre angesichts der ländlichen Umgebung eher Stallgeruch angebracht. War wohl Einbildung.

Kein Namensschildchen, keine Klingel. Nur ein eisernes Gartentor, das so aussieht:

[folgt Zeichnung des Gartentores]

Zwei konzentrische Kreise, ein großer und ein kleiner, und darin eingeschlossen ein Herz. So einfach ist das. Dahinter führt eine schmale gepflasterte Auffahrt in den Wald und verschwindet hinter einer Kurve. Vom Haus selbst ist nichts zu sehen, und auch nichts von etwaigen Skulpturen.

Also jetzt, weiter den Kettenberg rauf oder lieber runter? Ich entscheide mich für runter. Vom Tann’ge­ruch hab ich genuch.

Auf der Rückfahrt steige ich schon an der Station Messe/Deutz aus. Rechtsrheinisches Ufer: Deutz. Büro­häuser und viel Verkehr. Am andern Ufer, in jedem Sinne, ist wahrhaftig mehr los, das hat man mir gestern schon gesagt.

Ich will nur mal über den Rhein gucken, von wegen Da spügölt süch ün den Wölln / Das große heulige Cölln. Den großen Dom hat Heine nie vollendet gesehen.

Gen Westen schaue ich, auf den Chor und das Querhaus. Mein Gott, wirkt das gedrungen. Der dräuende Dom. Dort droben dräut düster der donnernde Dom.

Der Rhein wirkt nicht so breit, wie man es annehmen könnte. Ich meine, der ist ja in Basel schon breit, und seitdem ist einiges dazugekommen: der Main, die Mosel und die ganzen kleineren Sachen. Oder ist er nur tiefer geworden? Hier wiegt ein Flußkilometer wahrscheinlich einiges mehr, da sackt so ein Flußbett schon mal ab mit den Jahren. Ob übrigens ein Fluß in allen Tiefenschichten gleich schnell fließt? Unten am Grund ist die Reibung am höchsten. Auch Temperaturunterschiede könnten sich auswirken. Möglich auch, daß die Strömungsgeschwindigkeit an der Oberfläche am größten ist und dann abnimmt, je tiefer es runtergeht. Das gilt wohl für die Fische genauso, die schwimmen auf einer Autobahn, die senkrecht auf der rechten Kante steht. Ganz oben flitzen die getunten Hechte und die Forellen mit ihren gespoilerten Rückenflossen, und dann wird’s gemächlicher bis runter zu den Welsen, die sich manchmal mit Absicht an den Pannenstreifen legen, nur um auszuruhen. Um das rauszufinden, müßte ich allerdings reinspringen in den Rhein.

Ich lasse das und laufe gemächlich auf der rechten Seite über die Eisenbahnbrücke, die so aussieht wie die Freiburger Blaue Brücke, nur größer. Sechs Gleise laufen nebeneinander über sie her. Und links und rechts Fußgängerwege. Wer die Brücke überqueren will, dem stellen sich gewaltige kupferne Kaiser-Wilhelm-oder-so-was-Reiterstandbilder entgegen. Am Anfang geht das noch. Am andern Ende allerdings nähert man sich einem gemäßigt repräsentativen kupfergrünen Kaiser-Wilhelm-Pferdearsch.

Der zweite Abend ist mal wieder dem Vergnügungsviertel gewidmet. Mit der U-Bahn zum Friesenplatz. Ich hätte gerne was Frisches angezogen, seit Samstag laufe ich in den gleichen Klamotten rum. So ist das, wenn man spontan reist.

Der Abend gestaltet sich völlig anders als der vorherige. Die Kneipen sind leer, die Stimmung dröge. Montagabend eben. Um Mitternacht besuche ich eine Sauna in der Richard-Wagner-Straße. So was kenne ich aus Dublin: labyrinthartige, rutschige Gänge, feuchte schwülwarme Nebelschwaden, huschende Ge­stalten mit Handtüchern um den Leib.

Wenn sich in einer Sauna nichts anderes ergibt, dann will ich auch nichts anderes als saunieren. Aber das spüren die Männer schnell, wenn sie sich annähern wollen. Es gibt kein Problem.

In den Whirlpool steige ich, darin sitzt Dominik. Vierundzwanzig ist er, und schön. Wir liegen bald im Separée. Und trinken an der Bar ein kühles Wasser, danach.

In der Umkleidekabine hat mir jemand die Schuhe gestohlen. Hoffe nur, er hatte sie wirklich nötig! Aber wer hier zwölf Euro Eintritt bezahlt, braucht keine Schuhe zu klauen. Mittlerweile sollte ich gelernt ha­ben, die Schuhe im Spind einzuschließen! Vom Kassierer kann ich umsonst ein Paar Badeschlappen be­kommen. Ich brauchte sie nicht zurückzubringen, sagt er. Vielen Dank. Ach, die Kölner.

Halb drei morgens. Durch die Kölner Innenstadt schlurft ein Typ mit Rucksack, Jeansjacke und roten Pla­stikbadeschlappen, die bei jedem Schritt schluppen und wehtun. Jesus hatte Latschen an, wie kein andrer Mann. Und was sind sonst noch für Gestalten unterwegs? Besoffene Jugendliche, bekiffte Junkies. Die Bettler pennen in den Hauseingängen und vor den heruntergelassenen Gittern der Geschäfte. Ein Streifen­wagen und viele Taxis in den Straßen.

Verdammt, diese Sachlappen brennen an den Sohlen. Es brennt mir unter meinen Sohlen. Und Krach ma­chen die. Schlurf-schlapp, schlurf-schlapp. Falls mir einer auflauern will, ist es vielleicht besser, sie aus­zuziehen und auf Socken weiter zulaufen. Ah, tut das gut. Der Asphalt ist auch einigermaßen sauber. Fast lautlos schleiche ich weiter, ich weiß den Weg ungefähr. Trotzdem, wohl fühle ich mich nicht. Zu heftig sind die Erinnerungen an damals, den Typen in der Dubliner Thomas Street. Hinter jeder Hausecke könn­te einer stehen, mit einem Messer. Da mußt du jetzt durch. Falls mir einer was will, kann ich ihm immer noch mit den Schlappen eine runterhauen.

Noch dreihundert Meter bis zu meiner Unterkunft. Genauso war das damals auch, das Hostel war schon in Sichtweite, als der Straßenräuber kam, mich zu überfallen. Ich packe meine Schlappen mit festerem Griff. Egal, was passiert, die wird mir so schnell keiner entreißen.

Ich bin angekommen. Die Tür ist angelehnt, die Rezeption ist nicht besetzt. In meinem Zimmer tappe ich im Dunkeln an mein Bett und ziehe mich aus.

Morgen als allererstes Schuhe kaufen.

Es ist gar nicht peinlich, am hellen Tag mit ziemlich schwuchtelig wirkenden rosa Plastikbadelatschen durch die Kölner Altstadt zu schlurfen. Den meisten ist es egal, da gibt es schließlich ganz andere Sachen. Der Rest nimmt es nicht zur Kenntnis. Fast wünsche ich mir, ich hätte wenigstens noch Puscheln auf den Schlappen.

Da, rechts ein Schuhgeschäft. Für mich erleichternd wie der Anblick einer öffentlichen Toilette bei star­kem Harndrang.

Frisch beschuht, checke ich mich im Hostel aus und will die Zeit bis zur Abreise in einigen Kirchen ver­bringen. Vom Turm des Domes aus habe ich gestern zwei sehr schöne romanische Kirchen gesehen, die mich interessieren. Die erste, Groß-Sankt-Martin, ist dienstags geschlossen. In der zweiten, Sankt Andre­as, findet gerade ein Gottesdienst statt. Also raus und was essen. Die Kirchen kommen beim nächsten Mal dran, genauso wie die Ausgrabungen unter dem Dom, ein Besuch mit Dominik in der Sauna, eine Runde Kölsch mit Reinhold und ein Liederabend mit Agnes und außerdem ein Besuch im römisch-germanischen Museum sowie im Schokoladenmuseum.

Es ist Zeit für den Zug.

Jäger des Verlorenen Kaffees

Eine Taxifahrt in Quito kann schon mal einer Verfolgungsjagd ähneln. Nur dass es niemanden gibt, den die Fahrer verfolgen. Solche Taxifahrer tragen einen berufsmäßigen Tunnelblick. Ihre Augen unter halbgeschlossenen Lidern fixieren einen Punkt, der etwa hundert Meter vor ihnen liegt. Wenn sie an der Peripherie ihres Blickfeldes eine Seitenstraße registrieren, tippen sie zweimal kurz auf die Hupe. Wer nicht darauf reagiert, hat eben Pech gehabt. Er wurde ja gewarnt.

Das Stärkste, was ich bisher in dieser Hinsicht erlebt habe, war das Überholen eines Polizeimotorrads in einer 30er-Zone. Mit ungefähr der doppelten Geschwindigkeit. Der Polizist ist, wie ich im Rückspiegel gesehen habe, gemütlich weitergetuckert. Die Taxifahrer sind die Kings of the Road.

M. hat mir einige Faustregeln im Umgang mit Taxifahrern gegeben. Erstens: Niemals zugeben, dass man kein Fußball mag. Bayern-München ist hier jedem ein Begriff. Will man sich schnell einen Freund machen, sagt man „Bayern-München esta es chiuta!“ Chiuta ist ein ecuadorianisches Wort, das es im spanischen Spanisch nicht gibt. (Zumindest weiß leo.org nichts davon). Es ist ein rein emotionaler Ausdruck, ein Joker, der jede mögliche Bedeutung annehmen kann. Ist man begeistert, sagt man „Chiutaa!!“. Ist man frustriert, sagt man „Chiuta…“.

Zweitens: Viele Taxifahrer reden gern über Essen. Sich mit ihnen über Innereien zu unterhalten, ist stets empfehlenswert. Entweder sie mögen sie oder sie mögen sie nicht. In beiden Fällen lautet das Urteil: Chiuta! Nur die Tonart ist verschieden.

Drittens: Den Preis handelt man vorher aus. Die meisten Taxis haben kein Taxameter, und das ist gut so. Man steigt ein, man nennt sein Ziel und fragt „Dos Dollar?“, der Taxifahrer nickt, und es geht los. Meistens fragt er erst dann, wo das gewünschte Ziel überhaupt liegt. Gringos wie ich einer bin, zahlen grundsätzlich einen Dollar mehr. In Deutschland gölte solches als, na was wohl, ausländerfeindlich, diskriminierend und politisch unkorrekt. Mich kratzt es nicht im geringsten.

 

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In Bernados Haus

Der letzte volle Tag meines Aufenthalts in Quito. Bernado hat mich zu sich eingeladen. Er kommt um zehn zu Lincoln, das Klappern seines blauen Nissan kündigt ihn bereits eine halbe Minute vorher an.

Dieser Nissan ist ein Haudegen. Vierzehn Jahre alt, der Tacho verkündet über vierhunderttausend Kilometer. Das sei bereits die zweite Runde, erzählt Bernado, der sechsstellige Zahlenkranz habe schon einmal die Million vollgemacht. Eine Million und vierhunderttausend Kilometer. Fünfunddreißigmal rund um den Äquator.

Es gibt nur eine Kurbel für zwei Fensterheber. Will der Beifahrer sein Fenster runterkurbeln, muss der Fahrer die lose aufgesteckte Kurbel auf seiner Seite rausziehen und sie rüberreichen. Dann kurbelt der Beifahrer sein Fenster runter und gibt die Kurbel zurück.

Die Fahrt dauert an die zwei Stunden. So lange brauchen wir, um uns durch den sonntäglichen Stau zu arbeiten. Intensiver Benzingeruch im ratternden Nissan.

Bernado ist der Neffe (und das Patenkind) von M. Er ist etwa vierzig Jahre alt, ist Biologe, Ornithologe vor allem, und hat mit seiner Frau vier Kinder: die Jungs José und Nicolas, die Mädchen Isabella und Maria-Bernada. Der Älteste ist vierzehn, die jüngste sieben. Sie alle werde ich heute kennenlernen.

M. liebt Bernado innig. Er ist ein sanfter Mann von jungenhaftem Aussehen. Er liebt es, mit den Händen zu arbeiten, und hat uns beim Auf- und Abbau der Konzertinstallation unschätzbar geholfen. Meistens arbeiteten wir zusammen, und Bernado hat mir erzählt, wie sehr er den Schwarzwald liebt, und alles, was damit zusammenhängt: Kuckucksuhren, Wasserfälle, Mühlräder, Tannenwälder. Als er acht war, habe M. ihm aus Freiburg eine Kuckucksuhr mitgebracht. Seitdem sei diese Liebe zum Schwarzwald ihn ihm nicht wieder erloschen. Er war noch nie in Deutschland, tatsächlich hat er in seinem ganzen Leben noch niemals Ecuador verlassen. Sein Wunsch, Deutschland zu sehen, die Schweiz, Frankreich, Irland und Norwegen, ist stark. Mein Wunsch, so bald wie möglich nach Ecuador zurückzukehren, ist ebenfalls stark. So können wir uns nicht einigen, wer im nächsten Jahr den anderen besuchen wird: Bernado mich oder ich Bernado. Es hängt auch davon ab, ob er sich ein Flugticket wird leisten können…

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Dublin

Dublin, 15. bis 22. Juni 2002

15. Juni

Ich begebe mich auf eine Irrfahrt.

Eine alte Dame im Zug, mich erinnernd an meine Ur­großmutter. Zurückge­stecktes erweiß­tes Haar. Sicher lang, wenn offen. Seit dem Kriege so? Lan­ges Haar: un­züchtig. Leicht zu haben. Männergeil­fangseil.

Was sie denkt? Wie sie denkt? Joyce hätte es sich den­ken können. Wenn sie auf­steht: Herrin der Si­tuation? Oder unsicher, fühlt sie sich beobachtet? Ge­nerelle Res­sentiments gegenüber der Jugend? Oder offen? So wie ihr Haar nicht ist. Ver­passtes Leben? Erfüllt? Kinder? Enkel? Witwe? Lesbisch?

Auf dem Mannheimer Bahnhof wartet ein Mann, raucht und saugt an einem Saftpäckchen. Hat was von ei­nem Schulbub an sich. Und dagegen, kontra­punktisch, männ­liche Züge: dunkler Teint, schwar­ze Haare, kantiges Ge­sicht, finstere Augenbrauen. Zigarette schnippt er ex­trem kurz berechnet – zack. Hält das (kindli­che) Saftpäck­chen aber genauso wie eine Zigarette: zwischen Mittel- und Ringfin­ger, saugt daran, als würde er rau­chen. Verlan­genschon nach der nächsten, wäh­rend die eine noch. Ist wohl Theaterkriti­ker. Und/oder drogen­süchtig? Autome­chaniker eher nicht. Habe mit einem sol­chen gestern geschlafen. Die sind anders.

Jetzt setzt sich einer dazu, der sieht aus wie: R. M. Er scheint weniger inter­essiert zu sein als der er­ste an sei­ner Umgebung, starrt mehr auf dem Boden schräg vor sich, während der Kritiker (er ist jetzt einer für mich) al­les und al­le beguckt, er ruckt zack den Kopf und fokus­siert neu seinen Blick.

Zwischen beiden entwickelt sich ein Feld der Nichtkommunikation. Das geht bei der Ta­sche des Kri­tikers zwi­schen ihnen los. Dann: Blicke weichen ein­ander aus, wie auf Kom­mando. Zwei gleichge­polte Ma­gneten. Es ge­hört ei­ne feine Sensibili­tät dazu, Blickbe­wegungen des jeweils anderen gleichzei­tig so zu beob­achten und be­wusst zu missachten, dass man beim klein­sten An­zeichen der Gefahr einer Blickkreuzung sofort aus­weichen kann. Das trainie­ren wir im Autoverkehr.

Frankfurt.

Es ist, wenn man die Sperren, den „Zoll“, die Leibeskontrolle passiert hat, ein Zu­stand der Reinen und Be­freiten erreicht.

Man wartet, erwartet den Ruf gen Himmel, an der letz­ten Ruhestätte vor dem endgültigen Transport dem Zie­le zu. Der ganze Vorgang, den man, als gewöhnli­cher Reisender, höch­stens im Jahre zwei­mal übersteht, hat durch­aus etwas Christ­liches, Katholisches. Und ebenso wenig, wie man jemals die Kommunion nicht mit wenig­stens einem Anflug vom Schaudern vor der praesentia divina, der suggerier­ten, wird empfangen kön­nen, nimmt man nicht völlig unbeteiligt im Innern den Vor­gang der Überprüfung seiner Flug­würdigkeit in Kauf.

Abflug in sechzig Minuten.

Flug 657, Reihe 13 F, Dest. Dublin.

Sitze zwar am Fenster, aber genau über der Tragfläche. Deshalb ist die Drei­zehn eine Unglückszahl: sie liegt ne­ben der Tragfläche.

Löse von der Welt mich los…

 

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Der See in der Nacht

Man hatte uns darauf hingewiesen, in Luzern finde ein Musikfestival statt, mit einem Feuerwerk,und das Ganze nur einmal in jedem fünften Jahr. Das sollte man wahrnehmen, fand ich.

Um elf machte ich mich auf den Weg; zu Fuß, weil ich keine Franken für den Bus dabeihatte. Die Straße nach Luzern aus Kastanienbaum hat keinen Bürgersteig, ist wenig befahren und gesäumt von schwerreichen Anwesen. Sie führt über Hügel und windet sich hoch über dem Spiegel des Vierwaldstätter Sees durch den Wald.

Nach Kastanienbaum war ich mit dem Gamelan gekommen; wir waren für eine indonesische Hochzeit engagiert worden. Am Mittag kamen wir in der Hotelfachschule an, in deren Räumen schon alles bereit war für das bräutliche Mahl: die an Bananenblätter erinnernden seidenen Fahnen, an deren Ende kleine Glöckchen bimmelten, säumten die Auffahrt, Blumenschmuck war in der Halle drapiert und der Speisesaal für eine mehr als hundertköpfige Gesellschaft gerichtet. Auf der verglasten Panorama-Terrasse, die einen weiten Ausblick über den See gewährte, war unser Platz fürs Orchester vorgesehen. Die Leiterin des Hauses, eine Indonesierin, aufgeregt und vielbeschäftigt, versorgte uns mit oft wiederholten Anweisungen, wann genau wir zu spielen hätten, nämlich sobald sich am nächsten Vormittag die Tür öffnen würde, und das Brautpaar einträte, etwa ein Viertel vor zwölf, dann folgte eine kurze Rede, dann sollten wir spielen, anschließend dürften wir essen, und um drei wieder spielen. Wir kamen uns vor wie Spielleute an einem mittelalterlichen Kaiserhof, und wünschten bloß, in Ruhe proben zu dürfen. Wir probten viel zu lange dank dieser Unterbrechungen.

Wir hatten vorgehabt, danach im See zu schwimmen, aber es zog ein Gewitter auf. Nach dem Abendessen regnete es so stark, daß ich mich fragte, ob wohl überhaupt ein Feuerwerk stattfinden könnte. Aber um halb zehn hatte sich das Wetter verzogen.

Ich war allein, als ich mich auf den Weg machte. Links der Straßengraben, in dem ich ab und an die Frösche platschen hörte, und von Zeit zu Zeit der See zur Rechten, wenn der Blick nicht durch ein feudales Anwesen versperrt war. Aber es war ohnehin schon fast dunkel.

Wie sich das anfühlt, hier oben zu wohnen? Und ob es das ist, was sich der Bewohner erträumt hat? Gerne würde ich einen solchen reichen Menschen kennenlernen und mit ihm ein Gespräch darüber führen:

– Entschuldigen Sie: sind Sie reich?
– Warum fragen Sie.
– Sie haben ein Haus am Vierwaldstätter See, in dem Sie den ganzen Tag schwimmen können, wenn das Wetter es zuläßt; heute beispielsweise wäre es ja, des Gewitters wegen, zu gefährlich zum Baden gewesen. Sind Sie trotzdem glücklich?
– Verschwinden Sie von meinem Grundstück.

Vielleicht so. Vielleicht auch anders.

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Der Flug des Kondors

Mit Pablo unterwegs zu sein bedeutet, stundenlang auf unbefestigten Feldwegen durch das Hochland von Ecuador zu holpern. Man begegnet Bauern, die ihre Felder mit Ochsen pflügen, lebenden Eseln am Straßenrand, toten Eseln auf dem Acker neben dir, Eukalyptusbäumen, mit deren Blättern du dir Atemfreiheit unter die Nase reiben kannst, wilden Hunden, die es auf ein Wettrennen mit dem stoisch daherrumpelnden Toyota anlegen.

Pablo, ein Indianer in den besten Jahren (ich schätze ihn auf Mitte Vierzig), lebt in Cayambe, einem kleinen Ort in der Nähe des gleichnamigen Berges. Cayambe liegt inmitten des Paysaje Seco, einer Trockenlandschaft, wo die einzige Wasserquelle nächtliche Wolken sind, die die Täler anfüllen. Am Tag gleicht die Landschaft einer einzigen Durststrecke. Trotzdem ist das Leben nicht totzukriegen, überall wuchert, sprießt und grünt es unverdrossen. Das kommt mir wie ein Wunder und gleichzeitig selbstverständlich vor.

Auf der Fahrt hierher hat mir M. eine Frucht angekündigt, die es auf der ganzen Welt einzig an den Hängen des Cayambe gebe: Chirimoya. Wie so oft weiß ich mal wieder nicht, ob ich ihm das glauben kann, denn es gibt keinen Grund, warum diese Frucht unter ähnlichen klimatischen Bedingungen nicht auch anderswo wachsen sollte. Am Straßenrand reiht sich ein Obstverkäufer an den anderen. Als sie bemerken, dass wir langsamer werden, laufen einige mit vollen Obstkörben hinter uns her. Lincoln hält an, und wir kaufen sechs dieser knolligen, grünen, mit braunen Flecken übersäten Früchte. Sie sind sehr weich, sie lassen sich ganz leicht aufbrechen. Das Fruchtfleisch ist weiß, etwas breiig, mit länglichen schwarzen Kernen durchsetzt. Ich probiere von der kostbaren Frucht und komme mir dabei vor wie Adam im Paradies. Und schon geschieht der Sündenfall: Ich sage zu M.: „Schmeckt ein bisschen wie Birne“, und er springt mir fast an die Gurgel. Aber es ist eine Tatsache: Chirimoyas schmecken wie Birnen, nur süßer.

Nach Cayambe fahren wir, um dort das „Inti Raymi“ zu erleben, das Sonnenwendfest, das von den Indianern jährlich um den 21. Juni herum gefeiert wird. Das Fest dauert mehrere Wochen, und sie feiern nicht nur die Wintersonnenwende (21. Juni), sondern auch die Sommersonnenwende im Dezember und die beiden Tagundnachtgleichen im März und September. Gleich nach der Eroberung durch die Spanier hat die katholische Kirche mit blutigem Eifer begonnen, diese Feste in ihrem Sinne umzudeuten und hat sie mit Namen wie „San Pedro“, „San Paulo“ und „Weihnachten“ belegt. Die ursprüngliche Bedeutung hat aber dennoch im Bewusstsein der indianischen Bevölkerung halbwegs überlebt, und so kommt es, dass in heutigen Tagen die Feste doppelt gefeiert werden und sich zwei konkurrierende Rituale überlagern. Dieser Widerspruch: dass nämlich das Feiern eines Naturereignisses gleichzeitig mit dem Versuch, dieses mit einem christlich-ideologischen Zeremoniell zu verdrängen, zelebriert wird, kann wahrscheinlich nur mit sehr viel Alkohol ertragen werden. Und entsprechend viel wird davon konsumiert…

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Das Leben sagt, du sollst jetzt Panflöte spielen

Aufstehen wie immer um sechs. Yoga auf der Terrasse, Frühstück. Dann wieder zur Mamacuchara. M. bittet mich, die Metallkuben mit den Klangobjekten so zu beschriften, dass man sie, in Einzelteile zerlegt, wieder original zusammensetzen kann. Darüber vergeht etwa eine Stunde.

Heute ist der erste Tag, an dem Jorge, der eigentliche Dirigent, die Proben leitet. Leiten sollte. Um halb zehn (Beginn der Chorprobe) ist er noch nicht da, also übernehme ich wieder. Zum ersten Mal dirigiere ich das gesamte Ensemble von sechs Männern und sechs Frauen. Sie singen bonito, mit Engagement und Freude, als hätten sie nie was anderes getan. Die Energie ist berauschend.

Um halb elf kommt Jorge. Er übernimmt, und es stellt sich heraus, dass ich alle Tempi zu schnell genommen habe. Das ist ein Glück. Denn wenn das Ensemble in der Lage ist, die herausfordernden Singtechniken in schnellem Tempo zu bewältigen, haben sie im originalen langsameren Tempo erst recht keine Probleme mehr. Jorge probt breitbeinig sitzend und ohne Humor. Er ist ein lebendes Metronom. Er lobt nicht, er kritisiert nicht. Fällt ihm ein Fehler auf, bricht er ab und verdreht die Augen.

Wir proben ohne Pause bis um eins. Dann eine Suppe in einem der vielen Straßenrestaurants. Das Essen von M. und mir kostet zusammen 3,50 Dollar.

Zurück im Kulturzentrum. Jetzt probt zum ersten Mal das Volksorchester mit den Profimusikern, unter Jorge, dem Taktierer. M. sagt auf einmal zu mir: „Einer der Flötisten wird gerade operiert, du musst jetzt Flöte spielen. Im Konzert auch.“ Und zack, schon sitze ich auf der Bühne, umgeben von Panflöten, Zampoñas (die sind aus der Familie der Panflötenartigen), vor mir ein Wald aus Gitarren, hinter mir riesige Bass-Panflöten, die aussehen, als seien sie genmanipuliert. Jemand drückt mir eine Panflöte in die Hand, eine normale, kleine, gutartige, wie man sie aus der Fußgängerzone kennt. Mein Nachbar händigt mir Noten aus. Sie sind zweizeilig, drüber steht „Flauta del Pan 1-2“. Auch das noch, ich bin erster Flötist. Das „Pan“ ist wohl eine Abkürzung für Panik.

Mir fällt der Cartoon ein von dem Elefanten, der auf einer Bühne vor einem Konzertflügel sitzt und denkt: „Was zum Teufel mache ich hier bloß? Ich bin Flötist, mein Gott!“

Die Panflöte hat erstaunlich viele Pfeifen, über drei Oktaven. Links sind die langen, rechts die kurzen. In einer zweiten Reihe dahinter befinden sich Gruppen von zwei und drei Pfeifen, wie die schwarzen Tasten auf dem Klavier. Also ein chromatisches Instrument. Mein Nachbar, der zweite Flötist, hat eine spiegelverkehrt gebaute Flöte, bei ihm sind die langen Pfeifen rechts. Er hält sie mit der linken Hand, mit der rechten ist er ständig damit beschäftigt, ein leeres Blatt Papier auf dem Notenpult vor ihm abzutasten. Er hat keine Noten. Auf dem Blatt sind kleine Hubbel zu sehen, die er abtastet. Notenschrift in Braille. Mein Nachbar ist blind, sein Kollege im Krankenhaus, und ich bin Flötist, mein Gott.

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