Archiv der Kategorie: Reiseberichte

Reiseberichte

Dublin (98. Bloomsday)
2002

Dublin (100. Bloomsday)
2004

Köln
2005

Bremen
2006

Der See in der Nacht
2006

Bei Karlheinz Stockhausen
2006

Stilübung in Lübeck
2007

Im Tal der Toten Hamster und andere Geschichten aus Ecuador
2013

 

Stilübung in Lübeck

Groß ist die Versuchung, ausgerechnet hier in die Nachahmung eines gewissen Stils zu verfallen und sich eine Joppe anzuziehen, die viel zu weit ist. Darum also, dem Thomas-Mann-Syndrom zu entgehen, ein bewußt ganz unbeholfener Stil, und das ist das schwerste, was es gibt.

Ich probiere Städte an wie andere Leute Rollkragenpullover. Dublin, Köln, Lübeck. Liebäugle mit allen, verfasse kleine Reiseberichte. Studieren könnt ich überall.

Jetzt mal, wie ist denn so die Musikhochschule? Man findet sie leicht. Vom Bahnhof zum Holstentor, rechts dahinter geht die Obertrave ab und dann steht man linkerhand in der Großen Petersgrube vor der angelehnten Flügeltür mit Messinggriff. Am Schwarzen Brett dahinter hängt ein kopierter Zeitungsartikel: Herr Mack, warum klingt denn neue Musik immer so schräg? Er antwortet aber und spricht, jaa das sei eine Frage der Gewöhnung. Und ob es Scharlatane gäbe? Ja, die gäbe es, aber die verschwänden bald von selbst.

Jetzt sitze ich, es ist der zweite Tag, in der beinah leeren Kantine und höre zwei Studenten zu, wie sie seufzen über das moderne Zeug, und auch noch indonesisch. Deswegen bin ich hier. Und obwohl ich seit drei Jahren die Musik Balis lerne, könnte ich noch immer nicht zwischen alter und neuer Musik unterscheiden (und die gibt es, diese Unterschiede).

Natürlich spielen die zwei Seufzenden nicht im Ensemble von Dieter Mack. Sie haben garnichts mit ihm zu tun, sondern bereiten sich auf die Dirigierprüfungen vor: Zweite Brahms. Das Evangelium des heutigen Sonntags.

Es ist tatsächlich Sonntag, und im Lübecker Dom wurde aus der Offenbarung gelesen. Johannes an die sieben Gemeinden über seine erste Vision: Der Auferstandene, in dessen Gewalt die Schlüssel des Todes und der Hölle.

Passend dazu wurde über Matthäus siebzehn gepredigt, die Verklärung unseres Herrn Jesus Christus, der Stoff des großen Messiaenschen Oratoriums. Die Kanzel hängt auf halber Höhe an der Längsseite des Kirchenschiffs über dem Altar, die Gemeinde sitzt sich gegenüber und man schaut sich gegenseitig in die hanseatischen Gesichter. Der Kantor hat, bevor es losging, noch mit den beiden Chören geprobt. Wie schön leuchtet der Morgenstern, zuerst intoniert von den kleinen Orgeln, an denen schwarzgekleidete schlanke Protestantinnen sitzen. Sie werfen sich die Choralzeilen über den Altar hin zu, man wartet gespannt auf den nächsten Wechsel, der die Orgeln mal scharf, mal dumpf klingen läßt, je nachdem ob gerade die weiter entfernte oder die naheliegende spielt.

Jetzt setzt der Chor ein, der rechte zunächst, der die erste Zeile fünfstimmig-polyphon präsentiert. Bestätigend und von schlichterer Satzart respondiert die Hälfte, die im linken Schiffe steht, und die nur des Kantors Rücken sieht. (Ganz unmerklich haben sich nun doch gewisse Mannierismen eingeschlichen.) Im linken, stärker besetzten Chor singt, von einer Halskrause überm Talar umgeben, der Pfarrer selbst mit. Sein Tenor ist ganz klar, wie wir bei der Liturgie bemerken.

Dafür sitzt neben mir ein Frau, die überhaupt nicht singen kann. Welch ein Ereignis. So etwas habe ich noch nie gehört: Sie spricht die Liedtexte im richtigen Rhythmus, und dabei durchstolpert sie unwillkürlich den ganzen Tonumfang, den sie hat, wobei sie manchmal zufällig zwei oder drei Choraltöne in parallelen Terzen, Quarten oder Quinten erwischt. Ich frage mich, ob ihr das peinlich ist? Aber sie scheint sich wohlzufühlen, so unverdrossen klingt das, was sie produziert.

Nach dem Abendmahl, das heute wieder mit richtigem Wein gefeiert wird (und nicht katholisch nur mit einer Oblate) geht der Gottesdienst zu Ende.

Ich bemerke, daß die Kanzel mit Zitaten geschmückt ist: DORCH DAT GESETTE KUMPT MIR ZV ERKENNTENISS MEIN SVND.

Ich versuche, beim Spazierengehen nicht andauernd an Thomas von der Trave zu denken, und auch nicht an mein Sund, sondern die weißgetünchten Patrizierhäuser, sofern sie man sie wieder aufgebaut, und die rechtecks-giebeligen Backsteingebäude unabhängig von einem literarischen Werk, das sie beschreibt, zu betrachten. Die Stadt selbst führt es beispielhaft vor: Sie definiert sich nicht über Grass und Mann, sondern lebt aus sich selbst heraus, pflegt beider Andenken und läßt es sich gutgehen.

Eine Ausnahme bildet natürlich das Haus in der Mengstraße. Es ist seines ursprünglichen Inhalts entkernt und wird nun mit einem künstlichen Konservat weiterbetrieben. Niemandem darf man darum böse sein. Ich schaue ganz ganz kurz hinein.

Wenn man aus der Mengstraße in die kleine Seitengasse mit Namen Siebente Querstraße tritt, kann es passieren, daß aus dem Fenster einer Kaschemme heraus sich eine füllige Rothaarige mit trotz einiger Kälte halb entblößtem Busen beugt: He, Kleener, kommste mal mit hoch?, und dann, das Angebot aus Geldmangel ausschlagend, begegnet einem womöglich einer, der blond ist und wettergegerbt, und der mit einer Schiffermütze auf dem Kopf den Vorübergehenden anspricht: Hamse zufällig meene Frau gesehn?, worauf man entgegnet, daß man ja nicht wisse, welches denn seine Frau sei, woraufhin der Bemützte in freundschaftliches Gelächter ausbricht und einen darüber aufklärt, daß „die alle meene Frauen sin“ und das bloß ein „Schnack“ gewesen sei. Und das in einem Satz. Man begibt sich daraufhin zur Probe für das morgige Gamelankonzert.

Geprobt wird, wie schon gestern, im Konzertsaal, der sich im neuen Teil der Hochschule befindet. Der Architekt hat es fertiggebracht, draußen in den verwinkelten Gängen einen kafkaesken Eindruck zu erzeugen: Jäh neigen sich Türstürze in übergroßem Winkel.

Pressefotos; ich sitze am gong. Maja behauptet, er mache die Frauen fruchtbar. Was mag mit den Männern geschehen?

Den gong zu spielen erfordert einen Zustand, der zwischen scharfer Konzentration und halbbewußter Trance liegt. Meist gliedert er im Wechsel mit dem vom gleichen Spieler zu bedienenden tong das Stück in Phrasen von vier, acht oder sechzehn beats, gelegentlich schlägt man den purr an, der mit dem gong verwandt ist. Weil der gong seinen Klang verzögert entfaltet, muß man ihn minimal vor dem beat anschlagen.

Im Zweifel orientiert man sich am durchdringenden tock-tock des kempli, einer Art integriertem Metronom. Das kempli, das kempli, das hat im-mer-recht-tock-tock.

Lübecks Altstadt liegt, von zwei Armen der Trave umschlossen, auf einer Insel. Mir wird das beim Studium einer Luftaufnahme erst bewußt. Ich erkenne den Dom, die Petersgrube, das Holstentor. Ganz unerwartet erhebt sich aus dieser Betrachtung ein mathematisches Problem. Nehmen wir an, ich wollte den Lübecker Dom umrunden – das kann ich tun, indem ich von dessen Haupteingang aus losmarschiere und seine Backsteinmauern immer zur Rechten habe oder wahlweise zur Linken. Genausogut könnte ich aber die gesamte Lübecker Altstadt an ihrem Inselufer entlang abschreiten und würde damit automatisch auch den Dom umrunden. Was aber geschieht, wenn ich den Kreis immer weiter ziehe, bis er schließlich die Erde umfaßt? Habe ich in dem Fall den Lübecker Dom auch umrundet? Oder ihn nur im Vorübergehen gestreift? Was ist eine Umrundung, zumal auf einer Kugel? Alle Punkte, die innerhalb meines Kreises liegen, umrunde ich. Und außerhalb des Kreises? Qualitativ gibt es keinen Unterschied: Auch die Punkte, die im willkürlich gewählten Außerhalb meines Kreises auf der Oberfläche einer Kugel liegen, umrunde ich. Strenggenommen darf eine Erdumrundung erst dann als solche gelten, wenn die zurückgelegte Strecke mindestens einen Kreis von der Länge des Äquators, also vierzigtausend Kilometer, beträgt. Denn es genügt schon, einen kleinen Hüpftanz rund um den Nordpol aufzuführen, um mit geringsten Aufwand den Globus umrundet zu haben, vom Aufwand, zunächst mal an den Nordpol zu gelangen, mal abgesehen. Das spare ich mir und umkreise ein Laubblatt auf der Straße. Eine Weltreise.*

Aber nach Lübeck – wie ich den Namen lübe – bin ich nicht gekommen, um über dergleichen nachzudenken. Sondern, ich habe es schon gesagt, um Gamelan zu spielen, und um ein Klavier zu kaufen, was man hier ebensogut tun kann, wie beispielsweise anderswo. Wieviel verliert eine Stadt doch an Individualität, wenn man dort die gleichen Dinge bekommen kann wie überall: Karstadt, McPaper, H & M. Einzigartig nur ist das Marzipan. Aber das mag ich nicht.

Daß ich bisher, nach drei Abenden, noch keinen Vorstoß in die schwule Szene unternommen habe, ist ungewöhnlich. Es gibt, wie ich recherchiert habe, drei Lokale: Das „Chapeau Claque“, das „Flamingo“ und ein drittes, alle dicht beieinander in der Marles- und der Hartengrube.

Allerdings habe ich wenig Lust dazu. Viel schöner, die Abende mit dem Gamelan zu verbringen, bei Wein und Pizza oder Steak und Bier. Was sind wir für eine Truppe. Die meisten Charaktere sind profilierter als in anderen Vereinen, aber ich weiß über viele nur sehr wenig. Heute habe ich einen Versuch unternommen, das Gründungsmitglied Ralf nach der ersten Gamelanprobe im Jahr 1982 zu befragen. Ralf redet und lacht gern und viel, vermeidet aber in Kontakt mit mir den Blickwechsel und die direkte Anrede. Und so habe ich auch nichts anderes von ihm erfahren als „Weiß nicht mehr“.

Auch am vierten Abend, nach dem Konzert, unterlasse ich es, einen Szenestreifzug zu unternehmen. Sie wird mir nicht fehlen, denke ich.

Resümee. Interessantes Hochschulgebäude, im gering ausgestatteten elektronischen Studio der georgische Techniker Reso, hervorragende Bedingungen im Konzertsaal (mit Brutschins Gewaltherrschaft nicht zu vergleichen), eine kriegszernarbte Stadt – mit Freiburg vergleichbar. Zu welcher Entscheidung führt das?

Egal, es muß nicht jetzt entschieden sein. In der Nacht träume ich, man habe ein verschollenes Fragment von Joyce entdeckt, und ich müßte es übersetzen. Am Ende liegen da hundertsiebzehn Versionen vor mir. Wie anstrengend.

Lübeck, 4. bis 7. Feb. 2006


* In Becketts „Endspiel“ läßt Hamm sich von seinem Diener Clov im Rollstuhl durchs Zimmer fahren und ruft dabei: Eine Reise um die Welt! Bisher dachte ich, das sei absurd. Jetzt verstehe ich die Stelle besser.

Im Tal der Toten Hamster

Gestern (Samstag) hatten wir frei. Also war endlich mal Sightseeing angesagt! M. hatte einen Fototermin im Teatro Sucre, anschließend hat er mir die Plätze seiner Kindheit gezeigt. Viele davon hasse er, hat er oft betont. Die Stadt hat sich natürlich seit seiner Jugend deutlich verändert, sie ist sauberer geworden, vergleichbar mit Freiburg. Am liebsten erinnert er sich an den „Platz der Philosophen“. Er liegt vor dem Präsidentenpalast im Herzen der Stadt. Hier sitzen alte Männer und diskutieren über Platon und Heidegger. Niemand kennt M. heute noch (oder er kennt keinen mehr), dafür unterhalten sich zwei alte Herren angeregt mit mir, obwohl sie kein Englisch können bw. ich kein Spanisch kann. Doch: einer von ihnen (er ist etwas jünger) spricht Deutsch und erzählt mir von seiner Exfreundin, die in Freiburg lebt. Crazy.

M. zeigt mir verschiedene Kirchen. Sie fühlen sich komisch an von innen. Stark verziert mit Gold, die Figurationen eine Mischung aus „spanischem Barock und maurischen Mustern“. Sie wirken überladen, düster, erdrückend. Ich mag es, wenn Kirchen ein Gefühl von Raum und Weite vermitteln. Die hier sind eng, obgleich groß. M. erzählt, wie seine eigenen Vorfahren, die Indianer, gezwungen wurden, das Gold aus den Bergen zu schürfen, und fragt: „Wo ist die Liebe?“

Vor der Kirche predigt ein junger Mann zornig das Evangelium. Jetzt frage ich mich selber, wo da die Liebe ist. Soll das Evangelium nicht befreien? M. sagt, viele seien hier vom Katholizismus enttäuscht. Und was tritt an dessen Stelle? Nordamerikanisches Baptistentum. Ob das besser ist?

An einem Schuhladen hält M. an, tritt ein. Die Besitzerin sei seine Kusine. Der Laden ist winzig, bis unter die Decke vollgestopft mit Schuhen, es sieht aus wie eine Kunstinstallation. Die Preise sind günstig, und ich beschließe, mir neue Konzertschuhe zu kaufen.

Die Kusine zeigt mir schwarze Slippers, Größe 39. Das ist hier Standard. Ich sage „Mas“, sie malt mit Kuli auf ihren Handrücken „42“, ich sage „Mas“, sie malt 43, ich sage „Mas“… sie macht große Augen. 44. Sie geht ins Lager, kommt zurück: ja, diese Übergröße haben sie da.

Ich probiere mehrere Schuhe. Eine Freundin der Kusine (sie ist ziemlich groß), möchte unbedingt, dass ich einen Größenvergleich mit ihr mache. Wir stellen uns nebeneinander: ich bin größer. Der ganze Laden lacht, und noch mehr, als ich darauf aufmerksam mache, dass die Freundin hochhackige Schuhe trägt.

Ich entscheide mich für ein Paar machomäßige schwarze Slippers, cool geformt. In Deutschland wahrscheinlich 60, 70 Euro. M. fragt nach dem Preis, es sind 38 Dollar. Später erfahre ich, dass M. seiner Kusine 10 Dollar abgehandelt hat. Feilschen gehört halt dazu.

Wir essen was. Leider kann ich mir die Namen der Gerichte nicht merken, sie sind sehr lecker. Als Vorspeise gibt es Popcorn mit gebratenen Bananenscheiben, gesalzen. Bei dem Popcorn muss ich an unseren Besuch auf dem Affenberg im Elsass denken.

Anschließend führt mich M. zur Musikschule, wo er studiert hat. Mittlerweile kann man dort sogar Folklore und Popularmusik studieren. Das ist neu und ein sehr gutes Zeichen, sagt M.

Dann wieder zum Theater. Wir begegnen der Intendantin. Sie komponiert selber, sie wirkt herrisch, unzufrieden und unglücklich. Gegen ihren Willen ist M.s Projekt in der Kommission durchgesetzt worden, und jetzt muss sie als Oberhäuptling betreuen. Er behauptet, sie und er würden sich zutiefst hassen. Ohnehin ist „hassen“ eines seiner öfters gebrauchten Worte, und ich weiß nicht, wie ernst er das meint. Wenn ich in seine Augen schaue, sehe ich lauter Güte.

Mit dem Taxi nach Hause. M. liebt es, sich mit den Taxifahrern über Essen zu unterhalten. Manche Taxifahrer mögen Innereien, andere verabscheuen sie. Beide Parteien lachen viel und gerne.

Am Abend besuchen wir seine Kusine Marianna. Sie ist Rechtsanwältin, an die Sechzig, und lebt mit Schwester, Mann und Sohn in einem ziemlich wohlhabenden Haus. Überhaupt scheinen alle M.s (nur nicht M. selbst) viel Geld zu haben, und Ecuador ist generell ein sehr reiches Land. Aber die Einwohner interessieren sich gar nicht für Geld oder Konsum, habe ich den Eindruck. Taxifahrer verdienen nicht viel, zwei Dollar nehmen sie für zwanzig Minuten Fahrt, und trotzdem lassen sie einen an der Straße stehen, wenn sie keine Lust haben. Sie winken ab oder gucken gar nicht hin. Das finde ich kurios.

Marianna also. Wie eine Rechtsanwältin sieht sie nicht aus, eher wie eine mittelständige treusorgende Hausfrau. Sie serviert uns (abends um sieben!) Brötchen mit Marmelade, Kaffee und viel Bier. Das Bier hier ist exzellent, es heißt „Pilsener“ und ich trinke es jeden Tag. Es ist sehr erfrischend und hat fast gar keinen Alkohol. Der Sohn studiert Robotik und Mechatronik, und ich versuche, mich mit ihm über „Terminator“ zu unterhalten. Aber er sagt, er wird irgendwann Industrieroboter bauen.

Der Mann Marcello ist Zahnarzt im Ruhestand und wirkt sehr traurig. Keine Ahnung, ob das stimmt.

Trotz Kaffee schlafe ich hervorragend (der Jetlag machts möglich), und heute, am Sonntag, weckt mich Lincoln, M.s Bruder, schon um sechs. Wir fahren zusammen quer durch die Stadt, zum Haus von Ediths Schwester, wo sie die Nacht verbracht hat. Die Straßen sind leer, wie immer am Sonntagmorgen. Wir schaffen die Strecke in zwanzig Minuten, was unter der Woche anderthalb Stunden gedauert hätte.

Ediths Schwester übertrifft an Reichtum alle M.s, die ich bisher kennengelernt habe. Sie wohnt mit Familie in einem Viertel, das mit einem elektronischen Tor gegen alle abgeriegelt ist, die nicht dort wohnen. Das Gefängnis der Reichen. Obwohl, sie können kommen und gehen, wie es ihnen beliebt. Glücklich wirkt die Schwester aber trotzdem nicht. In ihrem Wohnzimmer steht ein Klavier, auf dem M. einige seiner früheren Stücke komponiert hat. Es ist gräßlich verstimmt.

Wir fahren zurück, und es gibt ein reichhaltiges Frühstück, ganz anders als sonst. Man debattiert über den Präsidenten Correa und beklagt sich, dass er jetzt eine faschistoide Struktur bilden wolle. Im Parlament sitzen 120 Abgeordnete, und davon gehören 110 der Regierung an. Wenn einer von den anderen zehn sprechen will, werden sie lautstark überschrien. Ich frage, ob Correa irgendwelche Gewalt an den Tag lege? Nein, bisher nicht. Wie er denn an die Macht gekommen sei? Nun, er wurde ordnungsgemäß gewählt, mit großer Mehrheit. In seine dritte Amtszeit. Und wie denn seine bisherige Politik aussehe? Er habe neue Straßen gebaut, die alten saniert, sich um die Modernisierung der medizinischen Versorgung gekümmert und die Entwicklung der Erziehung und Ausbildung vorangetrieben. Wo denn dann das Problem sei? Ja, dass alles viel zu schnell ginge, dass es quasi gar keine Opposition gebe und dass er mit Vorliebe junge Techniker, Mediziner, Lehrer etc. einsetze, die gar keine Erfahrung hätten. Nun ja, ich nehme an, die Erfahrung werden sie schnell sammeln. Ich verstehe nicht, warum man kein Loblied auf so einen Präsidenten anstimmt. Sehe ich das zu einseitig? Ich bin froh, Gast in einem solch aufblühenden Land zu sein.

Dann: der bisherige Höhepunkt. Lincoln und ich fahren zum Teleférico, einem 1000 m hohen Berg am Rande von Quito. Eine moderne Seilbahn fährt uns gemächlich in zwanzig Minuten auf den Gipfel, für 3 Dollar pro Person. Ich muss an meine Fahrt auf den Grouse Mountain 2010 in Vancouver denken: sie hatte 40 Dollar gekostet.

Dieser Sonntag ist klar, sonnig, wolkenfrei. Quito liegt zu unseren Füßen, unabsehbar weit zwischen Bergen, auf Berghängen und hinter Bergen, wie Lincoln sagt. Er kennt alle Berge mit Namen. In seiner Jugend, sagt er, sei er Athlet gewesen und sei jedes Wochenende den Teleférico hochgejoggt. Ich weiß nicht, ob ich ihm das glauben kann, er schnauft jetzt doch ganz schön.

Hier oben, in der Stille, unter blauem Himmel, wo ich mit der Sonne allein bin, (Lincoln hat sich rücksichtsvoll ein paar Meter wegbegeben), mache ich Yoga. Auf einem Gipfel in der Nähe des Äquators, viertausend Meter über dem Meeresspiegel. Die Luft ist etwas dünn, der Atem geht schnell, daher auch das Yoga.

Wir wandern noch etwas höher. Unterwegs begegnen wir Pferden in einem Gehege, Maultieren und Lamas. Das Atmen ist leicht anstrengend, und das Sprechen noch mehr. Aber es ist komisch: Ich sehe ein Wegzeichen und denke: Bis dahin schaffst du‘s noch. Dann hast du genug. Kaum bin ich da, sehe ich das nächste Wegzeichen, den nächsthöheren Felsen, den noch schöneren Aussichtspunkt, und denke: Bis dahin schaffst du‘s noch… Symptomatisch fürs Menschsein, oder nicht?

Dann der Abstieg, die Seilbahn, die Rückfahrt. Man sieht hier oft: Menschen auf der Ladefläche von Kleinlastern, auch Kinder. Ich sage zu Lincoln: In Deutschland unmöglich, es ist streng verboten. Er: Es ist auch hier verboten, aber die Polizisten sagen nichts. Finde ich eigentlich gut, die Eigenverantwortung den Menschen zu überlassen. Ist doch ihre Sache, was mit den Kindern geschieht. Ich habe allmählich genug von der allgegenwärtigen staatlichen Fürsorge in Deutschland, bin zu alt dafür.

Wir haben uns verabredet mit M.s zweitem Bruder, Franklin. Lincoln, Franklin, M. Zwei Präsidenten, ein Gott. Dieser Vater muss Großes vorgehabt haben mit seinen Kindern. Der vierte Bruder heißt José.

Das Restaurant ist berühmt für seine Fischgerichte. Obwohl wir fast die einzigen Gäste sind (und das trotz „Vatertag“), dauert es lange, bis unser Essen kommt. Es wird eben frisch zubereitet, das merkt man auch. Ich habe einen Shrimpsteller bestellt. Bonito.

Franklin dominiert die ganze Runde, er redet laut und viel und witzig. Alle sind am Lachen, auch ich, obwohl ich überhaupt nichts verstehe. Es macht gar nichts. Hauptsache lachen. Zwischendurch kommt noch zufällig José herein, geht aber bald wieder. M. scheint mit halb Quito verwandt zu sein.

Wir fahren nachhause: Siesta. Und für den Nachmittag hat mir Lincoln versprochen, mich zu einem anderen Berg zu bringen, dem Volcán Cotopaxi. Das war schon immer mein Kindheitstraum: auf einem Vulkan zu stehen. Er ist der einzige in der Umgebung, der schneebedeckt ist. Von weitem sieht er aus wie der Fujiyama.

Wir fahren um halb drei los. Zum ersten Mal, seit ich in Ecuador bin, verlasse ich Quito und bekomme die Landschaft zu sehen. Die Straße ist dreispurig, frisch geteert, mit neuen gelben Bordsteinmarkierungen versehen. Lincoln sagt, so sähen neunzig Prozent aller Straßen in Ecuador aus. Das macht Lust wiederzukommen, ein Auto zu mieten und einmal quer durchs Land zu reisen.

Weiter Blick. In der Ferne Berge, links ein weitgestrecktes, lichtdurchflutetes Tal. Ich filme alles, was mir vor die Kamera kommt.

Es dauert lange, bis wir uns dem Cotopaxi nähern: anderthalb Stunden. Vom Teleérico aus sah es gar nicht so weit aus. Gelbe Hinweisschilder: „Volcán Cotopaxi“, lassen die Spannung steigen. Dann die Enttäuschung: Wir fahren auf einen hölzernen Durchgang zu, offenbar die Einfahrt in den Nationalpark. Ein Ranger bittet uns, rechts anzuhalten. Er erklärt uns, dass der Park seit drei Uhr geschlossen sei. Jetzt ist es vier. What a shame!

Egal. Wir fahren zurück, das Licht ist traumhaft. Umsonst ist unser Trip nicht gewesen.

Lincoln fährt eine andere Route zurück, wir fahren durch das sonnendurchflutete Tal, das wir auf der Hinfahrt gesehen haben. Er hat etwas Besonderes im Sinn: Ihn gelüstet es nach „Cui“. Was das ist, weiß ich schon, weil wir Tage zuvor davon gesprochen haben. Cui sind gebratene Hamster. Man weidet sie aus, steckt sie auf einen Spieß und röstet sie langsam über dem offenen Feuer. Dabei sieht man ihre Krallen, ihre Hamstergesichter, ihre länglichen Körper. Ich hatte schon bei dieser Beschreibung verkündet, keine Cui essen zu wollen. Aber Lincoln lässt sich nicht beirren. Also gut.

In diesem Dorf reiht sich ein Cui-Laden an den nächsten. Wo ich auch hinschaue, ich sehe überall aufgespießte Hamster. Ich nenne dieses Dorf das „Tal der Toten Hamster“.

Lincoln findet keinen Parkplatz, meine Hoffnung steigt. Doch, er hat schon einen. Also: aussteigen, in den nächstbesten Hamsterladen, Lincoln strahlt vor Freude. Ich gönne es ihm. Er hat mir ja auch Freude bereitet.

Auf der Karte gibt es Gottseidank auch noch was anderes als nur Hamster. Lincoln bestellt uns Cerveza (Pilsener), aber das panierte Gemüse, auf das ich Lust hätte, ist leider aus. Der Laden ist voll, wir befinden uns mitten unter einfachem Landvolk. Lachende Gesichter, wo ich hinsehe, tote Hamster, wo ich hinsehe. Merkwürdige Kombi. Wir finden einen Tisch, stoßen mit der Cerveza an, Lincoln bekommt seine Portion Hamster – und ich probiere ein Stück. Lecker! Das verdammte Viech schmeckt lecker! Wie Hühnchen, nur besser. Trotzdem: Die Darbietungsform stößt mich ab. Man hätte wenigstens die Krallen entfernen können! Cui bono. Wem nützt es.

Zum Glück kommt eine große mamaartige Verkäuferin lachend durch die Menge, auf ihrem Bauchtablett präsentiert sie Gläser voller Erdbeeren mit Sahne. Quanta costa? Einen Dollar. Also habe ich Erdbeeren mit Sahne, dazu Pilsener. Neben mir verzehrt Lincoln glückselig seinen Hamster.

Köln, 20. bis 22. März 2005

Wie meistens in einer unbekannten Stadt führt mich in Köln mein Weg zuerst in ein Internetcafé. Wo gibt es eine preiswerte Unterkunft, wo was zu essen, und welche Bars sind am interessantesten in der Nacht und welche Sehenswürdigkeiten am Tag?

In Köln bin ich gelandet, nachdem ich in Freiburg keine Lust hatte auszusteigen, als ich am Sonntag von C. aus Rheinfelden zurückkam. Also bin ich sitzengeblieben, solange mein Geld reichte.

In der Nähe von Dom und Bahnhof gibt es ein Hostel, eine Nacht im 5-Bett-Zimmer für sechzehn Euro. Paßt mir gut. So eingerichtet, stürze ich mich ins Kölner Nachtleben und lande zunächst im Bürzel, einer kleinen Bar in der Martinsstraße. Vier Leute, der Wirt, sein Freund, sein Bekannter und dessen Freund, stehen am Tresen. An der Bar ein Klavier, gegenüber ein Harmonium. Ich ordere einen Bürzelsalat und Wein, und da fängt die Freundin an zu spielen. Debussy, Bach und Mozart. Weil sie selbst umblät­tert, bekommt ihr Vortrag manchmal einen Riß. Mit vollem Mund stehe ich neben ihr, bereit umzublättern. Seltsame Technik (oder gar keine?), lang ausgestreckte Finger, durchgedrückte Knöchel. Sie studiere Gesang, erfahre ich, als wir ins Gespräch kommen. Ich biete ihr an, sie zu begleiten. Jetzt? Jetzt. Ihr Freund Mark ist begeistert. Wenn seine Agnes singt… Agnes springt rauf in ihre Wohnung über dem Bürzel und kommt mit einem Notenstapel wieder. Wir singen und spielen Ave Maria aus dem Troubador, die Habanera, Schumannlieder und Mozartarien. Dazwischen singen die Bläck Föös von der CD über „unser Veedel“, während Weißwein und Kölsch in Strömen fließen.

Mark ist eigentlich kein Musiker, aber um Mitternacht spielt er die Filmmusik von Drei Nüsse für Aschenbrödel. Die hat er sich nach dem Gehör beigebracht. Mit Reinhold, dem Trompeter (Musikhochschule) streite ich gemeinsam gegen Mark für Stockhausens Musik. Es wird eine fröhlich-erhitzte Grundsatzdiskussion und endet unentschieden. Danach muß Reinhold unbedingt auch ein Schumannlied vortragen; er singt mit der gleichen Lautstärke, wie er Trompete spielt.

Um eins ziehen Reinhold und ich durch die Kneipen am Rudolfplatz. Er ist wirklich nicht mein Typ, aber das ist unwichtig. Wir unterhalten uns prächtig bei Kölsch und Wasser über sein Comingout, seine Familie, meine Zukunft und die Kölner Musikhochschule. Es ist vier Uhr, als wir uns verabschieden.

Montagmittag: Kölner Dom. Wie ein gestrandetes Raumschiff ragt er plötzlich vor mir auf, sein Anblick überrascht mich immer wieder, selbst wenn ich ihn erwarte. Wie ein freundliches Riesentier scheint er sich zuerst anzuschleichen, wenn ich gerade nicht hinschaue, und dann regungslos dazustehen, so sieht er aus. Oder als wäre er auf Knopfdruck lautlos aus der Erde gefahren. Kuckuck, hier bin ich. Ein Riesenge­birge aus stalagmitenhaften Säulen, Streben, Pfeilern, Stützen, Fialen, Krabben und Maßwerk. Der Blick kann nirgends verweilen, er muß hinauf, wo es einfacher wird zu erfassen, was er sieht: die schlanken Zwillingstürme mit den sich nicht ganz ins Unendliche verjüngenden gerippelten Turmhelmen.

Die Baumeister des Mittelalters, glauben wir oft, besaßen eine Baukunst, von der wir heute nichts mehr wüßten. Dabei gelten die Gesetze der Statik gleichermaßen für alles, was je gebaut wird, egal ob es sich um den Kölner Dom oder das World Trade Center handelt. Alles andere ist Kunsthandwerk. Deshalb ist es nicht erstaunlich, daß man im neunzehnten Jahrhundert in der Lage war, den gewaltigen Bau, und zwar innerhalb von vierzig Jahren, zu vollenden. Die Arbeit schritt natürlich anhand der Originalpläne aus dem dreizehnten Jahrhundert voran – das Ergebnis stand dem ersten Dombaumeister (der gegenwärtige ist übri­gens eine Frau) genauso vor Augen, wie uns heute das fertige Werk. Bevor Kaiser Friedrich Wilhelm Vier 1840 den (zweiten) Grundstein mit den Worten „Kölle alaaf“ legen durfte, wurde das Fragment vermes­sen, sieben Jahre lang. Die Ergebnisse hat man in vier umfangreichen Bänden veröffentlicht. Ich frage mich, wer Interesse hatte, so ein telefonbuchartiges Zahlenwerk zu lesen. Es sei denn, jemand hätte Lust bekommen, sich eine eigene Kopie des Domes zu bauen.

Ich betrete ihn an der Nordseite. Eine Führung beginnt. Die Frau erzählt, daß schon seit dem vierten Jahr­hundert nach Christus hier eine Basilika stand. Die mußte natürlich ersetzt werden, als es im Jahre 1148 hieß, Leute, jetzt bekommen wir die Heiligen Drei Könige. Is dat denn die Mööchlischkeit! Da war Streß angesagt: Schrein für die Gebeine bauen, alten Dom abreißen, Pläne für den neuen zeichnen. Und die her­einstürzenden Pilgerströme mit Kölsch versorgen. Dreihundert Jahre konnte gebaut werden, dann war das Geld alle. Köln hatte eine veritable Bauruine mit halbfertigem Mittelschiff und nur einem Turm, der gera­de mal zur Hälfte stand. Petrarca jammerte, verständlich.

Als im Jahre 1880 die zweite Kreuzblume auf die Turmspitze gehievt wurde, werde, so sprach der Dom­baumeister, für die nächsten hundert Jahre kein Gerüst am Dom zu sehen sein. Was nicht stimmte, denn die Luftverschmutzung tat ihr zersetzendes Werk. Und der eine oder andere Krieg. Heute heißt es, der Tag, an dem der Dom ohne Gerüst sein werde, sei das Ende der Welt.

Woraus entsprang der plötzliche Wille, den Dom fertigzustellen? Nationalismus, Prestigebedürfnis, Gel­tungsdrang. Nichts zu spüren von der alten ad maiorem Dei gloriam. Mir kommt’s vor, als wandelte ich zwischen den Säulen einer gewaltigen Heuchelei. Die vielfach gegliederte Außenfassade paßt dazu: Fas­sade ohne Ende.

Nach dem Krieg begann man, die Fundamente der ersten Basilika auszugraben. Jetzt befindet sich unter dem Dom ein Labyrinth aus Grabungsstollen, die man besichtigen kann, was ich auch vorhabe. Aber in der Karwoche sind sie geschlossen.

Dafür die Domschatzkammer: Drei unterirdische Stockwerke voller Meßbestecke, Monstranzen, Mitren und Bischofsstäbe. Und Reliquien ohne Zahl, meistens Knochen. Hat man denn die Gebrüder Caspar und Co. jemals einer DNS-Analyse unterzogen, habe ich vorhin unsere Kustodin ketzerisch gefragt. Ja, hat man wohl, sagte sie. Aber über das Ergebnis konnte sie mir nichts mitteilen.

Ich beende meine Besichtigung mit einer Turmbesteigung. Ein Kindheitswunsch, an den ich mich jetzt er­innere, wird damit eingelöst: meine Uroma hatte mir oft ihre Fotos gezeigt, schwarzweiß und vergilbt, und die Postkarten, die der Sohn Fredi ihr aus dem Krieg schickte. Obwohl ich sie bald alle kannte, wollte ich immer wieder, daß sie sie mir zeigte und dazu erzählte. Eines war eine Postkarte vom Kölner Dom, und ich war fasziniert von den kleinen Knubbelchen an den Türmen. Die wollte ich schon immer mal an­fassen. Und jetzt habe ich die Gelegenheit dazu.

Ich glaube, Erich von Däneköln hatte die Idee (hat er aber nie veröffentlicht, war nur so ein Versuch, qua­si zur Übung), die Türme des Kölner Doms seien in Wirklichkeit Startrampen für eine von da Vincis hy­droaerotischen Flugluftdruckschraubraumschwungschiffen. Da da Vincis Lebetage lang die Türme nicht fertig wurden, konnten sie bisher noch nicht ihrer wahren Bestimmung zugeführt werden.

Heute sind zwischen beiden Türmen drei oder, an hohen Feiertagen, vier Bindfäden gespannt, damit sie nicht aus Versehen nach beiden Seiten auseinanderklappen. Deshalb wird man unten am Treppenaufgang kontrolliert, ob nicht etwa jemand heimlich eine Schere dabei hat.

Die Knubbelchen sind von nahem betrachtet lilienartige Auswüchse aus dem Gestein, die je dreimal drei Blütenblätter hervorbringen. Sie fühlen sich glatt und lauwarm an, von der Sonne beschienen. Die Ver­senkung in ihren Anblick läßt mich schwindeln, da das Bewußtsein der Komplexität schon allein dieses Details eine Ahnung von der Komplexität des GANZEN vermittelt. Eine einzige dieser lilienhaften Krab­ben läßt die Dimensionen des Ganzen unfaßbar werden. Ist der Kölner Dom gebaut worden, um den Ver­stand zu verwirren?

Es ist ein Vergnügen, sie in der Hand zu spüren. Eine einzige ist so groß, daß ich sie nicht umfassen kann (sie sahen auf den Fotos so klein aus). Ihr Motiv wiederholt sich, nicht nur an den Türmen, am gesamten Bauwerk viele viele tausend Male. An den Turmhelmen ranken sie besonders exponiert empor, in acht schnurgeraden Linien wachsen sie dem Himmel entgegen, um sich im Scheitelpunkt, der gigantischen Kreuzblume auf der Spitze zu vereinigen. Ist das nicht toll?

Beim Runtergehen kommt mir keuchend-fröhlich ein Mädchen entgegen, fragt: Ist das noch viel? Bis jetzt wars ein Drittel, antworte ich, sage aber nicht, ob für sie oder mich. Sie stöhnt fröhlich: Carla, du bist ver­rückt, weiter, ein Drittel erst…

Zum Schluß sitze ich in einer Kirchenbank und spüre den unermeßlichen Raum mit geschlossenen Augen über meinem Scheitelpunkt.

Für drei Euro achtzig in der S-Bahn nach Kürten. Nicht direkt, denn Kürten ist einer der wenigen deut­schen Ortschaften ohne Bahnanschluß. Also fährt man bis Bergisch-Gladbach und dann weiter mit dem Bus Linie 426.

Der legt sich mächtig in die Kurve, der Bus. Der meint, seinen Gästen was bieten zu müssen, der Fahrer. Wir schrauben uns immer höher ins Bergische Land: fette grüne Wiesen, Tannenwälder und lustige wilde Bergbächlein. Heute ist Frühlingsanfang.

In Kürten steige ich vorsichtshalber mal am Rathaus aus, ich halte das für die Ortsmitte. Und wohin jetzt? Ein Straßenplan. Der Kettenberg liegt im Planquadrat F7 (wie harmonisch) und außerdem gut drei Kilo­meter hinter mir in der letzten Ortschaft. Breibach heißt die. Also frischauf losgewandert. Das macht mir nichts aus, denn es verleiht meiner Fahrt den Anflug einer Pilgerreise. Und außerdem habe ich sowieso grad Lust auf Tannenduft.

Die Breibacher Straße, die zu oder auf den Kettenberg führt, biegt hinter der letzten Bushaltestelle, an der ich hätte aussteigen können, nach rechts in den Wald ab. Ich folge ihr. Rechts ein paar schmucke Anwe­sen, links ein Abhang, an dessen Sohle ein lustiges Bergbächlein wild daherrauscht.

Nach zehn Minuten erreiche ich den Kettenberg. Wieder eine Bushaltestelle, an der allerdings nur ein ein­ziger Bus fährt, morgens um sieben Uhr zwölf. Nach rechts führt der geheimnisvolle Weg. Gespannt war­te ich die Hausnummern ab: fünfzehn müssen es sein.

Als ich vor Stockhausens Anwesen stehe, überlege ich, was ich mir bis zu diesem Zeitpunkt vorgestellt habe: eine kleine, bescheidene Wohnung, ärmlich oder ein prächtiges, herrschaftliches Gebäude, altmo­disch oder modern, extravagant oder unscheinbar? Skulpturen im Garten? Reinhold hatte davon gespro­chen. Selbst eine Art öffentliches Museum hätte ich mir denken können, mit einem Kassenhäuschen, hin­ter dessen Glasscheibe jeden Tag ein anderer Erzengel die Karten abreißt.

Weihrauchduft steigt mir in die Nase. Dabei wäre angesichts der ländlichen Umgebung eher Stallgeruch angebracht. War wohl Einbildung.

Kein Namensschildchen, keine Klingel. Nur ein eisernes Gartentor, das so aussieht:

[folgt Zeichnung des Gartentores]

Zwei konzentrische Kreise, ein großer und ein kleiner, und darin eingeschlossen ein Herz. So einfach ist das. Dahinter führt eine schmale gepflasterte Auffahrt in den Wald und verschwindet hinter einer Kurve. Vom Haus selbst ist nichts zu sehen, und auch nichts von etwaigen Skulpturen.

Also jetzt, weiter den Kettenberg rauf oder lieber runter? Ich entscheide mich für runter. Vom Tann’ge­ruch hab ich genuch.

Auf der Rückfahrt steige ich schon an der Station Messe/Deutz aus. Rechtsrheinisches Ufer: Deutz. Büro­häuser und viel Verkehr. Am andern Ufer, in jedem Sinne, ist wahrhaftig mehr los, das hat man mir gestern schon gesagt.

Ich will nur mal über den Rhein gucken, von wegen Da spügölt süch ün den Wölln / Das große heulige Cölln. Den großen Dom hat Heine nie vollendet gesehen.

Gen Westen schaue ich, auf den Chor und das Querhaus. Mein Gott, wirkt das gedrungen. Der dräuende Dom. Dort droben dräut düster der donnernde Dom.

Der Rhein wirkt nicht so breit, wie man es annehmen könnte. Ich meine, der ist ja in Basel schon breit, und seitdem ist einiges dazugekommen: der Main, die Mosel und die ganzen kleineren Sachen. Oder ist er nur tiefer geworden? Hier wiegt ein Flußkilometer wahrscheinlich einiges mehr, da sackt so ein Flußbett schon mal ab mit den Jahren. Ob übrigens ein Fluß in allen Tiefenschichten gleich schnell fließt? Unten am Grund ist die Reibung am höchsten. Auch Temperaturunterschiede könnten sich auswirken. Möglich auch, daß die Strömungsgeschwindigkeit an der Oberfläche am größten ist und dann abnimmt, je tiefer es runtergeht. Das gilt wohl für die Fische genauso, die schwimmen auf einer Autobahn, die senkrecht auf der rechten Kante steht. Ganz oben flitzen die getunten Hechte und die Forellen mit ihren gespoilerten Rückenflossen, und dann wird’s gemächlicher bis runter zu den Welsen, die sich manchmal mit Absicht an den Pannenstreifen legen, nur um auszuruhen. Um das rauszufinden, müßte ich allerdings reinspringen in den Rhein.

Ich lasse das und laufe gemächlich auf der rechten Seite über die Eisenbahnbrücke, die so aussieht wie die Freiburger Blaue Brücke, nur größer. Sechs Gleise laufen nebeneinander über sie her. Und links und rechts Fußgängerwege. Wer die Brücke überqueren will, dem stellen sich gewaltige kupferne Kaiser-Wilhelm-oder-so-was-Reiterstandbilder entgegen. Am Anfang geht das noch. Am andern Ende allerdings nähert man sich einem gemäßigt repräsentativen kupfergrünen Kaiser-Wilhelm-Pferdearsch.

Der zweite Abend ist mal wieder dem Vergnügungsviertel gewidmet. Mit der U-Bahn zum Friesenplatz. Ich hätte gerne was Frisches angezogen, seit Samstag laufe ich in den gleichen Klamotten rum. So ist das, wenn man spontan reist.

Der Abend gestaltet sich völlig anders als der vorherige. Die Kneipen sind leer, die Stimmung dröge. Montagabend eben. Um Mitternacht besuche ich eine Sauna in der Richard-Wagner-Straße. So was kenne ich aus Dublin: labyrinthartige, rutschige Gänge, feuchte schwülwarme Nebelschwaden, huschende Ge­stalten mit Handtüchern um den Leib.

Wenn sich in einer Sauna nichts anderes ergibt, dann will ich auch nichts anderes als saunieren. Aber das spüren die Männer schnell, wenn sie sich annähern wollen. Es gibt kein Problem.

In den Whirlpool steige ich, darin sitzt Dominik. Vierundzwanzig ist er, und schön. Wir liegen bald im Separée. Und trinken an der Bar ein kühles Wasser, danach.

In der Umkleidekabine hat mir jemand die Schuhe gestohlen. Hoffe nur, er hatte sie wirklich nötig! Aber wer hier zwölf Euro Eintritt bezahlt, braucht keine Schuhe zu klauen. Mittlerweile sollte ich gelernt ha­ben, die Schuhe im Spind einzuschließen! Vom Kassierer kann ich umsonst ein Paar Badeschlappen be­kommen. Ich brauchte sie nicht zurückzubringen, sagt er. Vielen Dank. Ach, die Kölner.

Halb drei morgens. Durch die Kölner Innenstadt schlurft ein Typ mit Rucksack, Jeansjacke und roten Pla­stikbadeschlappen, die bei jedem Schritt schluppen und wehtun. Jesus hatte Latschen an, wie kein andrer Mann. Und was sind sonst noch für Gestalten unterwegs? Besoffene Jugendliche, bekiffte Junkies. Die Bettler pennen in den Hauseingängen und vor den heruntergelassenen Gittern der Geschäfte. Ein Streifen­wagen und viele Taxis in den Straßen.

Verdammt, diese Sachlappen brennen an den Sohlen. Es brennt mir unter meinen Sohlen. Und Krach ma­chen die. Schlurf-schlapp, schlurf-schlapp. Falls mir einer auflauern will, ist es vielleicht besser, sie aus­zuziehen und auf Socken weiter zulaufen. Ah, tut das gut. Der Asphalt ist auch einigermaßen sauber. Fast lautlos schleiche ich weiter, ich weiß den Weg ungefähr. Trotzdem, wohl fühle ich mich nicht. Zu heftig sind die Erinnerungen an damals, den Typen in der Dubliner Thomas Street. Hinter jeder Hausecke könn­te einer stehen, mit einem Messer. Da mußt du jetzt durch. Falls mir einer was will, kann ich ihm immer noch mit den Schlappen eine runterhauen.

Noch dreihundert Meter bis zu meiner Unterkunft. Genauso war das damals auch, das Hostel war schon in Sichtweite, als der Straßenräuber kam, mich zu überfallen. Ich packe meine Schlappen mit festerem Griff. Egal, was passiert, die wird mir so schnell keiner entreißen.

Ich bin angekommen. Die Tür ist angelehnt, die Rezeption ist nicht besetzt. In meinem Zimmer tappe ich im Dunkeln an mein Bett und ziehe mich aus.

Morgen als allererstes Schuhe kaufen.

Es ist gar nicht peinlich, am hellen Tag mit ziemlich schwuchtelig wirkenden rosa Plastikbadelatschen durch die Kölner Altstadt zu schlurfen. Den meisten ist es egal, da gibt es schließlich ganz andere Sachen. Der Rest nimmt es nicht zur Kenntnis. Fast wünsche ich mir, ich hätte wenigstens noch Puscheln auf den Schlappen.

Da, rechts ein Schuhgeschäft. Für mich erleichternd wie der Anblick einer öffentlichen Toilette bei star­kem Harndrang.

Frisch beschuht, checke ich mich im Hostel aus und will die Zeit bis zur Abreise in einigen Kirchen ver­bringen. Vom Turm des Domes aus habe ich gestern zwei sehr schöne romanische Kirchen gesehen, die mich interessieren. Die erste, Groß-Sankt-Martin, ist dienstags geschlossen. In der zweiten, Sankt Andre­as, findet gerade ein Gottesdienst statt. Also raus und was essen. Die Kirchen kommen beim nächsten Mal dran, genauso wie die Ausgrabungen unter dem Dom, ein Besuch mit Dominik in der Sauna, eine Runde Kölsch mit Reinhold und ein Liederabend mit Agnes und außerdem ein Besuch im römisch-germanischen Museum sowie im Schokoladenmuseum.

Es ist Zeit für den Zug.

Jäger des Verlorenen Kaffees

Eine Taxifahrt in Quito kann schon mal einer Verfolgungsjagd ähneln. Nur dass es niemanden gibt, den die Fahrer verfolgen. Solche Taxifahrer tragen einen berufsmäßigen Tunnelblick. Ihre Augen unter halbgeschlossenen Lidern fixieren einen Punkt, der etwa hundert Meter vor ihnen liegt. Wenn sie an der Peripherie ihres Blickfeldes eine Seitenstraße registrieren, tippen sie zweimal kurz auf die Hupe. Wer nicht darauf reagiert, hat eben Pech gehabt. Er wurde ja gewarnt.

Das Stärkste, was ich bisher in dieser Hinsicht erlebt habe, war das Überholen eines Polizeimotorrads in einer 30er-Zone. Mit ungefähr der doppelten Geschwindigkeit. Der Polizist ist, wie ich im Rückspiegel gesehen habe, gemütlich weitergetuckert. Die Taxifahrer sind die Kings of the Road.

M. hat mir einige Faustregeln im Umgang mit Taxifahrern gegeben. Erstens: Niemals zugeben, dass man kein Fußball mag. Bayern-München ist hier jedem ein Begriff. Will man sich schnell einen Freund machen, sagt man „Bayern-München esta es chiuta!“ Chiuta ist ein ecuadorianisches Wort, das es im spanischen Spanisch nicht gibt. (Zumindest weiß leo.org nichts davon). Es ist ein rein emotionaler Ausdruck, ein Joker, der jede mögliche Bedeutung annehmen kann. Ist man begeistert, sagt man „Chiutaa!!“. Ist man frustriert, sagt man „Chiuta…“.

Zweitens: Viele Taxifahrer reden gern über Essen. Sich mit ihnen über Innereien zu unterhalten, ist stets empfehlenswert. Entweder sie mögen sie oder sie mögen sie nicht. In beiden Fällen lautet das Urteil: Chiuta! Nur die Tonart ist verschieden.

Drittens: Den Preis handelt man vorher aus. Die meisten Taxis haben kein Taxameter, und das ist gut so. Man steigt ein, man nennt sein Ziel und fragt „Dos Dollar?“, der Taxifahrer nickt, und es geht los. Meistens fragt er erst dann, wo das gewünschte Ziel überhaupt liegt. Gringos wie ich einer bin, zahlen grundsätzlich einen Dollar mehr. In Deutschland gölte solches als, na was wohl, ausländerfeindlich, diskriminierend und politisch unkorrekt. Mich kratzt es nicht im geringsten.

Viertens: Präsident Correa ist ein Tabuthema. Taxifahrer hassen ihn, er ist ihnen nicht mal ein „Chiuta!“ wert. Sie schweigen eisern, während sie mit Tempo Sechzig durch eine von Correa gebaute 30er-Zone brettern.

Heute habe ich die Fußballregel ausprobiert. Der Taxifahrer hieß Cesar. Ich fragte ihn, ob er Fußball mag. Er: „Beckenbauer is my Cousin!“ Ich: „Ok, but you don‘t look very similar to Beckenbauer.“ Er: „His eyes are blue, his hair is yellow – he is the opposite of me, so I am his cousin.“ Eine unschlagbare Logik.

Ich war auf dem Weg zu Vélez‘ Coffee. Ein Freund (man hat hier so schnell Freunde, es ist eine Sache von Sekunden) hat ihn mir wärmstens empfohlen. Vom Kaffee in Ecuador bin ich enttäuscht. Sie haben die besten Bohnen der Welt, aber servieren einem Nescafé mit Leitungswasser, wovon man Durchfall kriegt. Vélez solle angeblich ganz anders sein. Vélez liege in der Av. de Benalcazar, direkt gegenüber vom Palast des Vizepräsidenten. Also hin zum Vize – kein Vélez gegenüber. Bin ich in den Palast rein (die diensthabenden Soldaten müssen es doch wissen, sie stehen ja jeden Tag hier) und frage nach Vélez Coffee. Sie schauen alle sehr sanft und ratlos. Keine Ahnung. Während sie noch beraten, kommt ein freundlicher Beamter vorbei, bemerkt, dass ich ein Kamerahandy habe, identifiziert mich natürlich sofort als Gringotouri und fragt, ob ich vielleicht ein Foto zusammen mit den netten Jungs in den Uniformen hätte? Also wenn schon nicht Vélez, dann doch immerhin so ein Foto, das ist ein Deal. Wir stellen uns zu dritt an die Wand, der Beamte legt an, schießt, und das wars. Muchas gracias, Señor! So einen netten Vizepräsidentenpalastbesuch erlebe ich wahrlich selten.

Trotzdem: Ich gebe die Hoffnung nicht auf, doch noch zu Vélez zu gelangen und einmal in Ecuador richtigen Kaffee zu haben. Im nächsten Internetcafé gebe ich Vélez ein und erhalte eine Adresse am anderen Ende der Stadt. Ich frage den joven hinter der Theke nach was zu schreiben und notiere sie. Wie ich denn dahinkäme?, frage ich. Der junge Mann ist genauso ratlos wie die Jungs beim Vizepräsidenten, beschäftigt sich aber ernsthaft mit meiner Frage, diskutiert mit seiner Kollegin, diese wendet sich sofort an eine Kundin – ich kann es kaum glauben. Ich komme mir vor wie ein Filmstar. Die Kundin beginnt mich sogleich auszufragen, woher ich käme, wie ich heiße und warum ich unbedingt zu Vélez wolle? Ich stehe ihr Rede und Antwort, erfahre meinerseits von ihr, dass sie in San Francisco lebe und daher so gut Englisch könne. Währenddessen recherchiert der junge Mann im Internet nach der Telefonnummer von Vélez, ruft wahrhaftig dort an, um sich zu erkundigen, ob denn die Adresse gegenüber vom Palast des Vizepräsidenten überhaupt richtig sei? Aach, sie seien umgezogen? In die Av. de Valparaiso? Das erkläre natürlich alles. Die Av. de Valparaiso ist bedeutend näher, mit dem Taxi in zehn Minuten erreichbar. Vielen, herzlichen Dank, muchas gracias. Als ich den Laden verlasse, läuft mir der junge Mann hinterher. Ob ich den Panecillo schon gesehen habe? (Das ist ein riesiger Hügel mitten in der Stadt, auf dem eine Statue der Jungfrau Maria steht.) Wenn nicht, und falls ich ihn besichtigen wolle – er biete sich mir zur Begleitung an, er heiße übrigens Diego. Ob ich seine Nummer notieren wolle?

Das ist mir schon öfters passiert, diese überbordende Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die ich aber gar nicht als aufdringlich empfinde. Obwohl ich weiß, dass ich hier nicht telefonieren kann, tippe ich seine Nummer ins Handy ein. Während unseres Gesprächs (besser gesagt Monologs) hält Diego alle paar Sekunden, sobald ein Taxi näherkommt, seinen Daumen hoch wie ein Anhalter. Es dauert nicht lange – nur etwa zehn oder zwölf Taxis – bis eines hält, ich mich bei Diego bedanke, der mich überschwänglich umarmt, als seien wir seit Jahrzehnten die engsten Freunde, und zu dem nett grinsenden Taxifahrer einsteige. So lerne ich Cesar kennen.

Der Cousin von Franz Beckenbauer fährt mich zu der gewünschten Adresse inmitten eines Wohnviertels. Hier soll das berühmte Café Vélez sein? Die Adresse ist N24-296. Das N steht für Norden. Es ist also das 296. Haus der 24. Straße in Nord-Südrichtung. In Quito ist alles so wunderbar unkompliziert.

Das Haus Nr. 296 ist ganz offensichtlich eine Privatwohnung. Das Gartentor ist aus Metall, links sieht man durch eine kleine Luke mehrere Klingelknöpfe mit Namen. „Ecuador, Terra incognita“ steht dort. Ich komme mir vor wie in einer absurden Erzählung. Weitere Namen: Gonzales undsoweiter, und tatsächlich, mit Handschrift und Kuli auch „Café Vélez“. Ich klingele. So fest entschlossen bin ich, Vélez‘ Café zu probieren, dass ich mich auf unbekanntes Gebiet vorwage – in die terra incognita. Nichts geschieht. Noch einmal. Jetzt! Ein elektronisches Schnarren ertönt. Die Verriegelung schnappt auf, das Tor lässt sich quietschend öffnen. Ich betrete den Garten, wage kaum zu atmen. Terra incognita! Vélez!

Ein paar Stufen führen zum Haus hinauf. Die Haustür ist verschlossen. Hinter den Glasscheiben ein langer Flur, an dessen Ende bewegt sich eine Gestalt. Ich klopfe. Die Gestalt hält an, dreht sich um, kommt auf die Tür zu. Endlich! Wieder mal ein junger Mann (wo sind denn nur die Senioren in diesem Land? Aber die Jungen können wenigstens alle Englisch). Ich wolle ins Café Vélez, ich hätte davon gehört, es sei mir sehr empfohlen worden. Ob ich wohl mal probieren könne? Der junge Mann nickt (er wirkt sehr beschäftigt), bittet mich herein und zeigt auf ein Büro an der linken Seite des Flurs. Darin sitzt eine freundliche Sekretärin, ebenfalls weit unter dreißig. Nach den üblichen Begrüßungsfloskeln (Como estas, etc.) erkläre ich wiederum mein Anliegen, erzähle meine Geschichte, wie ich an diese Adresse gekommen sei, dass ich eigentlich gemütlich in einem öffentlichen Caféhaus habe sitzen und den berühmten Kaffee Vélez mit Ausblick auf den Palast des Vizepräsidenten direkt gegenüber habe genießen wollen, aber in einem Internetcafé mit Hilfe von drei oder vier hilfsbereiten Personen erfahren habe, dass Vélez wohl umgezogen sei, und ich nun mit dem taxifahrenden Cousin von Franz Beckenbauer ebendorthin gelangt sei. (Das mit Beckenbauer lasse ich weg, ich erwähne es hier nur aus Freude am Absurden). Noch während ich diese umständliche Geschichte formuliere, zeigt die freundliche Sekretärin bereits mit dem Kuli auf ein Regal neben dem Schreibtisch und fragt lächelnd: „Mulido o grano?“ (Gemahlen oder ganze Bohnen?) Ich folge der Zeigerichtung des Kulis. Und tatsächlich: zwischen den Akten türmen sich Plastikpackungen voller Kaffee, abgepackt zu je 340 Gramm, beschriftet mit:

Café de Altura-Ecuador

VÉLEZ

Mir kommt es vor, als erblickte ich den Heiligen Gral. So etwa muss sich Indiana Jones in „Jäger des verlorenen Schatzes“ gefühlt haben. Ich deute auf eine Packung, sage „mulido, por favor“, sie lächelt, nickt, überreicht sie mir. „Cinco Dollar y cincuenta, por favor.“ Fünf Dollar fünfzig. Ich bezahle, bedanke mich, verlasse das Haus, mit elektronischem Schnarren öffnet sich das Gartentor. Wunderbar, dass in Quito alles so unkompliziert ist.

In Bernados Haus

Der letzte volle Tag meines Aufenthalts in Quito. Bernado hat mich zu sich eingeladen. Er kommt um zehn zu Lincoln, das Klappern seines blauen Nissan kündigt ihn bereits eine halbe Minute vorher an.

Dieser Nissan ist ein Haudegen. Vierzehn Jahre alt, der Tacho verkündet über vierhunderttausend Kilometer. Das sei bereits die zweite Runde, erzählt Bernado, der sechsstellige Zahlenkranz habe schon einmal die Million vollgemacht. Eine Million und vierhunderttausend Kilometer. Fünfunddreißigmal rund um den Äquator.

Es gibt nur eine Kurbel für zwei Fensterheber. Will der Beifahrer sein Fenster runterkurbeln, muss der Fahrer die lose aufgesteckte Kurbel auf seiner Seite rausziehen und sie rüberreichen. Dann kurbelt der Beifahrer sein Fenster runter und gibt die Kurbel zurück.

Die Fahrt dauert an die zwei Stunden. So lange brauchen wir, um uns durch den sonntäglichen Stau zu arbeiten. Intensiver Benzingeruch im ratternden Nissan.

Bernado ist der Neffe (und das Patenkind) von M. Er ist etwa vierzig Jahre alt, ist Biologe, Ornithologe vor allem, und hat mit seiner Frau vier Kinder: die Jungs José und Nicolas, die Mädchen Isabella und Maria-Bernada. Der Älteste ist vierzehn, die jüngste sieben. Sie alle werde ich heute kennenlernen.

M. liebt Bernado innig. Er ist ein sanfter Mann von jungenhaftem Aussehen. Er liebt es, mit den Händen zu arbeiten, und hat uns beim Auf- und Abbau der Konzertinstallation unschätzbar geholfen. Meistens arbeiteten wir zusammen, und Bernado hat mir erzählt, wie sehr er den Schwarzwald liebt, und alles, was damit zusammenhängt: Kuckucksuhren, Wasserfälle, Mühlräder, Tannenwälder. Als er acht war, habe M. ihm aus Freiburg eine Kuckucksuhr mitgebracht. Seitdem sei diese Liebe zum Schwarzwald ihn ihm nicht wieder erloschen. Er war noch nie in Deutschland, tatsächlich hat er in seinem ganzen Leben noch niemals Ecuador verlassen. Sein Wunsch, Deutschland zu sehen, die Schweiz, Frankreich, Irland und Norwegen, ist stark. Mein Wunsch, so bald wie möglich nach Ecuador zurückzukehren, ist ebenfalls stark. So können wir uns nicht einigen, wer im nächsten Jahr den anderen besuchen wird: Bernado mich oder ich Bernado. Es hängt auch davon ab, ob er sich ein Flugticket wird leisten können. Im Moment hat er kein Einkommen, keine bezahlte Arbeit, alles verdient seine Frau.

Dabei arbeitet er den ganzen Tag, ruhig und voller Freude. Er versorgt seine drei Schweine und ein paar Hühner, er baut Holzgehäuse für mechanische Wanduhren, er fertigt kleine Miniaturhäuser nach den Wünschen künftiger Hausbesitzer an, die dann in groß realisiert werden. Sein Sohn José hat ebenfalls Freude am Handwerk. An dem Tag, wo ich Bernado besuche, ist er dabei, eine Schatulle für sein Gitarrenplektron anzufertigen. Die Schatulle hat selbst die Form eines großen Plektrons und besteht aus zwei Hälften, die sich gegeneinander aufschieben lassen. In der Mitte ist ein Hohlraum, in den das Plektron exakt hineinpasst.

Auch sein eigenes Haus hat Bernado selbst gebaut. Zwei Jahre hat er dafür gebraucht, mit Hilfe von zwei Freunden hat er sich auf einem riesigen Grundstück ein dreistöckiges, wunderbar verwinkeltes Heim aus Stein, Mörtel und Holz errichtet. Jede einzelne Tür im Haus ist von ihm selbst gezimmert. Die Eingangstür ist zweiflügelig, wenn man sie schließt, bilden die Querstreben das Abbild einer quadratischen Sonne.

Jedes Detail ist exakt nach seinen Vorstellungen entstanden. Die Stühle im Wohnzimmer bestehen aus – ausnahmsweise gekauften – knorrigen, dunkel lackierten Holzteilen. Auf einem gemauerten Sims reihen sich Weckeruhren aneinander, dreißig, vierzig tickende Geschöpfe, seine Leidenschaft. An ihrem ersten gemeinsamen Tag, erzählt er, den er und seine Familie im neuen Heim verbracht hatten, habe er alle Wecker auf sechs Uhr eingestellt. Sie seien gleichzeitig in der Frühe losgegangen, vierzig Stück. Sonst sei er eher ein Freund der Stille.

Der Sohn José malt auch, mit seinen vierzehn Jahren. Seine Bilder zeigen Sonnenuntergänge, Palmen am Strand, nächtliche Szenen aus der Natur. Kräftige, leuchtende Farben. Ein paar seiner neuesten Werke gehen schon in Richtung Abstraktion, auch sie sind voller Farbkraft. Ein eigenständiger Künstler und Kunsthandwerker reift in ihm heran.

Bernados Haus liegt an einem steilen Abhang, von der Straße aus ist ein großes, zweiflügeliges Holztor (natürlich von ihm gebaut) das Einzige, was von seinem Grundstück sichtbar ist. Auch dieses Tor bildet eine Sonne ab, wenn man es schließt. Es stehe aber immer offen, sagt er, das sei mit dem nicht allzu wendigen Nissan bequemer.

Die Häuser seiner Nachbarn stehen alle auf dem Höhenniveau der Straße. Als wir durch das hölzerne Sonnentor zuckeln, hinter dem es sowohl scharf rechts als auch steil nach unten geht, habe ich das Gefühl, in eine friedliche, grüne, lichtdurchflutete Unterwelt hinabzutauchen, unsichtbar für gewöhnliche Augen. Die Abfahrt ist grasüberwuchert, nach ein paar Metern wendet sie um hundertachtzig Grad nach links, und jetzt fahren wir auf das Haus zu.

Es sieht aus wie eine Mischung aus amerikanischem Blockhaus und Schwarzwaldhütte. Ein merkwürdiger Stilmix und doch eine wunderbar harmonische Einheit. Das rot geziegelte Dach ist sanft geneigt. Eine Terrasse, deren Stützen aus knorrigen, unbearbeiteten Holzstämmen bestehen, umwindet das gesamte Haus. Als wir parken, kann ich das Grundstück dahinter erkennen: Es erstreckt sich, sanft abfallend, weit ins Tal hinaus. In der Ferne, etwa hundertfünfzig Meter entfernt, erahne ich einen kleinen Bach. Der sei die Grenze zum Nachbargrundstück, sagt Bernado. Auf der Wiese des Nachbarn grasen Kühe.

Wir steigen aus. Fast völlige Stille umgibt uns. Das Gras ist kurz geschnitten (gestern gemäht, sagt Bernado), die Mittagssonne ist angenehm, die Terrasse schattig. Es riecht nach warmem Holz. Der Terrassenboden ist mit bunten Mosaiksteinen gefliest. Vor der zweiflügeligen Haustür sind sie zu einer spiralförmigen Sonne angeordnet.

You are the son of the sun, sage ich scherzhaft zu Bernado. Darüber lacht er. Yeah, that‘s true.

In diesem Augenblick erscheint neben meiner rechten Schulter ein riesenhaftes, hechelndes Wesen aus flauschigem, weißen Fell. Es schmiegt sich an mich, leckt mir die Hand mit einer rauhen, feuchten Zunge, legt eine Pfote mit warmen, harten Krallen sanft auf meinen Unterarm. Die Augen leuchten perlig-weiß, die Pupillen sind senkrechte, schwarze Schlitze. Ein Wolfshund, ein Husky, der sofort Freundschaft mit mir schließt. Ich fühle mich geehrt, berührt, geliebt.

His name is Akamaru, sagt Bernado. José habe den Namen ausgesucht, er sei japanisch. Eines Tages habe José den Hund auf der Straße gefunden, ohne Halsband und in schlechtem Zustand. Er habe ihn mit nach Hause gebracht und gesund gepflegt. Seitdem lebt Akamaru bei ihnen, verbringe die Nächte und Vormittage im Haus, würde aber jeden Nachmittag viele Stunden durch die entfernten Wälder streifen. Er sei den Wölfen näher als jeder gewöhnliche Haushund. Tatsächlich dauert es auch nicht lange, bis er unruhig wird und durch die Büsche verschwindet. Ich werde ihn an diesem Tag nur noch ein einziges Mal sehen.

Jetzt ist Maria-Bernada gekommen, die Jüngste in der Familie. Sie ist anfangs scheu, ist aber sehr neugierig auf den Fremden, der da mit Papa gekommen ist. Immer wieder sucht sie Blickkontakt, zupft mich sanft und spielerisch an der Hose, lädt mich zum Spielen ein. Ich setze mich zu ihr auf die Terrasse. Sie spricht kein Wort, sondern schaut mich nur immer wieder mit großen, dunklen Augen an. Und ich schaue sie an. Sie zeigt mir ihre Schätze: wunderbare Murmeln in allen Größen und Farben. Und manchmal lächelt sie, immer öfter.

Ihr Lieblingstier ist ein Stoff-Frosch. Ich nehme ihn und lasse ihn „sprechen“: Quaak, quaak. Sie ist hingerissen. Ich verstecke mich hinter einer Hausecke und lasse nur den Frosch erscheinen, vorsichtig, langsam, und dann plötzlich hervorspringend, immer wieder. Sie kugelt sich vor Lachen.

Auch Isabella schaut uns jetzt zu. Sie ist ein wenig unnahbarer, mit ihren zwölf Jahren eben die „Große“. Sie kann sich nicht recht entschließen, mit uns zu spielen.

Nach einer Weile schlägt uns Bernado vor, zum Bach runterzugehen. Wir wandern gemächlich über die Wiese. Immer wieder mache ich Fotos mit meinem Handy. Maria-Bernada ist davon fasziniert. Als wir am Bach sitzen, gebe ich ihr das Handy, und sie findet selbst heraus, wie man Fotos macht, wie man sie anschaut, wie man durch Fingerwischen hin- und herblättert. So entstehen einige kuriose Bilder von mir, auf denen nur die Nase, nur der Mund oder nur das Ohr zu sehen sind.

Wir sitzen am Bach und lauschen. In der Regenzeit steige das Wasser wohl um das Fünffache an, sagt Bernado, die Mulde, in der wir sitzen, sei dann überflutet. Ich überlege. Wenn man am Ende der Mulde den Bach aufstauen würde, hätte man hier ein wunderbares Schwimmbassin. Ja, daran hätte er schon gedacht, sagt Bernado. Er habe vor einigen Jahren begonnen, weiter oben auf der Wiese ein Becken auszuheben, aber eines Nachts sei so starker Regen niedergegangen, dass das Loch am Morgen wieder mit Schlamm gefüllt war. Ich meine, man müsste eine Art Schleuse bauen, die den Bach während der Trockenzeit staut und die man bei Hochwasser öffnet. Für ihn müsse das doch eine Kleinigkeit von einigen Tagen sein? Er denkt ernsthaft über meinen Vorschlag nach. Wir laufen ein paar Schritte auf den Rand der Mulde zu. Hier wäre die ideale Stelle. Ich biete ihm an, im nächsten Jahr wiederzukommen und ihm beim Bauen zu helfen. Er sagt sofort zu, schlicht und selbstverständlich.

Er erzählt mir von seinen Plänen. Für Touristen möchte er täglich geführte Wanderungen in die Umgebung anbieten und den Gästen die Vögel und Pflanzen zeigen. Weit in der Ferne kann ich den spitzen, schneebedeckten Gipfel des Kotopaxi erkennen. Zweieinhalb Stunden entfernt.

Sofort kommen auch mir Ideen. Wie wäre es, wenn ich Klangmassagen, Yogastunden, Meditationen und Obertongesang anbieten würde? Das Haus ist groß genug, man könnte ein eigenes Klang-und-Stille-Zimmer darin einrichten. All diese Ideen nimmt Bernado auf, offen und aufmerksam.

Aus dem Haus ruft Elsa-Maria, Bernados Frau, uns zum Essen. Gemütlich wandern wir zurück. Unterwegs halten wir noch bei den Schweinen an. Als sie merken, dass sich Menschen nähern, werden sie aktiv, fangen an zu quietschen, grunzen und stöhnen. Sie schieben sich zu dritt neugierig an ihr Gatter, begrüßen uns mit triefenden Mäulern. Aus irgendeinem Grund muss ich an Disneys Drei kleine Schweinchen denken. Dass es auch ausgerechnet drei sind! Das verstärkt noch das Gefühl, mitten in einem Märchen zu sein.

Elsa-Maria begrüßt uns, wie alle ecuadorianischen (und wohl alle südamerikanischen) Frauen mit einem feurigen Kuss auf die Wange. Sie spricht nur Spanisch, ist herzlich und einladend. Sie hat gekocht: Würstchen mit Spiegelei, Reis, einen Salat aus Tomaten und Gurken, und kleine Pfannkuchen aus Kartoffeln, die entfernt an Schweizer Rösti erinnern. All dies ist eigentlich sehr europäisch. Dazu gibt es einen frischgepressten Saft aus Maracujas, die Bernado und ich auf der Herfahrt gekauft hatten.

Mir fällt auf, dass fast die ganze Familie bei der Zubereitung der Mahlzeit beteiligt war. Bernado hat eingekauft, Elsa-Maria und Nicolas hatten gekocht, Isabella den Tisch gedeckt. Als José kommt, (der draußen an seinem Plektrum-Kästchen gearbeitet hatte), schneidet er die Würstchen für seine kleine Schwester in mundgerechte Happen.

Hinterher gibt es noch selbstgebackenes Brot mit Käse aus eigener Herstellung. Ich frage Elsa-Maria, wie sie denn den Käse mache? Sie erklärt es auf Spanisch, ihr Mann übersetzt. Sie holen frische Kuhmilch vom Bauern (sie muss warm und unbehandelt sein), rühren sie schaumig, schöpfen den Rahm ab und geben spezielle Bakterien, die man in einem bestimmten Laden kaufen kann, in die entrahmte Milch. Nach etwa vierzig Minuten haben die Bakterien die Milch in eine zähflüssige Masse verwandelt, die schon recht käseähnlich ist. Einen Tag später dann ist der Käse genussbereit.

Er schmeckt himmlisch, umso mehr noch in der Gewissheit, dass sich nichts Unnatürliches darin befindet: kein Farbstoff, kein Konservierungsmittel, kein Geschmacksverstärker. Der wäre auch gar nicht nötig. Der Käse hat einen kräftigen, angenehmen Eigengeschmack.

Ich bin vollkommen gesättigt. Es gibt noch Tee, vermischt mit frischem Orangen- und Zitronensaft. Ich fühle mich wie im Siebten Himmel.

Nach dem Essen zeigt mir Isabella die übrigen Wohnräume. Das ist doch eine Aufgabe für die „Große“! Die beiden Jungs teilen sich ein Zimmer, Isabella und Maria-Bernada haben jeweils ein eigenes. Auch das Schlafzimmer der Eltern zeigt sie mir. Alle Zimmer sind äußerst spartanisch eingerichtet, aber urgemütlich. Nichts ist hier zuviel. Die Abwesenheit von unnötigen Dingen empfinde ich erleichternd. Sogar die Eltern schlafen auf einfachen Matratzen in einem Zwischenboden knapp unter der Decke, wo man mit einer Hühnerleiter raufsteigt. So wie bei Pablo.

Jedes Schlafzimmer hat sein eigenes Bad mit Dusche und Toilette. Das Toilettenabwasser, erläutert Bernado, werde in einem unterirdischen Tank gesammelt, das Wasser gefiltert und fließe dann erst in die Kanalisation. Den Tank müsse man etwa alle zehn Jahre reinigen. Das stelle ich mir unbeschreiblich widerlich vor, aber Bernado sagt, als er vor sechs Jahren den Tank zum ersten Mal öffnete, sei beinahe gar nichts drin gewesen. Menschliche Exkremente verwesen und lösen sich einfach in Luft auf, vielleicht mit Hilfe von Bakterien oder so. Das ist eine völlig neue Information für mich. Bernados Ideal sei es, den Ort, an dem er lebt, so wenig wie möglich zu verschmutzen. Ich umarme ihn.

Es gibt noch ein Gebäude auf diesem ausgedehnten Grundstück. Ein Schuppen, in dem ein weißes Motorrad steht, eine Vespa. Mit fährt er regelmäßig in die Stadt, wenn er nichts Großes einzukaufen hat. Sofort bekomme ich Lust, eine Runde damit zu drehen. Ok, let‘s go, sagt Bernado. Er findet einen zweiten Helm für mich, manövriert die schwere Maschine aus dem Schuppen und fährt sie knatternd den Hang hinauf. Oben am Sonnentor steige ich hinter ihm auf den Sattel. Ich umarme seine Brust, um mich festzuhalten. Erstaunt stelle ich fest, wie muskulös er ist. Wenn man ihn nur anschaut, wirkt er eher zierlich.

Bernado gibt Gas. Die Straße ist frisch asphaltiert, er schaltet in rascher Folge durch die Gänge. Wunderbar. Wie der Flug des Kondors, nur kleiner. Mit einer Hand halte ich mich fest, mit der anderen lasse ich das Kameraauge meines Handys über die vorbeibrausende Landschaft schweben. Gartenzäune, Laternen, Häuser, Bäume. Die meisten Hunde, denen wir begegnen, springen kläffend und bellend vor uns auf die Spur. Bernado weicht nicht aus, die Hunde springen erst in letzter Sekunde zurück und laufen dann hechelnd neben uns her, bis wir sie abgehängt haben. Was für ein Spaß.

In der Abendsonne glänzt die Schneespitze des Kotopaxi klar und weiß. Wie der Fujiyama sieht er aus. Ich weiß nicht wohin vor Glück. Ecuador hat mich reich beschenkt, jeder Tag hat so viele Geschenke für mich bereitgehalten, und ich habe sie alle angenommen, geöffnet, ausgeschlürft, genossen. Ich bebe vor Freude, und wieder habe ich nur einen einzigen Gedanken im Kopf: Danke, danke, danke für alles. Gracias para todos.

Dublin

Dublin, 15. bis 22. Juni 2002

15. Juni

Ich begebe mich auf eine Irrfahrt.

Eine alte Dame im Zug, mich erinnernd an meine Ur­großmutter. Zurückge­stecktes erweiß­tes Haar. Sicher lang, wenn offen. Seit dem Kriege so? Lan­ges Haar: un­züchtig. Leicht zu haben. Männergeil­fangseil.

Was sie denkt? Wie sie denkt? Joyce hätte es sich den­ken können. Wenn sie auf­steht: Herrin der Si­tuation? Oder unsicher, fühlt sie sich beobachtet? Ge­nerelle Res­sentiments gegenüber der Jugend? Oder offen? So wie ihr Haar nicht ist. Ver­passtes Leben? Erfüllt? Kinder? Enkel? Witwe? Lesbisch?

Auf dem Mannheimer Bahnhof wartet ein Mann, raucht und saugt an einem Saftpäckchen. Hat was von ei­nem Schulbub an sich. Und dagegen, kontra­punktisch, männ­liche Züge: dunkler Teint, schwar­ze Haare, kantiges Ge­sicht, finstere Augenbrauen. Zigarette schnippt er ex­trem kurz berechnet – zack. Hält das (kindli­che) Saftpäck­chen aber genauso wie eine Zigarette: zwischen Mittel- und Ringfin­ger, saugt daran, als würde er rau­chen. Verlan­genschon nach der nächsten, wäh­rend die eine noch. Ist wohl Theaterkriti­ker. Und/oder drogen­süchtig? Autome­chaniker eher nicht. Habe mit einem sol­chen gestern geschlafen. Die sind anders.

Jetzt setzt sich einer dazu, der sieht aus wie: R. M. Er scheint weniger inter­essiert zu sein als der er­ste an sei­ner Umgebung, starrt mehr auf dem Boden schräg vor sich, während der Kritiker (er ist jetzt einer für mich) al­les und al­le beguckt, er ruckt zack den Kopf und fokus­siert neu seinen Blick.

Zwischen beiden entwickelt sich ein Feld der Nichtkommunikation. Das geht bei der Ta­sche des Kri­tikers zwi­schen ihnen los. Dann: Blicke weichen ein­ander aus, wie auf Kom­mando. Zwei gleichge­polte Ma­gneten. Es ge­hört ei­ne feine Sensibili­tät dazu, Blickbe­wegungen des jeweils anderen gleichzei­tig so zu beob­achten und be­wusst zu missachten, dass man beim klein­sten An­zeichen der Gefahr einer Blickkreuzung sofort aus­weichen kann. Das trainie­ren wir im Autoverkehr.

Frankfurt.

Es ist, wenn man die Sperren, den „Zoll“, die Leibeskontrolle passiert hat, ein Zu­stand der Reinen und Be­freiten erreicht.

Man wartet, erwartet den Ruf gen Himmel, an der letz­ten Ruhestätte vor dem endgültigen Transport dem Zie­le zu. Der ganze Vorgang, den man, als gewöhnli­cher Reisender, höch­stens im Jahre zwei­mal übersteht, hat durch­aus etwas Christ­liches, Katholisches. Und ebenso wenig, wie man jemals die Kommunion nicht mit wenig­stens einem Anflug vom Schaudern vor der praesentia divina, der suggerier­ten, wird empfangen kön­nen, nimmt man nicht völlig unbeteiligt im Innern den Vor­gang der Überprüfung seiner Flug­würdigkeit in Kauf.

Abflug in sechzig Minuten.

Flug 657, Reihe 13 F, Dest. Dublin.

Sitze zwar am Fenster, aber genau über der Tragfläche. Deshalb ist die Drei­zehn eine Unglückszahl: sie liegt ne­ben der Tragfläche.

Löse von der Welt mich los.

Gilt etwa der Satz: Wie auf Erden, so im Himmel? Es gibt Schichten in der Atmo­sphäre, coelolo­gisch betrach­tet. Eine Wolkensortenschicht über der an­dern, manch­mal durch mehrkilometrige Zwi­schenräume ge­trennt. Analog zu den geolo­gischen Schichten der Er­de, aber mit dem Unterschied, dass sie sich ungleich dün­ner und ätheri­scher, täglich, ja stündlich erneuern und ver­ändern.

Dublin.

Schon beim Landeanflug habe ich mich in das Land ver­liebt. Grüne Felder weit, aber nicht im Carré wie in Deut­schagrarland, sondern schön individu­ell jedes, ge­flickt, von dunkelgrünen Hainstreifen umgrenzt.

Darüber schwergrauer Himmel.

Mein erster Kontakt mit der Stadt: im Herzen der hiber­nischen Metropole, das Trinity Col­lege. Der Beginn mei­ner Irrfahrt. Zum Brewery Hostel, in dem ich die Woche verbringen werde, hab ich mich laufend durch­gefragt. Das Haus ist ausver­kauft, ich teile mir das dor­mitory mit fünf Jungs. Bisher sind hier drei: Tom, Jack und einer, der schon schläft.

16. Juni

Jetzt beginnt mein Bloomsday also doch an einem Turm.

Viel zu früh aufgestanden. Kalt geduscht, dann Wande­rung aufgenommen. Atmo­sphäre unbe­schreiblich. Er­warte jetzt den Sonnenaufgang, dann zu­rück ins Hostel zum Frühstüc­ken.

Was im Dämmerlicht von dieser Kriegersäule aussah wie Jagdhunde, die starr auf ihren Befehl war­ten, ent­puppt sich jetzt mit zunehmender Himmels­leuchtkraft als äsende Rehe, darüber Krähen.

11 Uhr.

Bin zuerst in Richtung Windmill Lane gelaufen, liffeyab­wärts, dem „Lotos“-Kapi­tel folgend. Eine Gruppe Joycea­ner brachte mich auf den richtigen Weg zur Ec­cles Street 7. Ist heute ein Mater Hospital, die Numme­rierung muß sich geändert ha­ben. Erstaunte Blicke der Emp­fangsdamen, ihre Frage: „Do you re­quest to meet all that persons?“, im Hintergrund ein Doktor flüsternd: „But that’s all a legend, only.“

Dann stand ich, ohne Schlüssel, vor dem Original-Bloom-Haus. Heute be­wohnt von je­mandem, den ich nicht be­lästigen wollte mit der Frage, ob ich mit ihm zu­sammen in sei­nen Garten pinkeln dürfte. Laut Buch wä­re es dafür ohnehin viel zu früh. Frage mich, wie Bloom ums Haus gegangen ist, nach­dem er über den Zaun ge­klettert war. Oder standen damals die anderen „äquidiffe­rent“ numerierten Häu­ser noch nicht?

Zum J.-J.-Center. Hätte dort fast viel zu viel gekauft, aber doch immerhin Ulysses im Ori­ginal – mit den An­merkungen, auf die ich so scharf war – und einer Ulys­ses-Karte. Also, auf den Weg.

Nachdem ich „Hades“ verpaßt hatte und auch nicht ge­badet hatte, hieß mei­ne nächste Station „Äolus“ – also Daily Telegraph. In der Prince’s Street fand ich – nichts, noch nicht einmal die bronzenen Ta­fel im Fußweg. (Erst später fielen mir einige davon ins Auge, von der O‘Con­nell-Bridge bis zur Graf­ton Street.) Ärger­lich. Hätte gern ei­nen „Freeman‘s“ ge­kauft. Weiter ging‘s, jetzt fing es an zu reg­nen, zu Byrne‘s, um dort mit den ande­ren Lästrygonen Gorgonzola zu fressen und herzstär­kenden Wein zu schnüffel­süffeln. Davy Byrne‘s ist in der Duke Street, rechts ab von der Grafton, und Blooms Lunch gibt es dort nur am 16. Juni. Ich mag aber keinen Gorgonzo­la, also kom­binierte ich eigenen Wunsch mit literari­scher Vorgabe (oh­nehin gaben sich meine Erleb­nisse und Joyce’s Szenari­en den ganzen Tag auf in­teressante Weise die Hand) und bestellte ein Schin­kensandwich und einen Burgun­der. Kam dabei ohnehin billiger weg.

Im Buch findet 1904 ein Pferderennen statt, der Bloomsday 2002 war beglei­tet vom WM-Spiel Ir­land gegen Spanien. Ganz Dublin hing in den Pubs vor dem Fernseher, wer durch die (auch vom Re­gen) leergefeg­ten Stra­ßen lief, konnte ge­legentlich ein simultanes „Ge­brüll auf den Gassen“ (Ste­phen) aus allen Ecken ver­nehmen.

Saß also bei Byrne’s und schaute das Spiel an. Anson­sten bin ich wenig an Fußball inter­essiert, aber das hier fand ich spannend. Also blieb ich bis zum Schluß, brüllte glücklich für Irland und jaulte ver­zweifelt ge­gen Spani­en, bis wir alle gemeinsam im Pub ein 1:1 er­schrien hat­ten. Zwischendurch trank ich mein erstes Guinness (good stuff) und wurde da­von noch glücklicher.

Die Nationalbibliothek wäre als nächstes für „Scylla und Charybdis“ drange­wesen, aber es war Sonn­tag, und sie war geschlossen. Fand ich nicht gut.

Hilft nichts, auf zu – „Irrfelsen“? O nein, viel zu viel. Ich kann nicht gleich­zeitig an zehn Punkten der Stadt sein. Blättern wir weiter, dann stoßen wir auf „Bronze by Gold, heard the hoofirons, steely­ringing.“ Genau, die Sire­nen dräuten im Or­mond-Hotel.

Hätte ich Postkarten gehabt, ich hätte sie dort geschrie­ben, wie Bloom an Martha Clifford. Aber es war mir dort zu laut. Watte oder Wachs? In die Ohren. Statt iri­scher Balladen (Croppy-Boy, zum Bei­spiel) laute Boxenmu­sik. Die Sirenen waren außerdem zu männlich.

Also, nur einen Kaffee, dann eine der verkleideten Molly Blooms angespro­chen, die hier herumsa­ßen, um von ihr zu erfahren, daß im Konferenzraum des Hotels gleich ei­ne Lesung stattfinden würde. Bin ich also hin, als wahr­scheinlich einziger Deutschsprachiger.

Der Rezitator verlas „Gas from an Burner“, ein Poem, das Joyce nach der Ver­brennung seines Manu­skriptes zum Portrait verfaßte. Anschließend gab es eine semi-szenische Darstellung von „A little Cloud“ aus den Dub­liners, dann eine Zu­sammenfassung der „Irr­felsen“. Da­vor bin ich aber ge­gangen. Mein Zeitplan drängte mich zu Barney Kiernan’s.

B. K. ist aber geschlossen – der Zyklop nicht anwesend. Im Pub nebenan „fiel“ ich in die Hände drei­er launi­ger alter Herren, die mir einen interessan­ten Abend ver­sprachen. Ob ich unter normalen Um­ständen einge­willigt hät­te, ist fraglich, aber heute wollte ich mich ganz den (gelenkten) Zufällen des Ta­ges hingeben. Also folgte ich ih­nen ins „Inn on the Liffey“, das ist, wie ich sofort zu meiner Freude er­kannte, eine Gay-Bar. Übri­gens in der Nä­he des Ormond. Das ganze Quay scheint fest in schwuler Hand zu sein.

Im „Inn“ war es extrem voll, schon um sieben Uhr. Das Guinness floß in Strömen, ich glau­be, fünf Pinten hinter­einander haben wir gekippt. Natür­lich dachte ich die ganze Zeit, daß meine drei Beglei­ter sämtlich war­me Brüder seien, die es auf mich „abgesehen“ hatten. Und war am Überle­gen, wie ich nachher da wieder rauskom­men sollte. Dem war nicht so, wie sich heraus­stellte – al­le drei waren glücklich verheiratet, hatten Kin­der und Enkel und gingen nur so zum Spaß gelegentlich in ein schwules Pub. Daß ich meiner­seits warm drauf sein könnte, haben die drei gar nicht bedacht. Wir hat­ten ei­nen riesigen Spaß bei der Sache, meine Zyklopen und ich. Wir alle vier wa­ren „einäugig“ ge­wesen – wir hatten den anderen gar nicht voll­ständig gese­hen. Also noch ein Guinness auf dieses ge­klärte Mißverständnis, das oh­ne weiteres von Joyce hätte stam­men können.

Um neun waren die drei so dicht, daß sie kaum laufen konnten. Sie verab­schiedeten sich alle sehr warm und herzlich von mir, und ich zog nach neben­an, um eine schwule Sauna aufzusuchen. Die war ganz okay, wenn auch et­was teuer. Auf je­den Fall hatte ich viel Spaß dar­in – mit Alan, dem jungen Iren (33 war er), der sehr in­teressiert an deutscher Politik war. Echt sympa­thisch.

Ziemlich angenebelt verließ ich nach einer Stunde die Sauna – Sandymount für „Nausi­kaa“ war zu weit, außer­dem hatte ich meine Voyeur- und Wichss­zene schon gehabt, also hieß es, Dr. Hornes Ge­burtsklinik in der Hol­les-Street aufzusu­chen. Helios-Rinder. Hopsa, ein Jungeinjung. Um elf war ich dort – und wirklich: wenn man frontal auf das Ge­bäude zugeht, hat es etwas Fruchtbar-Ursprüngli­ches an sich.

Ich klopfte – statt einer Klingel gab es nur einen schmie­deeisernen Griffklop­fer – und ein junger Nachtwäch­ter öffnete. Verwirrte Blicke auf meine Fra­ge, ob ich ei­nen Blick hinein­werfen könnte – aber: ja, ich durfte.

Er ließ mich nicht aus den Augen, während ich das Foy­er mit den Warteses­seln für wer­dende Väter ansah, den billigen Computer hinter der Nachtwäch­tertheke und die Gedenk­tafel mit den Leitenden Ärzten seit dem 19. Jahr­hundert – ja, Dr. James A. Horne ist auch dabeige­wesen.

Meine Wanderung setzte sich fort. Jetzt kam ich zur Circe, der sinnverwir­rendsten Episo­de des Ulysses.

Zuerst wanderte ich in Richtung Liffey, kaufte unter­wegs gesalzene Chips – die Leute ha­ben hier die Ange­wohnheit, nachts überzählige Chips vor die Tür zu stel­len, um leidiger­weise die Tauben zu mä­sten – oder die Geister ru­hig zu stellen? Extrem angetrun­ken und voll­kommen befangen von der nächtlichen Romantik und Zerfallenheit des herun­tergekommensten Viertels von Dublin.

Der Weg war lang, aber nach fast zwei Stunden (kam mir so vor) betrat ich tat­sächlich die James-Joyce-Street, ehemals Sráid Mabbot, oder Mabbot Street, den Eingang zur Nacht­stadt. Schweine­metzger Olhou­sen hatte seine Rolläden schon heruntergelassen, daß ich al­so keinen lauwarmen Schafsfuß oder kalten Schweine­fuß mehr kau­fen konnte. Am En­de der Straße guckten drei Weiber von einem Bal­kon auf mich runter. Wo ist die Tyrone Street, fragte ich sie. Das wuß­ten sie zu­erst nicht, dann berieten sie sich, die drei Hu­ren (waren es welche?) und zeigten mir einen Weg. Da lang, dann hier, dann da, und – oh, jetzt, ohh, jaa, da ist es gut. Mach weiter so.

Die Tyrone Street heißt heute anders. Die Häuser waren mit irischen Flag­gen ge­schmückt (aber das waren sie überall in der Stadt) und in manche Fenster waren glä­serne Rosen eingelassen. Hinweis auf Bordelle? Ich wollte nicht klingeln, schon deshalb nicht, weil ich nicht das englische Wort für Bordell weiß, auch nicht das für Hure – prostitute oder so. Aber ich bin ziemlich si­cher, es waren welche, weil ein Herr an einer Tür klopfte, sei­nen Hut ab­nahm und hereingebeten wurde. Das war nicht der Familienvater dort, meine ich.

Bald hatte ich von diesem Viertel genug, ich mußte ja noch die Kutscher­kneipe aufsu­chen. Die Butt Bridge war nicht weit. Unterwegs fielen mir mehrere Fahrrad­wege auf, an deren Ende das Wort END gepinselt war. The END, the END. Dann ein moderner Pub, schon ge­schlossen, eine Leucht­schrift sein Name: D.ONE. De-Punkt-One. Es ist getan. Ich war fertig mit meiner lan­gen Reise durch den Ulys­ses, ich konnte Stephen und Bloom dis­kutierenderweise zurück nach Ithaka schic­ken und selbst die paar Meilen in meine Un­terkunft laufen.

St. Augustin Street, 2.30 am. Nur noch fünfzig Meter zum Hostel, in dem ich wohne, vor mir – und hinter mir ein ganzes Abenteuer, mit schmerzen­den Fü­ßen, viel Al­kohol, un­glaublich viel Spaß und einem phantastischen Gewe­be aus Fiktion und Wirklichkeit. Der Typ kam aus einer Seitenstraße, schritt schnell aus, dann war er auf meiner Höhe, preßte mich an die Mauer – „Whe­re’s your MO­NEY?!“ Oh Gott. Ein Messer. Ein Messer an mei­nem Hals. Wenn er jetzt – „Give me all your mo­ney, gi­ve it!!“ Ok. Panik. Schreckweite Au­gen. Ok. I’ll give you. Hand sucht Gesäßtasche, zieht Portemonnaie raus. Here. Take it. Er haut ab, hat mein Geld, meinen Aus­weis und alles, und hat mich am Leben gelassen. Kein Messer in meinem Bauch, keine durchgeschnittene Kehle. Schnitt happens. Good luck.

Im Hostel sofort Hilfe geholt. Polizei, Anzeige, weiter­führende Hilfe. Tou­rist Vic­tim. Mor­gen erledi­gen.

Wohin?

 17. Juni

Durch Stephen‘s Green zu Tourist Victim‘s.

Nächstens muß ich einen Wecker mitnehmen, der auch ohne Strom funktio­niert. Das Geld ist hier kompatibel, der Netzstecker nicht.

In der College Street gibt es einen Seifenladen, er heißt Lush. Darin sind die Sei­fen aufs lieblichste präsentiert, sie sehen aus wie leckere Dinge zum Es­sen: große Kä­seräder, kleine braunsüße Schoko­stückchen, gewürfelter Tür­kischer Honig, Eiscremekugeln, alles aus Seife. Mehr als eine halbe Stun­de habe ich darin ver­bracht, ha­be ge­rochen, probiert, geschaut. Mein Geruchs­sinn hat leider schnell re­signiert, so vielfältig und intensiv waren die Eindrüc­ke. Die Düfte wälzen sich als dicke Wolke zur Tür hinaus und umne­beln je­den Passanten. Beste Wer­bung. Ich denke, ich werde gelegentlich eine ex­klusive Seife dort bestellen. (Damit habe ich übrigens Blooms Drogeriebe­such abgehandelt.)

Mit der Dubliner Railway bin ich nach Booterstown, zur Deutschen Bot­schaft. Die Station liegt di­rekt am Meer, an der Dublin Bay, unterwegs kom­men Bahnhöfe wie Sandymount (Nausikaa) und Sydney Parade (tödli­cher Un­fall der Emily Sinico in Dubliners). Die Bot­schaft fand ich wohl, al­lein sie war schon zu. Also mal schau­en, was es hier sonst gibt – Martello Tower in Sandyco­ve? Sehr gut. Mit dem Zug nach Dun Laoghaire, zehn Minuten Fuß­marsch – eine unausweichliche Moda­lität inzwi­schen – unter­wegs frage ich mich, wo die Dalkey-Knaben­schule ist, an der Joyce und sein alter ego Ste­phen unterrichtet ha­ben (mit dem unsäglichen Mr. Dea­sy als Ne­stor.)

Auch der Martello Tower ist geschlossen. Macht nichts. Komme bald wie­der. Ha­be mich noch auf­gehalten und Männern beim Baden zugesehen – seit hundert Jah­ren bewegen sie unverändert ihre Beine in der froschgrünen, skrotumzusammen­ziehenden See. For­tyfoot Bathing Place.

Es ist acht Uhr abends, hinter Sandycove geht die Sonne unter. Hinter mir der Turm, der Ursprung des Ulysses – sein erstes Exemplar liegt darein – vor mir das Meer, der Ur­sprung allen Lebens – was heißt das? Was bedeutet es, daß ich hier bin, daß es das gibt, daß das Wahrzu­nehmende wahrgenom­men werden will? Liegt nicht in jedem Ding (im weitesten Sinne) ein Wille, der­art, daß alles zu uns spricht: Benütz mich (die nützlichen Gegen­stände), be­trachte mich (die schönen Gegen­stände)? Le­wis Carroll hatte recht: Trink mich. Auch die alten Hei­den, mit ih­ren Naturgeistern. Ein jedes Ding hat sein ei­gen Geist. Und an uns ist es, unsern Geist mit dem der Dinge zu verei­nen, daß wir antwor­ten auf den Ruf der nützlichen und schönen Gegenstän­de – und wenn‘s gut kommt, ant­worten wir auf den Ruf, der von allen aus­geht: Sei wie ich.

Per Existenz ist das Ich in der Welt – in Pflanze, Tier und Ding.

18. Juni

St. Patrick‘s Cathedral.

Altes Gestühl. An jeder Sitzfläche hängt hintendran eine Fahne, Etikett am Revers, sozu­sagen. Iri­sche Symbolik, Gaelic Symbolic. 22 Reihen zu 14 Stühlen, also über 300 ver­schiedene Wappen, kei­nes wiederholt sich. Eine kel­tische Harfe, des Wap­pen von Fer­managh, eine Kuhglocke mit der Jahres­zahl 432, ein Jägerbild, das aussieht wie aus ei­nem Kinderbuch, Christo au­spice regno. Die Viel­falt erstaunt mich. Der Boden allenthal­ben bedeckt mit Mosaiken, schöner als in jedem Bade­zimmer. Aber wahrscheinlich kommt‘s nicht an die Al­hambra heran. Mal verglei­chen.

Touristen, klickende Apparate, ein übender Organist. Fahnen an den Wän­den. Alte Lap­pen, englisch wie irisch, teilweise komplett zerfressen vom Zahn der Jah­re. Ei­ne Dienerin wienert eifrig dunkelhei­liges Gestühl mit Pron­towix. Decrescendo in der Windlade. Modal zum Zentrum e, Terz­schichtung. Improvisa? Orgel­punkt. Sonst noch: ein Silberkelch, ei­ne Tür, nicht offen, noch zu, sinnvolle Mäler sinnlo­ser Kriege: Burma, Krim, China, Indi­en. Reliefs, erhaben über was? Händels Mes­sias uraufge­führt: 13. April 1742.

Nach St. Patrick‘s war das letzte Foto verschossen. Auch gut. Ab jetzt muß ich mich eben erinnern, oder auf­schreiben.

Eine Reihe derer, die viel aufgeschrieben haben, ist im Park hinter St. Pat­rick‘s je­der für sich in einer Art Ah­nengalerie aufgelistet. Hinter Gitterstä­ben schauen uns Bronzereliefs an: Swift, Beckett, Swinburne, Joyce, Wilde und andere, drei von ih­nen versehen mit dem No­belpreis, und alle ge­boren in Dublin.

Dublin ist für die Literatur, was Wien ist für die Musik.

Dublin Castle. Hier hinein komme ich dank einer per­sönlichen Einladung von Julie von Tourist Vic­tims. Der Führer bringt mir nicht viel, er redet viel zu schnell. Aber die Dinge sprechen sowieso ihre eigene Sprache.

An besten gefällt mir der Odysseus im Spiegelsaal. Aus Marmor. Einsam wacht. Ulysses omniprae­sens.

Derselbe Saal enthält eine kostbare chinesische Schale aus dünnem Porzel­lan. Sie ist das Zentrum, ihr entströ­men alle Farben, mit denen Teppich und Einrichtung durchwirkt sind. An der Decke hat je­mand die Sternzei­chen und die Symbole für verschiedene Künste ange­bracht.

Wußten Sie, daß Irland erst von den Skandinaviern und dann von den Nor­mannen erobert wurde? Die Englän­der taten ein Übriges. Chemische Reakti­on, so kommt mir das ganze vor, die Abfolge von Kriegen, Eroberun­gen, Schlachten, Okkupa­tionen, Toten, Gemetzeln, Herrschern, Regenten, Um­stürzen und Revolutionen, ein wild zi­schendes brüllendes blutiges Aufeinan­dertreffen verschiedener Substan­zen in einer Petrischale. Ir­gendwann wird sich das klären, glaubt mir. Und dann ist‘s ruhig in der Schale, die Flüssig­keit klar und still bis auf den Grund. Keine Sorge.

19. Juni

Stephen‘s Green, hier notiere ich, daß ich wieder in Booterstown war, auf der Botschaft, meinen Paß zu ho­len. Deutscher Boden, oder? Land im Land, wie eine russische Puppe.

Eine alte Dame, seit 53 Jahren in Dublin lebend, ist re­solut und laut, aber le­bendig-fröhlich. Sie kommt aus West­berlin. Auf meine Frage, warum sie fortgezogen sei, antwortet sie: „THAT is – a loong storry.“ Mit stark deut­schem Akzent, immer noch. Sie kam aus Abenteu­erlust, wollte für ein Jahr bleiben. Daraus ist ein ziem­lich langes Jahr geworden, sagt sie noch, aus wassergrau­blauen Au­gen fröhlich blitzend.

Während sie ein Formular ausfüllt, muß sie ihre Augen­farbe wissen. „Colorr of my – Augen?“ fragt sie, laut, da­mit ihre Begleiterin sie versteht. Treue Freundin, die sie ist, schaut die gleich nach. Man lebt schon ziemlich lan­ge, wenn man die Far­ben seiner Augen vergessen hat. Oder nie gewußt.

Augen altern nie, komisch. Spiegel der Seele, darein das ewige Leben? Von der Wiege bis zur Bahre dasselbe Gemälde, nur der Rahmen wird gewech­selt.

Weiter nach Sandycove. Das Joyce-Museum hat geöffnet. Hier residierte er also, im September ‘04, zu­sammen mit den Gossenpoeten Gogarty und Trench, der nachts von Panthern träumt und in pani­scher Paranoia auf sie feuert. Mit so einem würde ich auch nicht länger im selben Haus schlafen. Joyce verläßt den Turm und läuft die dreizehn Meilen nach Dublin, wo er in der Na­tionalbibliothek William Magee trifft. Eine Dekade spä­ter wird er das alles im ersten und neunten Kapitel des Ulysses verarbeiten.

Das Museum enthält ein Erstexemplar, verschiedene Totenmasken, Vitrinen mit Fotos. Im Schlaf­raum des Turms wurde die Frühstücksszene rekonstru­iert, vor dem Kamin lauert sprungbereit ein schwarzer Panther. Porzellane­ne Chimäre. Auch Stephen verfolgt ein Traumgespinst: seine sterbende Mutter.

Genieße den Blick von der Plattform; ich sehe das, was Joyce gesehen. Kla­rer Himmel, dauernder Wind. Unter mir – thalatta! – die See. Nichts da zum Rasieren. Sammle Anregungen für meine Däda­lus-Übungen, dann verab­schiede ich mich.

Zurück in der Stadt kaufe ich wieder Seife, diesmal aus Meerespflanzen, tanggrün. Für Christian. Für Lorenz? Vielleicht ein Flakon Parfüm, „Kar­ma“ genannt. Nein, kostet mehr, als drin ist. Geschenke machen ist schwie­rig, ich kann‘s nicht gut. Teure Geschenke versetzen den Empfänger in Verlegen­heit, billige riechen nach Geiz.

Vor einem Bücherladen in der Dawson Street überrascht mich eine Bettle­rin. Aus indischen Augen schaut sie mich an, im Arm ein schreiendes Bün­del. Klingelnder Pappbecher. Please, Mister, please. Fische zwei, nein, bes­ser drei Münzen raus, opfere sie ihr groß­zügig. Zu wenig, nicht mal ein Zehner ist dabei. Sie wird sofort giftig. Too less, Mister! That‘s too less! Ich ziehe weiter, krummschultrig, ein geizgieriger Scrooge. Muß ich über­haupt ge­ben? Ist sie wirklich drauf angewie­sen? Manche Leu­te leben ganz ohne Geld. Wer entscheidet, für was ich Geld aus­gebe, eine Bettlerin, oder ich? Wenn ich ge­be, spüre ich sofort die rostigen Stellen in meinem Gewis­sen. Hätte besser Katholik werden sollen. Die haben gute Politur­mittel da­gegen.

20. Juni

Am Abend zuvor der zweite Überfall. Konnte diesmal fliehen, dank völliger Trun­kenheit des Täters. Ist eine üble Gegend, die Thomas Street, ich denke, ich werde nicht noch mal dort wohnen.

Nehme morgens meinen gewohnten Fußmarsch in die Stadt auf, vorbei an der Christ Church, dann schräg run­ter in die Dame Street. Letzten Sonntag fiel mir auf, wie ernst hier Religion betrieben wird. Radfahrer bekreuzi­gen sich, wenn sie an einer Kirchentür vorbeifahren, aus denen Leute kom­men, die gerade das Sakra­ment ver­dauen. Für dich gegeben.

Jetzt gehe ich doch noch in die Nationalbibliothek. Mal schauen. Wie ich‘s mir ge­dacht habe: Die Ein­gangshalle ist dem Großen Schutzpatron Und Kreator Des Wortes Sankt Johannes Joycius ge­weiht. Ein umfangreicher Band dokumentiert private Notizen und Korresponden­zen. Eine Postkarte an No­ra Barnacle, datiert vom 15. Ju­ni 1904. Und sie bewegt sich doch. Das hier beein­druckt mich jeden­falls genauso wie Galileis Schrif­ten über die Fall­gesetze. So banal es ist.

Am Abend besuche ich verschiedene Pubs. Hier pulsiert Dublins Leben, hier tref­fen sich Arbeiter, Angestellte und Akademiker, heben ihr Guinness oder ein deut­sches Bier, hören Live-Musik, und zu fortgeschrittener Stunde wird getanzt. Keine Touristen-Show, sondern ehrliches Leben. Die Volks­musik gehört zum Alltag.

Im „George‘s“ lerne ich Joe kennen. Kurze, dunkle Haare, Lachfältchen um die Augen. Achtund­zwanzig. Das Äußere zählt zuerst. Joe ist Schauspieler, er schwimmt, wie er sagt, mit dem Strom des Lebens, nicht gegen ihn. Wir verstehen uns. Er lädt mich ein, ich verbringe die Nacht bei ihm. Mein Geld ist sowieso am Ende, ich hatte Glück, ihn zu treffen.

Irisch-deutsche Vereinigung. Währenddessen Händel, des Kosmopoliten Musik. Wem gehört er denn nun? Eng­land, Irland, Deutschland? Ein Streit­punkt, nicht förderlich für den englisch-irischen Dialog. Die Straßen­namen in Dublin sind zwei­sprachig, englisch und gä­lisch, vielleicht ist das in ganz Ir­land so. Man merkt, das hier ist ein okkupiertes Land.

Am Morgen verabschieden wir uns und vereinbaren ei­nen Treffpunkt am Trinity College. Ich kann bei Joe blei­ben, er will mich in der Frühe zum Flug­hafen brin­gen.

In der Thomas Street storniere ich meine letzte Über­nachtung und packe zu­sammen. Geld bekomme ich kei­nes zurück. Macht nichts, habe ohnehin ei­nen Preis­nachlaß bekommen, nachdem ich ausge­raubt worden war.

Am Trinity erwarte ich ihn. Als junger Liebender? Ich glaube nicht. Ich kann nie wissen. Studenten strömen aus dem Campustor, viele mit quadra­tisch-praktisch-theoretischen Akademikerhüten verse­hen heute. School‘s out. Mal sehen, viel­leicht irgendwann am Dub­lin College for Music…? Könnte sein. Bestimmt sogar.

Joe.

Er ist‘s.

T-Shirt, attraktiv, gutaussehend. Sofort gelächelt, als er mich gesehen. He‘s ama­zing.

Er zeigt mir das holzgebaute Beckett-Center. Klanginstallation für Blinde machen die hier. Gerade im Aufbau. An den Wänden Waiting for Godot.

Wir betreten jene Hallen, die des Colleges bedeutende Attraktion enthalten, das berühmte Book of Kells. Im neunten Jahrhundert gefertigt in den Klö­stern, die St. Colum Cille gründete. Dieser Mönch muß vergleichbar mit dem Nursianer sein, aber er wurde schon im Jahr 521 geboren.

Wußten Sie, daß erstmals im Jahre 527 die Bezeichnung „nach Christus“ verwen­det wurde? Frage mich, wie man sich vormals behalf. An den Fin­gern abzählen ging nicht. Exiguus, so hieß der Mönch.

Neben Taschenbibeln und Ogham-Schriften wandert man zwischen Seiten dieses wundervollen Bu­ches, ins Rie­senhafte vergrößert, auf illuminierten Tafeln ange­bracht. Turning Darkness into Light. Der Saal ist dun­kel, die ge­waltigen Schrift­zeugnisse strahlen hell. Ich bewundere jedes Detail. In die­sen Dimensionen er­scheint ein ein­zelner Tintenstrich wie ein Blick ins Mikro­skop, darunter das Inner­ste des Erbgutes liegt. Mi­kroorganismen. Stru­del-schwindlige Universen, vor Jahr­hunderten er­starrt.

Jeder Buchstabe eine Welt für sich. Dico enim. Dicebat. Dicens. Aus dem De win­den sich Löwen und halten sich die Schnauzen zu. Hört – hört, was ER sagt! di­cens.

Freischweifende Phantasie. Zoomorphologie. Dem Ma­ler machte keiner Vorschrif­ten, als er selbst und das Wort. A word may recur, but its design is never repea­ted, erklärt eine Tafel.

Auf einer Seite, nicht gezieret, rote Kreuze. Falsch ab­geschrieben. Noch­mal, und­zwar alles. Nachsit­zen bis zur Arthritis, wie denn die Schrift saget:

My hand is weary with writing

My sharp quill is not steady

My slender-beated pen jets forth

A black draught of shining dark-blue ink.

A stream of the wisdom of blessed god

Springs from my fair-brown shapely hand

On the page it squirts its draught

Of ink of the green-skinned holly.

My little dripping pen travels

Across the plain of shining books

Without ceasing for the wealth of the great

Whence my hand is weary from wri­ting.

(St. Colum Cille)

Zwei Touristen, sie und er deutsch, betrachten kritisch eine Bibel. Die ist aber doch AUCH nicht echt, oder? fragt sie, sich betrogen fühlend. Zyklop, des Auge stets das Falsche sieht. Turning darkness into light, doch die Dun­kelheit hat‘s nicht begriffen. Kommt vielleicht noch.

Eine einzige Seite wird von einem gewaltigen Initial ge­füllt. Von unfaßbar ver­schwenderischem Reichtum ran­ken sich symbolhafte Wesenheiten, an den Orient ge­mahnende Ornamentik, Kreuze, in denen sich unendli­che Labyrin­the winden, ei­ne Schlange, die Auferstehung symbolisierend, ein En­gel, der für die Luft, eine ho­stienverspeisende Maus, die für die Erde, ein Fisch, der für die Wasser der Taufe steht, ein wahrer Horror vacui, ei­ne schil­lernde Pfingstpredigt, ein detailge­schmücktes De­tail eines Details, das wiederum Bestandteil ist von einer größe­ren Einheit, das Auge verfolgt die Ähnlichkei­ten, schon hat es seinen Ausgangsort verloren, irrt suchend nach Kontrasten weiter, da ist noch was ande­res, das sieht aus wie, und hier be­ginnt der Bo­gen des Zentralen, des Al­les enthalten­den, klarer formt es sich zusammen, wenn man zurücktritt und sich gehenläßt, das Christus­monogramm, das CHI RHO.

O daß ich tausend Augen hätte!

Nebenan, in einem belüfteten und gut gekühlten Sarko­phag, von wollsamte­ner Dunkelheit schonend umhüllt, liegt, gebrechlich und seiner selbst unbe­wußt, das Origi­nal endlich, das auf einer beliebigen Seite aufgeschlage­ne Book of Kells. Es enthält die vier Evangelien in lateinischer Sprache. Drum­herum die Bücher von Ar­magh, von Durrow und von Dimma.

Pangur Bán

I and Pangur Bán my cat

Tis a like task we are at:

Hunting mice is his delight,

Hunting words I sit all night.

Better far than praise of men

Tis to sit with book and pen;

Pangur bears me no ill will

He too plies his simple skill

Oftentimes a mouse will stray

In the hero Pangur‘s way;

Oftentimes my keen thought set

Takes a meaning in its net.

Practise every day has made

Pangur perfect in his trade;

I get wisdom day and night

Turning darkness into light.

(Irischer Mönch in St. Gallen, 9. Jhr.)

Am Abend fährt mich Joe zu seiner Freundin. Sie wohnt weit draußen, schon am Meer, gegenüber den Bergen von Howth. Ihre Wohnung ist zwar nicht die einer Schauspielerin, finde ich, aber nichts­destotrotz ist sie ei­ne. Wir ha­ben eine gute Zeit, mit dem zweijährigen Rhys außerdem, Valeries Sohn. Rhys ist – ungewöhn­lich. Seine Bewegungen sind perfekt koordiniert, er scheint die ganze Zeit nach ei­ner verborgenen Choreo­graphie zu tan­zen, in der keine einzige Bewegung sich wiederholt. Er tanzt. Mit einer erstaunli­chen Sicherheit, einer vollkom­menen Ba­lance, und noch dazu mit dem We­sen eines Schauspielers. Er zieht alle Aufmerk­samkeit auf sich, und so­bald er sie hat, beginnt er eine „In­szenierung“, die etwa darin besteht, auf eine be­sonders charmante und ge­schickte Weise Wasser in ein Glas zu schütten und draus zu trinken, sich immer wieder der Beobachtung seines Pu­blikums ver­sichernd. Vielleicht wächst hier einer der bedeutendsten Arti­sten und Schau­spieler des Jahrhun­derts heran. Rhys Soundso, geboren in Dublin 2000.

Joe bereitet unser Nachtlager im Wohnzimmer, während ich Valerie zuhöre. Ihr zu antworten ist bei­nahe unmög­lich, weil sie unglaublich schnell und viel und laut re­det, noch dazu mit Dubliner Akzent. Ich stelle mir vor, sie sei ein Orakel. Da muß ich nicht alles verstehen, Pythia.

Später ist es wie in der Nacht zuvor, nur noch intensi­ver. Joe, du hast Passi­on. Und ich hab deine Mailadres­se. Immerhin.

22. Juni

Früh brechen wir auf. Hinter uns Dublin, vor uns der Howth und bald der Flugha­fen. Noch nie erlebt, sowas. Ei­ne Woche? Put all the space into a nutshell, sagt Joyce.

Ich überlege, hierzubleiben. Einfach Neustart in Dublin. Ich will nicht weg. Das kann nicht sein, ich fühl mich wohl in Freiburg. Und dann meine Freun­de, mein Chor, mein Studium. Also gut, es hilft nichts. Thanks, Joe. Danke für deine Hilfe. Mit dem Strom des Lebens, ich schreib dir.

Ich zögere meinen Check-In so lange hinaus, bis ich auf­gerufen werde. Mr. Hinz, please to Gate A. Na denn. Nicht so schlimm, komme ja wieder.

Im Flugzeug überlege ich mir verschiedene Möglichkeiten, geldlos von Frankfurt nach Freiburg zu kommen. Tante Rosemarie. Trampen. Schwarz­fahren. Wochenendticket erbetteln. Alles nichts. Lie­ber direkt.

Der Start verzögert sich. Ich bin‘s nicht, ich war pünkt­lich. Aber dann, an­rollen, Schubkraft, Anstieg:

Und sie sahen Ihn, ja Ihn, Ben Bloom Elias, inmitten von Wol­ken von En­geln auffahren zur Herr­lichkeit der Helle in einem Winkel von fünfundvier­zig Grad… als habe ihn der Schwung einer Schaufel hinaufbefördert.“

Und dann waren wir in Wolken verschwunden.

Der See in der Nacht

Man hatte uns darauf hingewiesen, in Luzern finde ein Musikfestival statt, mit einem Feuerwerk,und das Ganze nur einmal in jedem fünften Jahr. Das sollte man wahrnehmen, fand ich.

Um elf machte ich mich auf den Weg; zu Fuß, weil ich keine Franken für den Bus dabeihatte. Die Straße nach Luzern aus Kastanienbaum hat keinen Bürgersteig, ist wenig befahren und gesäumt von schwerreichen Anwesen. Sie führt über Hügel und windet sich hoch über dem Spiegel des Vierwaldstätter Sees durch den Wald.

Nach Kastanienbaum war ich mit dem Gamelan gekommen; wir waren für eine indonesische Hochzeit engagiert worden. Am Mittag kamen wir in der Hotelfachschule an, in deren Räumen schon alles bereit war für das bräutliche Mahl: die an Bananenblätter erinnernden seidenen Fahnen, an deren Ende kleine Glöckchen bimmelten, säumten die Auffahrt, Blumenschmuck war in der Halle drapiert und der Speisesaal für eine mehr als hundertköpfige Gesellschaft gerichtet. Auf der verglasten Panorama-Terrasse, die einen weiten Ausblick über den See gewährte, war unser Platz fürs Orchester vorgesehen. Die Leiterin des Hauses, eine Indonesierin, aufgeregt und vielbeschäftigt, versorgte uns mit oft wiederholten Anweisungen, wann genau wir zu spielen hätten, nämlich sobald sich am nächsten Vormittag die Tür öffnen würde, und das Brautpaar einträte, etwa ein Viertel vor zwölf, dann folgte eine kurze Rede, dann sollten wir spielen, anschließend dürften wir essen, und um drei wieder spielen. Wir kamen uns vor wie Spielleute an einem mittelalterlichen Kaiserhof, und wünschten bloß, in Ruhe proben zu dürfen. Wir probten viel zu lange dank dieser Unterbrechungen.

Wir hatten vorgehabt, danach im See zu schwimmen, aber es zog ein Gewitter auf. Nach dem Abendessen regnete es so stark, daß ich mich fragte, ob wohl überhaupt ein Feuerwerk stattfinden könnte. Aber um halb zehn hatte sich das Wetter verzogen.

Ich war allein, als ich mich auf den Weg machte. Links der Straßengraben, in dem ich ab und an die Frösche platschen hörte, und von Zeit zu Zeit der See zur Rechten, wenn der Blick nicht durch ein feudales Anwesen versperrt war. Aber es war ohnehin schon fast dunkel.

Wie sich das anfühlt, hier oben zu wohnen? Und ob es das ist, was sich der Bewohner erträumt hat? Gerne würde ich einen solchen reichen Menschen kennenlernen und mit ihm ein Gespräch darüber führen:

– Entschuldigen Sie: sind Sie reich?
– Warum fragen Sie.
– Sie haben ein Haus am Vierwaldstätter See, in dem Sie den ganzen Tag schwimmen können, wenn das Wetter es zuläßt; heute beispielsweise wäre es ja, des Gewitters wegen, zu gefährlich zum Baden gewesen. Sind Sie trotzdem glücklich?
– Verschwinden Sie von meinem Grundstück.

Vielleicht so. Vielleicht auch anders.

Das Ortsschild von Luzern passierte ich nach einer halben Stunde. Ein Musikfestival war weder zu sehen noch zu hören. Nur aus einer Seniorenwohnanlage tönte Sambamusik aus den Sechzigern; ich sah den Senioren beim Tanzen zu. Sie mußten wohl alle recht rüstig sein. Nachher würden bestimmt einige miteinander schlafen. Ich beschloß, ebenfalls lange Sex zu haben im Alter. Und tanzen zu lernen!

Weil ich das Festival nicht fand, sichte ich den Weg zum See. Wenigstens schwimmen wollte ich.

Ein schmaler Fußweg führte zwischen Wohnblöcken hindurch. Ich merkte, daß ich pinkeln mußte. Aber der Weg war gut beleuchtet, man hätte mich sehen können. Vielleicht standen am See einige Büsche? Die gab es, aber Weglaternen auch hier. Obwohl ich stehenblieb und gründlich lauschte – niemand folgte mir oder kam mir entgegen –, wurde ich das Gefühl, nicht allein zu sein, nicht los. Allein war ich zwar, aber warum fühlte ich mich beobachtet? Auf eine Art, die mir Angst machte?

Es waren schaukelnde Boote zu hören, klatschende Geräusche. Es klang beinahe sinnvoll, so als äußerten die Boote eine Absicht oder eine Beobachtung. Nein, ich war nicht allein. Ich war es, der mich beobachtete. Und solange ich mich weiterhin absichtsvoll im Bewußtsein hielte, würde ich wohl niemals spontan und gelöst pinkeln können. Also schloß ich die Augen und ließ los.

Jetzt: das Schwimmen. Ich hatte es mir vorgenommen. Im Dunkeln? Da ich kein Handtuch dabeihatte, würde ich nackt schwimmen, um nicht mit einer nassen Unterhose zurück laufen zu müssen. Ich sah mir den See an, wie er dunkel dalag. Und spürte meinen Ängsten nach. Alle meine Ängste projizierte ich in diesen See in der Nacht. Es wühlten unwahrscheinliche Wesen auf seinem Grund; am Tage schliefen sie und blieben unbemerkt. Wer es wagte, nach Dunkelheit das Wasser zu berühren, auf den wurden sie aufmerksam. Ich ließ ihre Mäuler und Fangarme Gestalt werden und sah mich von ihnen gepackt und umschlungen. Oder nur berührt, um gewarnt zu werden.

Minutenlang hockte ich auf einer Bank und konnte mich nicht entschließen, da hineinzusteigen: Was, wenn. Es nützte nichts, mir klarzumachen, daß alle Gestalten nur in mir selbst lebten. Es nützte nichts: Sie würden sich manifestieren, sobald ich das Wasser berührte. Vor irgendwelchen realen Gefahren, etwa einer möglichen Lungenentzündung, hatte ich überhaupt keine Angst. Damit würde ich fertig werden. Das Irrationale war das größere Hindernis.

Ich hatte das Gefühl, eine einmalige Gelegenheit zur Selbstüberwindung wäre unwiederbringlich verloren, wenn ich jetzt fortginge. Ich würde ein Erlebnis nicht gehabt haben, das wahrscheinlich mehr Genuß bot als Gefahr. Also zog ich mich aus.

Auf einem Felsbrocken nahe am Ufer ließ ich meine Sandalen stehen und probierte das Wasser. Ja, es fühlte sich gut an, wie eine leichte Decke, unter der man sich vor sommerlichem Morgenwind verkriecht. Der Grund war angenehm schlammig, die wenigen Steine glatt. Ich konnte noch lange stehen, obwohl ich schon vom Ufer weit entfernt war, aber ich zog es vor, zu schwimmen. Ich mochte keinen Grund mehr fühlen, nur Wasser um mich herum. Ich schwamm und schaukelte dabei.

In diesem Moment war das Luzerner Musikfest zu Ende, und auf den Bergen über mir explodierte das Feuerwerk.

(Luzern, Juni 2006)

Der Flug des Kondors

Mit Pablo unterwegs zu sein bedeutet, stundenlang auf unbefestigten Feldwegen durch das Hochland von Ecuador zu holpern. Man begegnet Bauern, die ihre Felder mit Ochsen pflügen, lebenden Eseln am Straßenrand, toten Eseln auf dem Acker neben dir, Eukalyptusbäumen, mit deren Blättern du dir Atemfreiheit unter die Nase reiben kannst, wilden Hunden, die es auf ein Wettrennen mit dem stoisch daherrumpelnden Toyota anlegen.

Pablo, ein Indianer in den besten Jahren (ich schätze ihn auf Mitte Vierzig), lebt in Cayambe, einem kleinen Ort in der Nähe des gleichnamigen Berges. Cayambe liegt inmitten des Paysaje Seco, einer Trockenlandschaft, wo die einzige Wasserquelle nächtliche Wolken sind, die die Täler anfüllen. Am Tag gleicht die Landschaft einer einzigen Durststrecke. Trotzdem ist das Leben nicht totzukriegen, überall wuchert, sprießt und grünt es unverdrossen. Das kommt mir wie ein Wunder und gleichzeitig selbstverständlich vor.

Auf der Fahrt hierher hat mir M. eine Frucht angekündigt, die es auf der ganzen Welt einzig an den Hängen des Cayambe gebe: Chirimoya. Wie so oft weiß ich mal wieder nicht, ob ich ihm das glauben kann, denn es gibt keinen Grund, warum diese Frucht unter ähnlichen klimatischen Bedingungen nicht auch anderswo wachsen sollte. Am Straßenrand reiht sich ein Obstverkäufer an den anderen. Als sie bemerken, dass wir langsamer werden, laufen einige mit vollen Obstkörben hinter uns her. Lincoln hält an, und wir kaufen sechs dieser knolligen, grünen, mit braunen Flecken übersäten Früchte. Sie sind sehr weich, sie lassen sich ganz leicht aufbrechen. Das Fruchtfleisch ist weiß, etwas breiig, mit länglichen schwarzen Kernen durchsetzt. Ich probiere von der kostbaren Frucht und komme mir dabei vor wie Adam im Paradies. Und schon geschieht der Sündenfall: Ich sage zu M.: „Schmeckt ein bisschen wie Birne“, und er springt mir fast an die Gurgel. Aber es ist eine Tatsache: Chirimoyas schmecken wie Birnen, nur süßer.

Nach Cayambe fahren wir, um dort das „Inti Raymi“ zu erleben, das Sonnenwendfest, das von den Indianern jährlich um den 21. Juni herum gefeiert wird. Das Fest dauert mehrere Wochen, und sie feiern nicht nur die Wintersonnenwende (21. Juni), sondern auch die Sommersonnenwende im Dezember und die beiden Tagundnachtgleichen im März und September. Gleich nach der Eroberung durch die Spanier hat die katholische Kirche mit blutigem Eifer begonnen, diese Feste in ihrem Sinne umzudeuten und hat sie mit Namen wie „San Pedro“, „San Paulo“ und „Weihnachten“ belegt. Die ursprüngliche Bedeutung hat aber dennoch im Bewusstsein der indianischen Bevölkerung halbwegs überlebt, und so kommt es, dass in heutigen Tagen die Feste doppelt gefeiert werden und sich zwei konkurrierende Rituale überlagern. Dieser Widerspruch: dass nämlich das Feiern eines Naturereignisses gleichzeitig mit dem Versuch, dieses mit einem christlich-ideologischen Zeremoniell zu verdrängen, zelebriert wird, kann wahrscheinlich nur mit sehr viel Alkohol ertragen werden. Und entsprechend viel wird davon konsumiert.

Pablo ist anders. Er kennt die astronomischen und mythologischen Hintergründe ganz genau. In seinem scheunenartigen Haus, das durch ein großes, zweiflügeliges Tor von der Straße aus betreten wird, hat er auf die Wand ein riesiges Fresko gemalt: Die Berge der Umgebung mit dem Cayambe in der Mitte, genau auf der Hälfte der Äquator und drumherum die Linien, die anzeigen, an welchen Punkten wann im Jahr die Sonne über dem Cayambe erscheint. Er bittet uns, auf einer Bank gegenüber seiner Wand Platz zu nehmen und erläutert uns auf Spanisch alle Verhältnisse aufs genaueste. So wie er mit der Hand hierhin und dorthin deutet und dazu meteorologische Kommentare abgibt, erinnert er mich irgendwie an den Wettermann aus den Nachrichten. Sehr interessant finde ich die Tatsache, dass man, wenn man sich am 21. September oder 21. März mittags um zwölf Uhr auf den Äquator hinstellt, keinen Schatten wirft. Die Sonne scheint dann genau senkrecht auf deinen Schädel. Und gleichzeitig kann man mit dieser Methode ermitteln, ob man auch wirklich und tatsächlich auf dem Äquator steht (falls man darauf Wert legt). Sicher ist, dass diese Methode exakter als jede GPS-Messung ist.

Pablos Wohnscheune ist ein Museum des Inti Raymi. Die übrigen Wände sind voll mit Festplakaten der vergangenen Jahre, indianischen Musikinstrumenten, Porträts von berühmten indianischen Personen. In einem großen Raum im hinteren Teil hat er das gleiche Liniensystem noch einmal mit Kreide auf den Boden gezeichnet, diesmal mit mythologischen Symbolen versehen. Von oben gesehen erinnern die Linien deutlich an ein Fußballfeld. Ob damit also mit jedem Fußballspiel auf der Welt unbewusst einem existentiellen Naturereignis Tribut gezollt wird? Steht dann der Ball vielleicht für die Sonne?

Für seine Forschung wurde Pablo mit einem Symbol ausgestattet: Um seinen Hals trägt er ein sonnenförmiges Medaillon, ungefähr in Nabelhöhe. Er sei ein „Wissender“, erklärt er mit sympathischer Selbstgewissheit. Sein Gesicht wirkt, als habe er sein ganzes bisheriges Leben lang gelächelt.

Über eine Art Hühnerleiter steigen wir einen Stock höher. Auf dem Boden eine Matratze, an den Wänden weitere Fotos, Urkunden, Zertifikate. Er startet einen Computer. Von hier aus steuere er das Ganze, erklärt er geheimnisvoll. Was ist er: eine Art Petrus? Er führt uns eine Powerpoint-Präsentation vor, in schnellem Spanisch und raschen Seitenwechseln (zu finden unter http://de.slideshare.net/CicayMuseo/).

Pablo ist ein enger Freund von M. Auf seine Bitte hin mache ich von beiden ein Foto. Dann steigen wir wieder runter und gehen noch einmal in das Fußballfeld-Zimmer. Pablo greift sich von der Wand ein Muschelhorn und stellt sich mit dem Rücken zur Wand auf die gezeichnete Äquatorlinie. Dann tutet er, viermal, sich jedes Mal um neunzig Grad nach rechts drehend, in alle vier Himmelsrichtungen. Das sei sein Gruß an den Kosmos, erklärt er. Ich probiere ebenfalls, auf diesem Horn einen Ton hervorzubringen, es gelingt auch, wenn man einen Kussmund macht.

Plötzlich tut Pablo etwas mit meinem Atem. Er steigt auf einen Stuhl, platziert mich direkt vor ihm hin und befiehlt: „Respira!“ (Einatmen). Ich tue es, er hebt meine Arme über den Kopf, sagt „Ausatmen“ (auf Spanisch), er senkt meine Arme, und dann das Gleiche noch einmal. Beim zweiten Ausatmen umarmt er mich von hinten über der Brust und hebt mich hoch, ein, zwei Sekunden lang wird meine Brust mit meinem vollen Körpergewicht gedehnt. Damit habe er eine Blockade bei mir gelöst, erklärt er mir hinterher. Ich komme mir vor wie ein verdutztes Huhn.

Im Restaurant auf der anderen Straßenseite essen wir etwas. Lincoln, M. und Pablo unterhalten sich auf Spanisch, mir macht das gar nichts aus. Einen kleinen Bruchteil verstehe ich trotzdem hin und wieder.

In dieser Woche sei übrigens in Sachen Inti Raymi nicht allzuviel los, erläutert Pablo. Die Festivitäten würden zeitverzögert in den Dörfern ringsum zelebriert. Nächste Woche würden auf dem Marktplatz rituelle Kampfspiele ausgetragen, bei denen es auch Tote geben könne. Ich bin froh, dass ich das nicht erleben muss.

Eine Höhenmeter nach dem anderen rumpeln wir in Lincolns Toyota aus Cayambe hinaus, auf dem Weg zu einer vorkolumbianischen Kultstätte. Die Straße ist erst noch geteert, dann zunehmend mit Schlaglöchern übersät, schließlich mit Flusssteinen gepflastert und besteht endlich nur noch aus trockenem Schlamm. Hin und wieder ein Rindvieh am Straßenrand, oder auch mal ein Esel, manche lebendig, einer tot. Die Bauern, an denen wir vorbeifahren, schauen ernst, aber nicht unfreundlich. Die Frauen sind meist in leuchtend-farbige Wolltücher gehüllt. Einmal halten wir an ein paar Eukalyptusbäumen am Straßenrand an. Sie riechen betörend nach Hustenbonbons. Diese Pause legen wir laut Pablo ein, um uns allmählich an die steigende Höhe zu gewöhnen.

Wir nähern uns unserem Ziel. Auf einer Hochebene halten wir an. M., Pablo und ich steigen aus, Lincoln zieht es vor, im Wagen zu bleiben. Ich habe den Eindruck, dass er sich nicht besonders gut mit Pablo versteht.

Auf der Ebene gibt es nichts als kniehohe Grasbüschel und starker Wind. Der Wind knattert in den Ohren, die Büschel rauschen wie rieselnder Sand. In der Ferne hinter uns höre ich wilde Hunde bellen, ziemlich wütend klingt das. Wenn sie uns angreifen, sagt M., sollten wir uns mit Stöcken verteidigen und mit Steinen werfen. Wir haben keine Stöcke dabei. Steine liegen aber genug herum.

Pablo stapft munter drauflos, zu einem fleckigen Felsen, der aus der Erde ragt. Er zieht einen Kompass aus der Tasche (das Muschelhorn trägt er an einem leuchtendroten Band um den Hals) und bewegt ihn über dem Felsen hin und her. Die Kompassnadel zittert irritiert und kann sich nicht zwischen Süden, Osten oder Norden entscheiden. Offenbar sind diese Steine magnetisch. Sie seien gut zum Meditieren, sagt er.

Da uns die Hunde in Ruhe lassen (zumindest hören wir gerade nichts von ihnen), setze ich mich einen Moment hin. Ja, das fühlt sich gut an.

An dieser Stelle sei in vorkolumbianischer Zeit ein Wachturm gewesen, um das Land vor den eindringenden Inkas zu schützen. Nichts, was auch nur im entferntesten an die Überreste eines Turms erinnerte. Ein Archäologe würde wahrscheinlich ganz andere Fakten aus dem herumliegenden Steinen herauslesen können. Aber die Stätte werde archäologisch nicht erforscht. Man interessiert sich einfach nicht dafür.

Wir klettern auf den höchsten Punkt des Gipfels. Der Wind bläst hier scheinbar aus mehreren Richtungen gleichzeitig. Er weht so laut, dass es schwierig ist, sich zu verständigen. Im Boden steckt ein etwa hüfthoher Stein mit einem Eisenstab in der Mitte. Und dort lerne ich jetzt den Flug des Kondors.

Pablo kniet dicht neben den Stein, ein Bein nach vorn gestellt und gibt mir zu verstehen, dass ich erst auf seinen Oberschenkel und dann auf den Stein klettern soll. Ich probiere es. Ich ziehe meine Schuhe aus und steige auf Pablos Bein. Den anderen Fuß stelle ich auf den Stein und versuche dann, mit beiden Beinen auf der winzigen Plattform sicher zu stehen. Pablo hält meine Hand. Ich stehe gebeugt, wage es nicht, mich gegen den heftigen Wind aufzurichten. Als ich es tue, erwischt er mich und fegt mich wieder auf die Erde. Zweiter Versuch. Diesmal richtet Pablo mich in einem anderen Winkel gegen den Wind aus. Ich erinnere meinen Körper an die Yoga-Übung „Der Baum“, er gehorcht. Das Gefühl von Verwurzelung stellt sich ein, ich richte mich auf. Pablo lässt meine Hand los, ich breite meine Arme aus. Das Gefühl ist unbeschreiblich. Ich stehe mitten im ecuadorianischen Hochland auf einem viertausend Meter hohen Berggipfel, unter meinen Füßen nichts als ein stabförmiger Stein von winzigem Umfang, mit ausgebreiteten Armen mitten im knatternden Wind. Ein Jubelschrei fliegt aus meiner Kehle. Aus Pablos Muschelhorn ertönt die dröhnende Antwort. Meilenweit kann ich sehen, ich kann meine Arme auf den Windstrom legen, er trägt sie. Wolkenloses Blau über mir, nichts als die Sonne, auf dem Höhepunkt ihres jährlichen Laufs. Dankbarkeit und wilde Freude schießt durch meinen Körper. Der Kondor fliegt.

Zurück auf der Erde fragt mich Pablo, ob ich Visionen gehabt hätte. Nein, Visionen hatte ich nicht. Ich hatte eben eine der stärksten Erfahrungen in meinem bisherigen Leben gehabt. Das war genug.

Pablo führt uns aus dem Wind heraus, ein paar Meter tiefer unter dem Stein des Kondors. Dies sei ein Kraftort, erklärt er. Wir könnten uns jetzt hier hinsetzen und Energie aus der Erde aufnehmen.

Zuerst spüre ich nichts Außergewöhnliches, doch dann beginnen meine Gesäß- und Oberschenkelmuskeln leicht zu zittern und zucken. Das ist nicht unangenehm, ein sanfter Wärmestrom breitet sich aus. Es ist, als wäre ich mit den Sitzknochen an eine Steckdose mit schwachem Wechselstrom angeschlossen. Pablo warnt mich, es könnte sein, dass ich kotzen müsste. Was nicht das schlechteste wäre, wie er hinzufügt. Ich antworte, wenn es gegen den Wind ist, schon. Pablo grinst, M. kichert fröhlich.

Wir warten zu dritt darauf, kotzen zu müssen. Da sich auch nach fünf Minuten bei keinem von uns ein Bedürfnis danach einstellt, beschließen wir, den Hügel wieder runterzuklettern. Das ist, wie immer, schwieriger als der Aufstieg. Auf halber Höhe hält Pablo noch einmal an einem der Magnetsteine an. Er beugt sich zu ihm hinunter, bewegt die Hände in einer sammelnden Geste und fängt dann an, mit den hohlen Händen imaginäres Wasser über seinen Kopf zu schütten. Auch die Arme und Beine bestreicht er mit dem unsichtbaren Wasser. M. tut es ihm gleich. Dieser Ritus ist mir aus dem Qi Gong vertraut. Ich tue es und sage dabei innerlich zur Mutter Erde:

Danke.

Das Leben sagt, du sollst jetzt Panflöte spielen

Aufstehen wie immer um sechs. Yoga auf der Terrasse, Frühstück. Dann wieder zur Mamacuchara. M. bittet mich, die Metallkuben mit den Klangobjekten so zu beschriften, dass man sie, in Einzelteile zerlegt, wieder original zusammensetzen kann. Darüber vergeht etwa eine Stunde.

Heute ist der erste Tag, an dem Jorge, der eigentliche Dirigent, die Proben leitet. Leiten sollte. Um halb zehn (Beginn der Chorprobe) ist er noch nicht da, also übernehme ich wieder. Zum ersten Mal dirigiere ich das gesamte Ensemble von sechs Männern und sechs Frauen. Sie singen bonito, mit Engagement und Freude, als hätten sie nie was anderes getan. Die Energie ist berauschend.

Um halb elf kommt Jorge. Er übernimmt, und es stellt sich heraus, dass ich alle Tempi zu schnell genommen habe. Das ist ein Glück. Denn wenn das Ensemble in der Lage ist, die herausfordernden Singtechniken in schnellem Tempo zu bewältigen, haben sie im originalen langsameren Tempo erst recht keine Probleme mehr. Jorge probt breitbeinig sitzend und ohne Humor. Er ist ein lebendes Metronom. Er lobt nicht, er kritisiert nicht. Fällt ihm ein Fehler auf, bricht er ab und verdreht die Augen.

Wir proben ohne Pause bis um eins. Dann eine Suppe in einem der vielen Straßenrestaurants. Das Essen von M. und mir kostet zusammen 3,50 Dollar.

Zurück im Kulturzentrum. Jetzt probt zum ersten Mal das Volksorchester mit den Profimusikern, unter Jorge, dem Taktierer. M. sagt auf einmal zu mir: „Einer der Flötisten wird gerade operiert, du musst jetzt Flöte spielen. Im Konzert auch.“ Und zack, schon sitze ich auf der Bühne, umgeben von Panflöten, Zampoñas (die sind aus der Familie der Panflötenartigen), vor mir ein Wald aus Gitarren, hinter mir riesige Bass-Panflöten, die aussehen, als seien sie genmanipuliert. Jemand drückt mir eine Panflöte in die Hand, eine normale, kleine, gutartige, wie man sie aus der Fußgängerzone kennt. Mein Nachbar händigt mir Noten aus. Sie sind zweizeilig, drüber steht „Flauta del Pan 1-2“. Auch das noch, ich bin erster Flötist. Das „Pan“ ist wohl eine Abkürzung für Panik.

Mir fällt der Cartoon ein von dem Elefanten, der auf einer Bühne vor einem Konzertflügel sitzt und denkt: „Was zum Teufel mache ich hier bloß? Ich bin Flötist, mein Gott!“

Die Panflöte hat erstaunlich viele Pfeifen, über drei Oktaven. Links sind die langen, rechts die kurzen. In einer zweiten Reihe dahinter befinden sich Gruppen von zwei und drei Pfeifen, wie die schwarzen Tasten auf dem Klavier. Also ein chromatisches Instrument. Mein Nachbar, der zweite Flötist, hat eine spiegelverkehrt gebaute Flöte, bei ihm sind die langen Pfeifen rechts. Er hält sie mit der linken Hand, mit der rechten ist er ständig damit beschäftigt, ein leeres Blatt Papier auf dem Notenpult vor ihm abzutasten. Er hat keine Noten. Auf dem Blatt sind kleine Hubbel zu sehen, die er abtastet. Notenschrift in Braille. Mein Nachbar ist blind, sein Kollege im Krankenhaus, und ich bin Flötist, mein Gott.

Jorge gibt Anweisungen auf Spanisch, er spricht rasend schnell. Zum Glück probt er stur von vorne nach hinten, und es gibt viele Studierziffern. Das macht es leichter. „Numero dos, Canción del Ruído Cósmico, Ziffra cinque, por favor, un compás libre. Uno, dos, y…“ Un compás libre heißt Ein Takt voraus. Die erste Note, die ich spielen soll, ist ein dreigestrichenes gis, crescendo dal niente al fortissimo, über sechs Takte gehalten, Dreivierteltakt, Viertel gleich hundertzweiunddreißig. Also dann. Das Gis suchen (richtige Oktave? Wird sich gleich rausstellen), Instrument irgendwie ansetzen (reinblasen? Oder drüber blasen? Wie stark muss man denn hier pusten? Achso, fortissimo. Dann mal kräftig drauflos. Ups, hab das dal niente vergessen.) Das Gis kommt tadellos raus, ist ja gar nicht so schwer. Ist halt auch ein Volksinstrument. Mein Nachbar spielt das gleiche, nur einen halben Ton tiefer. Das muss so sein. M. komponiert liebend gern Cluster in großer Höhe und großer Lautstärke. Die Kombinationstöne brummen wie Insekten in den Ohren.

Das erste Stück bewältige ich fast mühelos, abgesehen von den kurzen Pausen, die ich brauche, um das Instrument kurz abzusetzen, nach der richtigen Pfeife zu schielen, dann mit den Augen nach vorne zu springen, um die nächste Eins abzupassen, wieder zurück in die Noten, ansetzen, spielen, schon mal vorauslesen, aha, der nächste Ton ist ein zweigestrichenes fis auf der Drei-Und, wieder schielen, ansetzen, nach vorne springen… ganz easy eigentlich. Ich beginne mich zunehmend wohler zu fühlen.

Das nächste Stück: Canción de la Papa Chuna. Viertel gleich neunzig, in jedem Takt eine andere Taktart, meist Siebenachtel, Fünfachtel, Neunachtel. Pro Takt habe ich meist nur eine kurze Note, und sie sitzt auf irgendwelchen biestigen Zählzeiten wie Vier-Und oder als drittes von fünf imaginären Quintolensechzehnteln auf der Sieben… Dazu ein wildes Herumgespringe in den Tonhöhen. Immerhin geben mir die vielen Pausen genug Zeit, nach der richtigen nächsten Pfeife zu suchen, aber darüber verpasse ich oft genug das Zählen. Da ich merke, dass Jorge auf mein Einsetzen bzw. Nichteinsetzen bzw. Mit-dem-falschen-Ton-auf-der-falschen-Zeit-Einsetzen überhaupt nicht reagiert, begreife ich die Situation als Einladung zur freien Improvisation. Denn mit meinen Nachbarn habe ich nicht eine einzige Note zur gleichen Zeit, noch nicht mal mit dem Rest des etwa hundertköpfigen Orchesters. Das Stück ist offenbar als wilder Flickenteppich komponiert. Also pfeife ich (wortwörtlich!) auf Taktart und Rhythmus, spucke alle paar Sekunden einen Staccato-Ton heraus, der ungefähr dem entspricht, was vor mir auf dem Papier steht, ignoriere Jorges stures Durchzählen („Úndostres-úndos-úndos“) und bastele mir meinen eigenen Siebenachteltakt.

Mein Kollege rechts an der zweiten Flöte ist die Gelassenheit in der Person, seine Rechte ruht souverän auf seinen Rauhfasernoten. Vielleicht sollte ich bei ihm Unterricht nehmen? Immerhin habe ich noch drei Tage Zeit, um mich zu einem erstklassigen Ersten Panflötisten heranzubilden. Auch den Zampoñaspieler links scheint meine Free-Jazz-Einlage nicht im geringsten zu stören. In einer Pause, während Jorge, das Metronom, mit den Charangos (spezielle Gitarren) probt, unterhalte ich mich ein bisschen mit meinem Kollegen:

Er: „You don‘t speak Spanish, or?“

Ich: „I don‘t even play the Pan flute.“

Herzliches Lachen. Ich bin Flötist, mein Gott.