Archiv der Kategorie: Gedichte

An das Böse

Liebes Böse,

ich kenne Dich.
Du bist ein verletztes Kind,
wütend, weil Du nicht mitspielen darfst.
Du verkleidest Dich gerne
als Attentäter oder Diktator
und spielst dann mit uns
Spiele, die wir nicht wollen.
Feierst Feste mit Menschen,
die gar nicht eingeladen sein wollten,
mit Bomben und Geschrei.
Du stehst gerne in der Zeitung
erscheinst in den Nachrichten
kurz vor dem Wetter.
„Ihr sollt mich noch kennenlernen“
grollst du oft.

Ich kenne Dich schon.
Manchmal besuche ich Dich
und schaue Dir zu,
wie Du mit Dir selbst beschäftigt bist.
Es tut mir leid,
dass ich offensichtlich gar nichts für Dich tun kann.
Oder stimmt das nicht?
Du hast Deinen Schmerz
und Deine Gründe.
Ja, Du hast recht.
Du bist misshandelt worden.

Ich liebe Dich
mehr als alles andere.
Verdienst Du es?
Nein, sagen viele.

Ich finde, Du brauchst es am meisten.

(25. Dez. 2016)

Erster Abend in Paris

Durch die Straßen von Paris fließt Edelgas,
du atmest es und fühlst dich weit und frei.
Du bist Musik und summst vorbei an vierzehn Schwulenbars.
Die Gärten, sagt man dir, sind von Napoleon Drei.

Mit Grandeur empfängt dich abends Aphrodite
(sie ist aus Marmor und vertritt hier meistens die Concierge).
Im Zwischenstock wohnst du zur Zwischenmiete,
und im Wandschrank überrascht dich nächtlich ein Klosett.

Haikus

Die Kerzen brennen.
So viel Wärme und Sattheit.
Heiliger Abend.

* * *

Die Engel fallen,
Flügel vom Frost zerbrochen.
Kein Krankenwagen?

* * *

Stau auf der A5.
Alle Fahrer steigen aus.
Die Vögel zwitschern.

When I was Born

When I was born, I got a name.
Sometimes some relatives came
and brought me „little gift for a little boy“:
a teddy bear, a car, or some other toy.
Of course my brother cried
and tried to take these things from me –
so he became my enemy.
I grew up, but still I was young.
Beauty was everything – the taste of my tongue!
In academic terms I worked for a title,
Sundays and somedays I worshipped an idol.
I never thought about death – my god!
‘Cause drugs’re as helpful as is drinking a lot.
And what will happen then, should I die?
I’m just dissolving my good old – I.

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Heute morgen

Heute morgen
ging ich aus dem Haus
und habe
aus Versehen
meinen Atem vergessen.

Er liegt wahrscheinlich noch
auf dem Kopfkissen, wo ich
ihn nach dem Träumen
(einem heftigen Alptraum)
erleichtert hingeseufzt hatte.

Jetzt umzudrehen und ihn zu holen
hätte keinen Zweck, ich muß doch
zur Arbeit.

Vielleicht kann ich ja
einen Kollegen/eine Kollegin bitten,
mir seinen/ihren zwischendurch mal
kurz auszuleihen
für ein paar Züge Luft. Wissen Sie,

irgendwie
tut mir das richtig gut, so dieses
einfach-abschalten-und-
durchatmen.

Beim Ticken der Standuhr

worüber schreiben?
was tun?
was sagen?

nur das. nur das. nur das.

kann ich was tun?
muss ich was sagen?
soll ich was schreiben?

nur das. nur das. nur das.

das hierjetzt ist nicht genug.
ich kann es nicht leiden.

nur das. nur das. nur das.

das jetzt kann das denken nicht verstehen.
es quält sich ab. es sagt: das reicht nicht!

nur das. nur das. nur das.

ich will nicht leiden.
muss ich leiden?

nur das. nur das. nur das.

(2009)