Archiv der Kategorie: Texte

A Single Bamboo Can Easily Bend

Eine Reise durch Asien – so könnte der Untertitel des neuen, erstaunlichen Programms der Zürcher Vokalisten lauten. Sieben der insgesamt fünfzehn Komponisten aus ebensovielen Nationen kommen aus China, Japan, Südkorea oder Indonesien – also aus Ländern, deren Musikkultur im eurozentristisch geprägten Bewusstsein oftmals klischeehaft mit asiatischen Restaurants oder Kinofilmen assoziiert und mit dem Etikett „exotisch“ versehen wird, im Konzerthaus jedoch deutlich unterrepräsentiert ist.

Statt des sonst üblichen roten Fadens bietet dieses Programm eher den Eindruck eines musikalischen Mosaiks: geistliche Werke sind ebenso vertreten wie eine Shakespeare-Vertonung, Filmmusik ebenso wie gesungene koreanische Lyrik. Bei alldem wirkt das „Fremde“ oft überraschend vertraut, und umgekehrt.

In Meplalian von Budi Susanto Yohanes verwandelt sich der Chor in ein balinesisches Gamelan-Orchester, dessen Instrumente normalerweise leicht gegeneinander verstimmt sind und deren Tonsystem stark von der europäischen Zwölftonteilung abweicht. Das Stück ist jedoch in der uns vertrauten Notation geschrieben, wodurch ein „westlicher“ Klangeindruck entsteht. Der Text besteht überwiegend aus den gesungenen indonesischen Tonbezeichnungen „ding deng dang dong dung“.

A single bamboo dagegen tendiert mehr zur Pentatonik, also zum traditionellen chinesischen Tonsystem. Gelegentliche Clusterbildungen lassen den Einfluss der europäischen Moderne anklingen. Die 1953 im südchinesischen Guangzhou geborene Chen Yi studierte Violine und Komposition am Konservatorium in Bejjing, wo sie als erste Frau überhaupt einen Abschluss als „Master of Arts“ erlangte.

Als „Mozart von Madras“ wird, vermutlich seiner Produktivität wegen, der indische Komponist Allah Rakha Rahman bezeichnet. Bereits sein Vater arbeitete als Filmkomponist für die grösste Filmindustrie der Welt: Bollywood. Rahman jr. erhielt 2009 einen Oscar für seine Musik zu „Slumdog Millionaire“, der mit sieben weiteren Oscars ausgezeichnet wurde. Das Stück Barso Re entstammt dem Film „Guru“ aus dem Jahre 2006 und ist im für Bollywood typischen Musicalstil verfasst: melodisch leicht fasslich und tanzbar.

Dagegen ist das 2008 entstandene Jubilate Deo, eine Vertonung des 100. Psalms, mit seinen polyphonen Linien und polytonalen Akkordschichtungen wiederum stark europäisch geprägt. Der japanische Komponist Kō Matsushita studierte in Japan und Ungarn und leitet derzeit weltweit vierzehn Chöre.

Der asiatische Schwerpunkt dieses Programms ist Teil eines übergreifenden Konzepts im Sinne eines „west-östlichen Divans“. Ambivalent, sozusagen Ost und West überbrückend, wirken die auf Quarten basierenden Klangfelder in der Volksliedbearbeitung Blue Bird der südkoreanischen Komponistin Jungsun Lee. Rabindranath Tagores Gedicht Time is endless, von Vytautas Miskinis vertont, entstammt dem Zyklus „Gitanjali“, für den der bengalische Dichter als erster Nicht-Europäer 1913 den Literaturnobelpreis erhielt.
Im asiatischen Kontext erscheint das O magnum mysterium des Spaniers Javier Busto plötzlich wie ein Fremdkörper. Die Teile der Komposition sind klar voneinander abgegrenzt: einer murmelnden Klangfläche folgt ein monophonisch-akkordischer Teil, der von einem an gregorianische Melodik angelehnten kantablen Mittelteil abgelöst wird.

Als „heimliche Nationalhymne“ galt 1967, nach dem Sechstagekrieg und der Wiedervereinigung Jerusalems, das patriotische Lied Yerushalayim shel zahav (Jerusalem aus Gold). Naomi Shemer, die „first lady of Israeli song and poetry“, entlehnte die Melodie einem baskischen Volkslied. Die klare Strophenform ist im Arrangement für Chor sehr abwechslungsreich gestaltet, die melancholische Melodie erklingt auch im Film „Schindlers Liste“.

Ebenfalls von einem filmmusikalischen Gestus geprägt ist Ola Gjeilos Sanctus. Fliessend wechselt er von einem Modus in den anderen (lydisch, äolisch), lässt solistische Chorstimmen über endlos gedehnten vollstimmigen Akkorden schweben, um sie schliesslich beim „Hosanna“ orgelartig im Fortissimo zu vereinen – eine Himmelsmusik, allen Unterschieden der Völker, Rassen und Nationen entrückt. „Alle Lande sind Deiner Ehre voll“ – so sollte es sein.

Sven Hinz

Rosalie, die Himmelskuh

Steigt vom Blau des Himmels nieder
Rosalie, die Himmelskuh.
Käut das Blau des Himmels wieder,
schmatzt und legt sich dann zur Ruh.

Morgens rupft sie frische Kräuter,
schmatzt und freut sich ihres Seins.
Kratzt genussvoll sich das Euter
an den Kanten eines Steins.

Rosalie, die Himmelsmuhme,
liebt im Stillen Nachbars Pferd.
Rupft sich eine Butterblume,
die sie fressend ihm verehrt.

Rosalie liebt diese Erde
ziemlich, doch beim Kuhgebimmel
ihrer heißgeliebten Herde
denkt sie öfters an den Himmel.

Nachts betrachtet sie die Sterne,
schaut dem Großen Ochsen zu,
seufzt und muht: „Ach, wär ich gerne
wieder eine Himmelskuh!“

(2017)

John Rutter – Karl Jenkins

John Rutter und Karl Jenkins: viele Gemeinsamkeiten verbindet die beiden nahezu gleichaltrigen Komponisten. Beide sind nicht eben typische Vertreter „Neuer“ Musik – streng konstruktivistische Elemente wie Zwölftonreihen oder dergleichen wird man bei ihnen nicht finden. Doch nicht nur darin unterscheiden sie sich von anderen zeitgenössischen Komponisten, sondern vor allem durch den Umstand, dass ihre Musiksprache der Hörerschaft eindeutige Assoziationen anbietet, anders gesagt: leicht verständlich ist – was in „strenger“ moderner Musik als verpönt gilt. Gerade bei Jenkins, der in den 90er Jahren Auftragsmusik für Werbespots komponierte (der Song Adiemus ist für die Fluggesellschaft Delta Airlines entstanden), ist die Nähe zu illustrativer Filmmusik gegeben.
Bevorzugtes Genre beider Komponisten ist die geistliche Chormusik, wobei ihre stilistischen Mittel durchaus unterschiedlich sind. Auf den ersten Blick könnte man Jenkins als einen „populären“, Rutter als einen „klassischen“ Komponisten bezeichnen, womit man jedoch keinem von beiden gerecht werden würde. Vielmehr öffnen sich beide den unterschiedlichsten Stilmitteln aus verschiedenen Epochen und Kulturen, darunter eben auch solchen der populären Musik, deren Anteil bei Jenkins überwiegt.

Karl Jenkins wuchs in einem kleinen Dorf an der walisischen Küste, in Penclawdd, auf und spielte zunächst Oboe im National Youth Orchestra of Wales, bevor er an der Cardiff University und an der Royal Academy of Music in London studierte. Er gilt als Grenzgänger, der Klassik, Rock und Jazz in seinen Werken vereint. Zu Beginn seiner Karriere war er als Jazzrockmusiker mit Saxophon (und Oboe!) erfolgreich und gewann als Mitbegründer der Jazzrock-Gruppe Nucleus 1970 den ersten Preis beim Jazz-Festival von Montreux. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1994 mit Songs of Sanctuary, die sich dem Weltmusik-Genre oder gar der New-Age-Strömung zuordnen lassen.
Der in London geborene John Rutter hingegen scheint viel eher der Vorstellung eines klassisch-seriösen Komponisten zu entsprechen: er besuchte zusammen mit John Tavener die traditionsreiche Highgate School in London und sang als Chorknabe bei der von Benjamin Britten selbst geleiteten Uraufführung des War Requiems mit. Bereits im Alter von dreißig Jahren war Rutter als Chorleiter international bekannt. 1981 gründete er das A-capella-Ensemble „Cambridge Singers“, das ebenfalls weltweit Erfolge feierte. Sein 1970 entstandener Chorsatz God be in my head ist ein moderner Klassiker geistlicher Chormusik und hat heute einen festen Platz im Repertoire zahlloser Kirchenchöre.
Als wesentlich anspruchsvoller präsentiert sich hingegen sein doppelchöriger Hymnus an den Schöpfer des Lichts von 1992, für den er selbst den Text verfasste, und dessen Musiksprache teilweise an Olivier Messiaen gemahnt. Schon die erste Zeile „Glory be to Thee, o Lord“ entspricht in ihrer Intervallstruktur einem der Messiaenschen Modi, wird aber im Sinne einer erweiterten Dur-Moll-Harmonik eingesetzt.
Noch stärker drängt sich der Vergleich mit Messiaen in Come down, O Love divine (1998) auf. Ähnlich wie bei dessen berühmten „Kirchenfenster-Effekt“ erzeugt Rutter durch Doppelchörigkeit und Solisten vielfältig gestaffelte Tiefenebenen, die wie übereinandergeschobene Buntglasfenster das Licht (bzw. den Klang) entweder diffuser oder klarer erscheinen lassen.

Dass Karl Jenkins in seiner Eigenschaft als Grenzgänger gelegentlich auch die (ansonsten strikte) Trennung zwischen Instrumental- und Vokalmusik überschreitet, verwundert nicht. Bei Exsultate Jubilate etwa handelt es sich um die Textierung seines Erfolgsstückes Palladio (1993), das ursprünglich einen Werbespot für Diamanten untermalte und das Jenkins später zu einem neobarocken Concerto grosso erweiterte – ein Vorgang, der an das barocke Parodieverfahren erinnert, bei der einer weltlichen Musik nachträglich ein geistlicher Text unterlegt wird. Auch in Pie Jesu herrscht durch den Wechsel von Staccato-Akkorden und Legato-Linien ein instrumentaler Gestus vor, der dem pizzicato- bzw. arco-Spiel eines Streichorchesters entspricht.
Cantate Domino ist ebenfalls eine Retextierung. In der ursprünglichen Version von 1994 mit dem Titel Adiemus bediente sich Jenkins einer selbstentworfenen Silbensprache, welche, frei von Bedeutung, klanglich zwischen Kindersprache, Latein und afrikanischen Sprachen changiert: „Ariadiamus late / anamana coo-le ra-we a-ka-la…“ Sprache wird Musik: Assoziationen entstehen, die mehr gefühlt als verstanden werden.

Sven Hinz

Nachtrag zu Buridans Esel

Wie bitte? Der Esel verhungert, sagen Sie? Weil er sich angeblich nicht entscheiden kann?
(Zwei Heuhaufen, beide gleich an Rang…)
Aber ich bitte Sie, das ist doch wohl nicht realistisch.
(Eben, nur ein Gedankenexperiment.)
Platzieren Sie einen Esel exakt zwischen beiden Futterquellen, sagen wir mit einer Äquidistanz von zehn Metern…
(Was passiert?)
…er wird schauen, schnuppern, hier wie da, und dann lostraben, auf einen der Haufen zu, es wird ihm egal sein, völlig schnuppe, es wird der sein, von dem grad der günstigste Wind weht, er ist nicht in der Lage, sich nicht zu entscheiden, weil er eben nicht denkt, nicht so wie wir.
(Nicht?)
Nein. Sein Urteil ist kein Gedankenurteil, es folgt nicht logischen Gründen, ist Faktoren unterworfen, die wir nicht kennen, unabsehbar, unergründlich, gottgleich.
(Sind wir mehr als ein Esel, weniger als Gott?)
Weder noch. Esel oder Gott – sie sind die Heuhaufen, zwischen denen wir stehen.

Wie der Teufel gewann

Einmal wettete der Teufel, er wisse eine Zahl, die sei so groß, dass selbst Gott sie nicht fassen könne.
„Schieß los“, sprach Gott (wodurch er wieder einmal versehentlich einen Urknall auslöste). Sogleich scharten sich alle Engel um den Teufel herum, denn sie liebten Spiele jeder Art, und Zahlenspiele auch, obwohl sie ja eigentlich gar nicht rechnen konnten.
Der Teufel begann und redete von Graham’s Number, der größten, je in einem mathematischen Beweise vorkommenden Zahl. Davon war Gott überaus fasziniert, und er hörte aufmerksam zu, wobei er fast völlig seine versehentliche Schöpfung vergaß, die nun hinter seinem Rücken munter vor sich herexpandierte.
Und der Teufel exponierte sich und seine gigantische Zahl, türmte Potenz auf Potenz, und beschoss sie mit Pfeilen, so dass ihre Stellen den Raum zwischen den Galaxien restlos anfüllten, und er schwafelte und schwefelte, er schnaufelte und zähfelte, und so ging’s die halbe Ewigkeit…
  „…plus eins!“ rief ein dicker kleiner Engel, und alle andern kicherten. Sie waren des Zifferngeleiers schon nach dreizehneinhalb Milliarden Jahren überdrüssig geworden, und so hatten sie sich von dem Besessenen ab- und einem lustigeren Zeitvertreib zugewandt: sie spielten jetzt Engel-Gedrängel auf einer Stecknadel, die einer im Heuhaufen Buridans gefunden hatte. Der Teufel aber glaubte, das mit der Eins gelte ihm, und ob man ihn gar übertrumpfen wolle? Das ärgerte ihn so sehr, dass er sich aufblähte und anschwoll, bis er zerplatzte und dabei das gesamte Universum auseinanderriss.

„Tja, mein Lieber“, sprach Gott zu sich allein und blickte etwas ratlos in der Zehnten Dimension umher.
„Er hatte wohl recht. War nicht zu fassen.“

An das Böse

Liebes Böse,

ich kenne Dich.
Du bist ein verletztes Kind,
wütend, weil Du nicht mitspielen darfst.
Du verkleidest Dich gerne
als Attentäter oder Diktator
und spielst dann mit uns
Spiele, die wir nicht wollen.
Feierst Feste mit Menschen,
die gar nicht eingeladen sein wollten,
mit Bomben und Geschrei.
Du stehst gerne in der Zeitung
erscheinst in den Nachrichten
kurz vor dem Wetter.
„Ihr sollt mich noch kennenlernen“
grollst du oft.

Ich kenne Dich schon.
Manchmal besuche ich Dich
und schaue Dir zu,
wie Du mit Dir selbst beschäftigt bist.
Es tut mir leid,
dass ich offensichtlich gar nichts für Dich tun kann.
Oder stimmt das nicht?
Du hast Deinen Schmerz
und Deine Gründe.
Ja, Du hast recht.
Du bist misshandelt worden.

Ich liebe Dich
mehr als alles andere.
Verdienst Du es?
Nein, sagen viele.

Ich finde, Du brauchst es am meisten.

(25. Dez. 2016)